Menschenrechte
Von den ersten Rechtsdokumenten bis zur UN-Menschenrechtserklärung — die Geschichte einer Idee.
Die Idee, dass jedem Menschen unveräußerliche Rechte zustehen — allein aufgrund seines Menschseins — ist eine der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Sie wurde nicht erfunden, sondern in Jahrtausenden errungen. Vom Codex Hammurabi bis zur UN-Menschenrechtserklärung führt ein langer, blutiger Weg.
Antike Anfänge
- Codex Hammurabi (~1754 v. Chr.): erstes umfassendes Gesetzbuch; "Auge um Auge", aber auch Schutz Schwacher
- Kyros-Zylinder (~539 v. Chr.): Kyros der Große garantiert Religionsfreiheit, Heimkehr Vertriebener; oft als "erste Menschenrechtserklärung" bezeichnet
- Stoa (Griechenland/Rom): erste philosophische Idee einer "Menschheitsfamilie"
- Römisches Recht: ius gentium — Recht aller Völker
- Aber: Sklaverei akzeptiert; Frauen ohne Rechte
Religiöse Wurzeln
- Judentum: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Lev 19,18); Menschen "im Ebenbild Gottes" (Gen 1,27)
- Christentum: Universalitätsanspruch — "Es ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier" (Gal 3,28)
- Islam: Brüderlichkeit der Gläubigen; Schutz für "Schriftbesitzer"
- Buddhismus: Mitgefühl mit allen Lebewesen
Mittelalter
- Magna Carta (1215): erste Beschränkung königlicher Willkür in England
- Adel erringt Rechte, Bürger und Bauern noch nicht
- Bürgerrechte in Stadt-Gemeinden ("Stadtluft macht frei")
- Aber: Hexenverfolgung, Pogrome, Kreuzzüge
Frühe Neuzeit
- Spanische Schulgelehrte (Bartolomé de las Casas): erstes Eintreten für Rechte der Indigenen
- Petition of Right (England 1628)
- Habeas Corpus Act (England 1679): Schutz vor willkürlicher Verhaftung
- Bill of Rights (England 1689): Rechte gegen den König
Aufklärung als Wendepunkt
- Aufklärung als ideologische Grundlage
- John Locke: Leben, Freiheit, Eigentum als Naturrecht
- Voltaire: Toleranz
- Rousseau: Volkssouveränität
- Montesquieu: Gewaltenteilung
- Universelle Vernunft als Grundlage
Die großen Erklärungen
Amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776)
- "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal"
- Recht auf Leben, Freiheit, Streben nach Glück
- Aber: Sklaverei bleibt
Bill of Rights (USA 1791)
- 10 Zusatzartikel zur US-Verfassung
- Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit
- Schutz vor staatlicher Willkür
Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789)
- 26. August 1789
- "Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten"
- 17 Artikel
- Vorbild für die meisten späteren Verfassungen
- UNESCO-Welterbe der Dokumente
Olympe de Gouges (1791)
- "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin"
- Konsequente Erweiterung auf Frauen
- 1793 selbst guillotiniert
19. Jahrhundert
- Sklavereiabschaffung: GB 1833, USA 1865, Brasilien 1888
- Abolitionismus als Bewegung
- Genfer Konvention (1864): Rotes Kreuz, Schutz Verwundeter
- Erste Frauenbewegung: Suffragetten
- Mary Wollstonecraft, Susan B. Anthony
- 1893: Neuseeland — erstes Land mit Frauenwahlrecht
20. Jahrhundert: Brüche und Fortschritte
Erster Weltkrieg und Folgen
- Massenleid, neue Sensibilität
- Völkerbund 1920 (gescheitert)
- Internationale Arbeitsorganisation (ILO) 1919
Holocaust als Zäsur
- NS-Regime und Holocaust als "Nullpunkt"
- Industrieller Massenmord erschüttert Glauben an Menschlichkeit
- Nach 1945: "Nie wieder!"
