Der Dreißigjährige Krieg
Der vernichtendste Krieg der frühen Neuzeit — Deutschland zerstört, Konfessionen versöhnt, Europa verändert.
Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) ist der vernichtendste Krieg, den Mitteleuropa vor dem 20. Jahrhundert erlebte. Er begann als religiöser Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten und endete als europäischer Machtkampf. Deutschland verlor ein Drittel bis die Hälfte seiner Bevölkerung. Der Westfälische Frieden begründete die moderne Staatenordnung.
Vorgeschichte
- 1517: Reformation beginnt
- 1555: Augsburger Religionsfrieden — Cuius regio eius religio
- Calvinismus nicht anerkannt — Konflikte
- Konfessionalisierung der Territorien
- Protestantische Union (1608) und Katholische Liga (1609)
- Habsburger drängen zur Rekatholisierung
Der Prager Fenstersturz (1618)
- 23. Mai 1618
- Böhmische Protestanten verärgert über König Ferdinand II.
- Werfen zwei katholische Statthalter und einen Schreiber aus dem Fenster der Prager Burg
- 17 m tief — alle drei überleben (auf Misthaufen gefallen)
- Auslöser des Krieges
- Böhmen wählt 1619 Friedrich V. von der Pfalz zum König — "Winterkönig"
Vier Phasen
1. Böhmisch-Pfälzischer Krieg (1618-1625)
- 8. November 1620: Schlacht am Weißen Berg — Tilly besiegt Friedrich V.
- Böhmischer Adel hingerichtet (1621)
- Böhmen rekatholisiert
- Friedrich V. flieht — daher "Winterkönig" (nur einen Winter regiert)
- Spanier erobern Pfalz
2. Dänisch-Niedersächsischer Krieg (1625-1629)
- König Christian IV. von Dänemark interveniert
- 1626: Wallenstein wird kaiserlicher Generalissimus
- 1626: Schlacht bei Lutter — Tilly schlägt Dänen
- 1629: Restitutionsedikt — alle seit 1552 säkularisierten Kirchengüter zurück
- Protestanten erbost
3. Schwedischer Krieg (1630-1635)
- König Gustav II. Adolf von Schweden interveniert
- "Löwe aus Mitternacht"
- Frankreich finanziert (auch wenn katholisch — Politik vor Religion)
- 1631: Eroberung Magdeburgs durch Tilly — ~20.000 Tote, Stadt brennt
- "Magdeburger Hochzeit" als Symbol
- Gustav II. Adolf siegt bei Breitenfeld 1631
- 1632: Schlacht bei Lützen — Schweden gewinnt, aber Gustav fällt
- 1634: Schlacht bei Nördlingen — kaiserlicher Sieg
- 1635: Prager Frieden
4. Französisch-Schwedischer Krieg (1635-1648)
- Frankreich tritt offiziell ein (Kardinal Richelieu)
- Konfessionelle Aspekte treten zurück
- Reine Machtpolitik
- Lange wechselhafte Kämpfe
- Schließlich Erschöpfung aller Beteiligten
Wichtige Personen
Ferdinand II. (1578-1637)
- Habsburger Kaiser ab 1619
- Streng katholisch, jesuitisch erzogen
- Will Reich rekatholisieren
Albrecht von Wallenstein (1583-1634)
- Aus böhmischem Adel
- Kaiserlicher Generalissimus 1626
- Stellt Privatarmee auf eigene Kosten
- Versorgt sich durch Kontributionen
- Wird Kaiser zu mächtig
- 1630 entlassen
- 1632 wieder eingesetzt
- 1634 in Eger ermordet (auf Befehl des Kaisers)
- Schiller-Trilogie (1799)
Tilly (1559-1632)
- Johann T'Serclaes, Graf von Tilly
- Feldherr der Katholischen Liga
- "Magdeburger Hochzeit" macht ihn berüchtigt
- Stirbt 1632 nach Schlacht bei Rain am Lech
Gustav II. Adolf (1594-1632)
- Schwedenkönig ab 1611
- Großer Heerführer, Reformer der Kriegskunst
- Schwedische Tabelinfanterie
- Beweglichere Artillerie
- Fällt bei Lützen 1632
Kardinal Richelieu (1585-1642)
- Erster Minister Frankreichs
- Katholisch, aber unterstützt Protestanten
- Schwächt Habsburger durch Krieg
- Begründer der "Staatsräson"
Söldnerwesen
- Keine stehenden Heere
- Söldner aus ganz Europa
- Wallensteins Heer bis zu 150.000 Mann
- Versorgen sich durch Plünderungen — "Krieg ernährt Krieg"
- Marketenderinnen, Tross folgen
- Soldaten oft wechseln Seite
Auswirkungen auf Bevölkerung
Bevölkerungsverlust
- Deutschland von ~16 auf 10 Mio. Einwohner
- ~30-50% Bevölkerungsverlust in besonders betroffenen Regionen
- Magdeburg, Pfalz, Württemberg, Sachsen-Anhalt katastrophal
- ~30 % weniger Dörfer und Städte
Ursachen
- Direkte Kriegseinwirkungen (Schlachten, Belagerungen)
- Pest und Seuchen (Typhus, Ruhr) — größter Anteil
- Hungersnöte (Felder verwüstet)
- Plünderungen, Mord
- Vertreibungen
Berichte
- Grimmelshausen: "Simplicius Simplicissimus" (1668)
- Schauplatz und Schrecken des Krieges
- Eines der wichtigsten deutschen Romane der Barockzeit
Magdeburger Hochzeit (1631)
- 20. Mai 1631
- Tilly erobert Magdeburg
- Brände, Plünderung, Vergewaltigung
- ~20.000 von 25.000 Einwohnern sterben
