Frühe Neuzeit · 1600-1789

Der Absolutismus

1600-1789

L État c est moi — die Zeit der Sonnenkönige.

Der Absolutismus war die dominante Regierungsform Europas im 17. und 18. Jahrhundert. Ein Monarch — von Gott eingesetzt, niemandem rechenschaftspflichtig — vereinte alle Macht in seiner Person. "L État c est moi" ("Der Staat bin ich") soll Ludwig XIV. gesagt haben. Die Aussage ist umstritten, aber sie fasst die Epoche zusammen.

Was ist Absolutismus?

  • Alleinherrschaft des Monarchen
  • Keine Bindung an Verfassung oder Stände
  • "Gottesgnadentum": Macht direkt von Gott
  • Stehendes Heer unter Königsbefehl
  • Zentrale Bürokratie
  • Merkantilismus als Wirtschaftspolitik
  • Hofstaat als Machtinstrument

Ursprünge

  • Spätmittelalter: Adel verliert an Macht
  • Konfessionskriege schwächen Stände
  • Dreißigjähriger Krieg (1618-1648) zerstört Macht der Reichsstände
  • Westfälischer Friede 1648 stärkt Territorialherren
  • Theoretische Begründung: Jean Bodin (1530-1596) "Six livres de la République"
  • Souveränitätslehre: unteilbar, absolut
  • Thomas Hobbes (1588-1679) "Leviathan" — starker Staat gegen Bürgerkrieg

Frankreich als Modell

  • Heinrich IV. (1589-1610): erste Schritte
  • Ludwig XIII. (1610-1643) mit Kardinal Richelieu
  • Mazarin als Nachfolger
  • Fronde-Aufstände 1648-53 — niedergeschlagen
  • Ludwig XIV. (1643-1715) — Höhepunkt
  • Versailles ab 1661 ausgebaut
  • Adel an den Hof gebunden
  • "Sonnenkönig" — 72 Jahre Regentschaft

Versailles als Symbol

  • Aus Jagdschloss zum größten Palast Europas
  • Bis zu 20.000 Höflinge
  • Strikte Hofetikette
  • Lever du roi — Aufstehen des Königs als Zeremonie
  • Adel beschäftigt mit Höfischen Spielen
  • Keine Zeit für Provinzpolitik
  • Vorbild für andere Höfe (Berlin, Wien, Madrid, München)

Merkantilismus

  • Wirtschaftspolitik des Absolutismus
  • Staatliche Lenkung der Wirtschaft
  • Export fördern, Import begrenzen
  • Goldhortung (Bullionismus)
  • Manufakturen als Vorläufer der Fabriken
  • Jean-Baptiste Colbert (1619-1683) als Theoretiker und Praktiker
  • "Colbertismus" als französische Variante
  • Schutzzölle, Privilegien

Stehendes Heer

  • Vorher: Söldner oder Lehensaufgebot
  • Nun: dauerhafte Berufsarmee
  • Direkt dem König unterstellt
  • Uniformierung, Drill
  • Friedrich Wilhelm I. von Preußen ("Soldatenkönig"): ~80.000 Mann bei nur 2 Mio. Einwohnern
  • Frankreich unter Ludwig XIV.: ~400.000 Mann
  • Militär verschlingt 50-70% des Budgets

Bürokratie

  • Beamtenstand entsteht
  • Universitätsausbildung als Voraussetzung
  • Loyal dem König, nicht regionalen Herren
  • Intendanten in Frankreich
  • Bezahlte Verwaltung
  • Steuern professioneller eingezogen

Religion

  • "Cuius regio, eius religio" — wessen Land, dessen Religion
  • König bestimmt Konfession des Landes
  • Frankreich: Hugenotten-Vertreibung 1685 (Edikt von Fontainebleau)
  • ~200.000 Hugenotten verlassen Frankreich
  • England: Anglikanische Staatskirche
  • Preußen: relative Toleranz aus Pragmatismus

Aufgeklärter Absolutismus

  • 18. Jahrhundert
  • Monarchen übernehmen Ideen der Aufklärung
  • Aber: Macht bleibt absolut
  • "Erster Diener des Staates" (Friedrich II.)
  • Wohlfahrt für Untertanen — aber von oben verordnet
  • Reformen ohne Mitsprache

Wichtige Vertreter

Frankreich

  • Ludwig XIV. (1643-1715) — Klassischer Absolutismus
  • Ludwig XV. (1715-1774)
  • Ludwig XVI. (1774-1792) — endet mit Französischer Revolution

Preußen

  • Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst (1640-1688)
  • Friedrich I. (1688-1713) — erste preußische Königskrönung
  • Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) — Soldatenkönig
  • Friedrich II. der Große (1740-1786) — aufgeklärter Absolutismus

Österreich

  • Leopold I. (1658-1705)
  • Karl VI. (1711-1740)
  • Maria Theresia (1740-1780)
  • Joseph II. (1780-1790) — Reformkaiser

Russland

  • Peter der Große (1682-1725) — Modernisierer
  • Katharina II. die Große (1762-1796) — aufgeklärt-absolutistisch

Spanien

  • Habsburger bis 1700 (Karl II. ohne Erben)
  • Spanischer Erbfolgekrieg 1701-14
  • Bourbonen ab 1700
  • Philipp V., Karl III.