UN-Menschenrechtserklärung (1948)
- 10. Dezember 1948 in Paris
- Eleanor Roosevelt als Vorsitzende
- 30 Artikel
- "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren"
- Universalitätsanspruch
- Keine rechtliche Verbindlichkeit, aber moralisches Fundament
- 10. Dezember: Tag der Menschenrechte
UN-Menschenrechtspakte (1966)
- Sozialpakt: wirtschaftliche, soziale, kulturelle Rechte
- Zivilpakt: bürgerliche und politische Rechte
- Verbindliche Verträge
- UN-Menschenrechtsausschuss
Wichtige Konventionen
- Anti-Folter-Konvention (1984)
- Kinderrechtskonvention (1989)
- Frauenrechtskonvention CEDAW (1979)
- Rassendiskriminierung (1965)
- Genozid-Konvention (1948)
- UN-Behindertenrechtskonvention (2006)
Regionale Systeme
- Europäische Menschenrechtskonvention (1950)
- Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (Straßburg)
- Amerikanische Menschenrechtskonvention (1969)
- Afrikanische Charta (1981)
- Arabische Charta (2004)
Bürgerrechtsbewegungen
- USA: Martin Luther King, Rosa Parks — 1950er-60er
- Apartheid Südafrika: Mandela, ANC
- Indien: Gandhi, Unabhängigkeit
- Frauenbewegung 2. Welle (1960er-)
- Schwulenbewegung seit Stonewall 1969
Aktuelle Rechtsfragen
- Klimagerechtigkeit
- Recht auf sauberes Wasser (UN 2010)
- Digitale Rechte, Datenschutz
- LGBTQ-Rechte
- Recht auf Asyl (Flüchtlingskonvention 1951)
- Indigene Rechte
Brennpunkte heute
- China: Uiguren in Xinjiang
- Saudi-Arabien: Frauenrechte, Hinrichtungen
- Russland: Pressezensur, Opposition
- Afghanistan: Taliban-Herrschaft
- Myanmar: Rohingya-Verfolgung
- Israel/Palästina
- USA: Polizeigewalt, Todesstrafe
Verletzungen historisch
- Genozide: Armenien (1915), Holocaust (1933-45), Kambodscha (1975-79), Ruanda (1994), Srebrenica (1995), Darfur (2003-)
- Apartheid Südafrika
- Stalin-Gulag, Mao-Kulturrevolution
- Folter weltweit
- Todesstrafe noch in vielen Ländern
Universalismus vs. Relativismus
- Kritik: "Westliche Erfindung", Eurozentrismus
- Asiatische Werte-Debatte
- "Cairo Declaration of Human Rights in Islam" (1990)
- Aber: universeller Anspruch UN
- Praktisch wirken Rechte unabhängig von Kultur
NGOs
- Amnesty International (1961)
- Human Rights Watch
- Internationales Komitee vom Roten Kreuz
- Reporter ohne Grenzen
- Ärzte ohne Grenzen
Internationaler Strafgerichtshof
- Rom-Statut (1998), Gericht in Den Haag
- Verfolgt Genozid, Verbrechen gegen Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Aggression
- Haftbefehl gegen Putin (2023)
- USA, Russland, China nicht Mitglied
Symbolische Daten
- 10. Dezember — Tag der Menschenrechte
- 27. Januar — Holocaust-Gedenktag
- 8. März — Internationaler Frauentag
- 21. März — Tag gegen Rassismus
- 20. Juni — Weltflüchtlingstag
- 20. November — Tag der Kinderrechte
Generationen der Menschenrechte
- 1. Generation: bürgerlich-politisch (Freiheitsrechte)
- 2. Generation: wirtschaftlich-sozial-kulturell (Sozialrechte)
- 3. Generation: kollektiv (Selbstbestimmung, Frieden, Entwicklung)
- 4. Generation (umstritten): digitale Rechte, Umweltrechte
Heutiger Stand
- Universelle Anerkennung als Idee
- Aber tägliche Verletzungen
- Demokratien unter Druck
- Autoritäre Regime zunehmen
- Freedom House 2024: 18. Jahr in Folge globale Verschlechterung
- Aber: Menschenrechte als Standard nicht mehr verhandelbar
Die mächtigste Idee der Geschichte
Vor 250 Jahren hatte kein Mensch "Rechte" allein wegen seines Menschseins. Heute kann jeder einzelne Mensch auf der Welt sagen: "Ich habe Rechte, weil ich Mensch bin" — und damit hat er recht. Diese Idee hat mehr Menschen befreit als jede Revolution. Sie ist unfertig, sie ist umkämpft, sie wird täglich verletzt. Aber sie ist da. Das ist die größte zivilisatorische Errungenschaft der Moderne.