- Schreckliche Symbolik des Krieges
- "Magdeburgisieren" als Verb
Hexenverfolgung
- Während Krieg verschärfte sich Hexenverfolgung
- Würzburg, Bamberg in Hochphase
- Sündenbock-Suche bei Hunger und Pest
- Klimakrise (Kleine Eiszeit)
Westfälischer Frieden (1648)
Verhandlungen
- Ab 1644 in Münster (Katholiken, Kaiser, Frankreich)
- Ab 1645 in Osnabrück (Protestanten, Schweden)
- Erstes europäisches Friedenskongress mit Diplomaten aller Mächte
- 30 Monate Verhandlungen
- 24. Oktober 1648: Verträge unterzeichnet
Inhalt
- Religionsfrieden: Calvinismus offiziell anerkannt
- Toleranz: Andersgläubige im Territorium dürfen bleiben
- Konfessionelle Zustand 1624 als Normaljahr
- Souveränität der Reichsstände: ~300 quasi-souveräne Territorien
- Niederlande: unabhängig (de jure, de facto seit 1581)
- Schweiz: unabhängig vom Reich
- Frankreich: Elsass (außer Straßburg)
- Schweden: Vorpommern, Wismar, Bremen, Verden
- Brandenburg-Preußen: Hinterpommern, Magdeburg
Heiliges Römisches Reich nach 1648
- Faktisch in 300+ Territorien zersplittert
- Kaiser bleibt, aber wenig Macht
- "Mit Kopf, aber ohne Hände" (Pufendorf)
- Hindernis für nationale Einigung
- Wirtschaftlich rückständig im Vergleich zu Frankreich, England
Westfälisches System
- "Westfälische Souveränität" — Grundprinzip moderner Staatlichkeit
- Staaten als gleichberechtigte Akteure
- Nichteinmischung in innere Angelegenheiten
- Säkularisierung der Außenpolitik
- Bis heute Grundlage des Völkerrechts
- UN-Charta basiert darauf
Folgen
Religiös
- Konfessionalismus akzeptiert
- Westeuropa konfessionell stabilisiert
- Religiöse Kriege beendet (in Westeuropa)
- Säkularisierung beschleunigt
Politisch
- Aufstieg Frankreichs und Schwedens
- Niedergang der Habsburger und Spanier
- Aufstieg Brandenburg-Preußens
- Niederlande als Großmacht
Wirtschaftlich
- Deutschland weit zurückgeworfen
- England, Niederlande ziehen davon
- Beginn der Globalisierung an Deutschland vorbei
Mental
- Trauma in deutschem kollektiven Gedächtnis
- Furcht vor Krieg prägend
- "Nie wieder Krieg auf deutschem Boden" als Motiv 1815 und 1945
In der Kunst
- Grimmelshausen: Simplicissimus
- Schiller: Wallenstein-Trilogie (1799)
- Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder (1939)
- Gemälde von Jacques Callot: "Die Schrecken des Krieges" (1633)
- Erste systematische Darstellung von Kriegsverbrechen in der Kunst
Andere Kriege parallel
- Niederländischer Unabhängigkeitskrieg (1568-1648) — endet ebenfalls 1648
- Französisch-Spanischer Krieg (1635-1659)
- Polnisch-Schwedische Kriege
Zeitgenossen
- Rene Descartes (1596-1650): "Cogito ergo sum" — entwickelt seine Philosophie während des Krieges
- Galileo Galilei (1564-1642): Astronom
- Kepler (1571-1630): muss vor Krieg fliehen, stirbt in Regensburg
- Rembrandt (1606-1669): Niederlande blüht
- William Shakespeare (1564-1616) — Anfang des Krieges
"Nie wieder!"
- 30-jähriger Krieg lehrte Europa: Religionskriege nicht gewinnbar
- Beginn der religiösen Toleranz (zumindest zwischen Konfessionen)
- Weiterhin Konflikte — aber nicht primär religiös
- Aufklärung 18. Jh. baut auf Toleranzgedanken auf
Heute vergleichbar?
- Manche Vergleiche zu Syrien-Krieg (2011 ff): konfessionelle Komponente, internationale Stellvertreterkonflikte, Bevölkerungskatastrophe
- "Westfälisches System" zunehmend infrage gestellt (Cyberangriffe, transnationale Akteure)
- Aber: bis heute Grundordnung der Welt
Wichtige Schlachten
- Weißer Berg (1620): Schlüsselsieg Kaiser
- Lutter (1626): Sieg Tilly über Dänen
- Breitenfeld (1631): Schweden besiegen Kaiserliche
- Lützen (1632): Gustav Adolf fällt
- Nördlingen (1634): kaiserlicher Sieg
- Rocroi (1643): Franzosen besiegen Spanier
- Jankau (1645): schwedischer Sieg
- Zusmarshausen (1648): letzte große Schlacht
Internationale Bedeutung
- Erste paneuropäische Friedensordnung
- Vorbild für Wiener Kongress (1814/15)
- Inspiration für UN-Charta
- Moderne diplomatische Praxis entsteht
Eine Generation ohne Frieden
Wer 1618 als Säugling geboren wurde, kannte bis zu seinem 30. Geburtstag nur Krieg. Wer 1648 als 30-Jähriger den Frieden erlebte, hatte als Kind miterlebt, wie Soldaten die Eltern erschlugen, das Dorf brannte, der Tross Pest und Hunger brachte. Drei Jahrzehnte Trauma formten die deutsche Mentalität für Jahrhunderte. "Mit Friedens Anschaffung, kommt nur das Halbteil Glück": Grimmelshausen wusste, was er schrieb.