England als Ausnahme

  • Versuche unter Karl I. — scheiterten
  • Englischer Bürgerkrieg 1642-1649
  • Karl I. hingerichtet
  • Cromwell als Lord Protector
  • Restauration 1660
  • Glorious Revolution 1688
  • Bill of Rights 1689
  • Konstitutionelle Monarchie statt Absolutismus

Theoretiker

  • Jean Bodin (1530-1596) — Souveränitätslehre
  • Thomas Hobbes (1588-1679) — "Leviathan" 1651
  • Jacques-Bénigne Bossuet (1627-1704) — "Politique tirée de l Écriture sainte"
  • Robert Filmer — "Patriarcha"
  • Joseph de Maistre — später Verteidiger

Kritiker

  • John Locke (1632-1704) — Two Treatises 1689
  • Montesquieu — Gewaltenteilung
  • Voltaire — Toleranz, Kritik an Klerus
  • Rousseau — Volkssouveränität
  • Aufklärung untergräbt absolute Macht

Krise und Ende

  • Hohe Staatsschulden durch Kriege
  • Wachsende bürgerliche Schicht
  • Aufklärung verändert Denken
  • Amerikanische Unabhängigkeit 1776 als Modell
  • Französische Revolution 1789 — Ende des klassischen Absolutismus
  • Hinrichtung Ludwigs XVI. 1793
  • Andere Monarchien reformieren oder fallen

Lebensbedingungen unter Absolutismus

  • Hohe Steuern
  • Abgaben an Adel und Kirche
  • Keine politischen Rechte
  • Pressefreiheit eingeschränkt
  • Religionsfreiheit nur bedingt
  • Aber: relativer innerer Frieden
  • Anfänge moderner Verwaltung und Infrastruktur

Kulturelle Blüte

  • Barock-Architektur (Schlösser, Kirchen)
  • Hofkultur prägt Musik, Theater, Mode
  • Pariser Mode wird europäisch
  • Französisch als Hofsprache (auch Friedrich II. korrespondierte französisch)
  • Académie française 1635
  • Comédie-Française 1680
  • Hofzeremoniell als Kunstform

Wirtschaftliche Bilanz

  • Stehendes Heer und Hof teuer
  • Hohe Steuerlast
  • Aber auch: Aufbau von Manufakturen
  • Straßennetz
  • Kanalbau
  • Standardisierung
  • Grundlage für Industrialisierung gelegt

Erbe

  • Moderne Bürokratie als Erfindung
  • Idee des "Staates" als Institution jenseits der Person
  • Berufsbeamtentum
  • Stehendes Heer
  • Direkte Besteuerung
  • Negativ: autoritäre Tradition
  • Positiv: Effizienzgewinne, die später für Demokratien genutzt werden

Außerhalb Europas

  • Osmanen unter Suleiman dem Prächtigen — vergleichbar
  • Mughal-Reich in Indien
  • China: Qing-Dynastie
  • Japan: Tokugawa-Shogunat (faktisch absolutistisch)
  • Aber: Begriff "Absolutismus" historisch europazentrisch

Bewertung

  • Lange als "Vorform der Tyrannei" verstanden
  • Heute differenzierter: tatsächliche Macht oft begrenzter als Theorie
  • "Absolutismus" als Konzept teilweise im Rückblick konstruiert
  • Funktionale Aspekte: Staatsbildung, Verwaltung, Sicherheit
  • Nationen entstehen in dieser Epoche

Eine Epoche zwischen Glanz und Gewalt

Der Absolutismus war Versailles und Hugenottenverfolgung, Bach-Kantaten und Bauernabgaben, aufgeklärte Reformen und absolutistische Willkür. Aus heutiger Sicht autoritär — aber gemessen an der Anarchie der Konfessionskriege auch ein Fortschritt. Die moderne Staatlichkeit, mit der wir heute leben, wurde im Absolutismus erfunden. Bis hin zum Beamten, der heute jedem Bürger seine Steuern erklärt — eine absolutistische Erfindung.