Person · 20. Jh.

Michail Gorbatschow

1931-2022

Glasnost, Perestroika und das Ende des Kalten Krieges — der Mann, der den Eisernen Vorhang fallen ließ.

Michail Sergejewitsch Gorbatschow (1931-2022) ist eine der entscheidenden Figuren des 20. Jahrhunderts. Als letzter Staatschef der Sowjetunion beendete er den Kalten Krieg friedlich — und löste damit den Zerfall seines eigenen Reiches aus. Im Westen verehrt, in Russland geschmäht.

Herkunft

  • Geboren 2. März 1931 in Priwolnoje (Stavropol)
  • Bauernfamilie
  • Großvater im Stalin-Gulag
  • Kindheit unter deutscher Besatzung 1942-43
  • Hervorragender Schüler

Aufstieg in der KPdSU

  • 1952: KPdSU-Mitglied
  • Jurastudium in Moskau (Lomonossow-Universität)
  • Lernt seine Frau Raissa kennen
  • Komsomol-Karriere in Stavropol
  • 1971: Mitglied ZK
  • 1980: Politbüro
  • Andropow als Mentor

Generalsekretär (1985)

  • 11. März 1985: nach Tod Tschernenkos
  • Mit 54 Jahren jüngster Generalsekretär seit Jahrzehnten
  • "Wir können nicht so weitermachen"

Glasnost und Perestroika

  • Glasnost ("Offenheit"): Pressefreiheit, Kritik möglich
  • Perestroika ("Umbau"): Wirtschaftsreformen
  • Mehr Marktwirtschaft
  • Genossenschaften
  • Aber: nicht radikal genug, halbherzig

Tschernobyl (1986)

  • 26. April 1986: Reaktorunfall
  • Anfangs verschwiegen
  • Glasnost beschleunigt
  • Schock für Sowjetregime

Außenpolitik

  • "Neues Denken"
  • Abrüstung statt Wettrüsten
  • 1987: INF-Vertrag mit Reagan (Mittelstreckenraketen)
  • 1989: Rückzug aus Afghanistan
  • "Brežnew-Doktrin" aufgegeben
  • Ostblock darf eigene Wege gehen

1989: Mauerfall und Co.

  • Polen, Ungarn, DDR, CSSR, Bulgarien, Rumänien
  • Gorbatschow greift nicht ein (anders als 1953, 1956, 1968)
  • "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" — zu Honecker in Berlin Oktober 1989
  • Deutsche Einheit 1990 mit seinem Einverständnis

Friedensnobelpreis 1990

  • "Für die führende Rolle im Friedensprozess"
  • International gefeiert
  • Aber: zu Hause als Verräter geschmäht

Innenpolitische Krise

  • Wirtschaftsreform scheitert
  • Inflation, leere Regale
  • Sowjetrepubliken erklären Unabhängigkeit
  • Litauen, Estland, Lettland zuerst
  • Boris Jelzin als populärer Rivale

August-Putsch 1991

  • 19. August: Konservative Putschisten
  • Gorbatschow auf Krim "isoliert"
  • Jelzin auf Panzer in Moskau
  • Putsch scheitert nach 3 Tagen
  • Gorbatschow geschwächt
  • Jelzin gewinnt Macht

Ende der Sowjetunion

  • 8. Dezember 1991: Russland, Ukraine, Weißrussland in Beloweschsk lösen UdSSR auf
  • 25. Dezember 1991: Gorbatschow tritt zurück
  • Rote Flagge im Kreml gestrichen
  • UdSSR existiert nicht mehr

Nach 1991

  • Gorbatschow-Stiftung
  • 1996: Präsidentschaftskandidatur — 0,5%
  • Werbung für Pizza Hut, Louis Vuitton
  • Kritisiert Putin später
  • Witwer ab 1999 (Raissa stirbt)

Tod

  • 30. August 2022 in Moskau
  • Schwere Krankheit
  • Putin nimmt nicht teil an Beerdigung
  • Stille Beisetzung
  • Symbol für unerfüllten Traum

Erbe

  • Ende des Kalten Krieges
  • Mauerfall, deutsche Einheit
  • UN als handlungsfähig nach 1990
  • Aber: ungeordneter Übergang
  • Russisches Trauma 1990er
  • Putinismus als Reaktion

Bild in West und Ost

  • Westen: Held, Friedensbringer
  • Russland: Verräter, "Zerstörer des Imperiums"
  • Putin: "Größte geopolitische Katastrophe des 20. Jh." (UdSSR-Zerfall)
  • Junge Russen: kennen ihn kaum

Der Mann, der den Vorhang fallen ließ

Ohne Gorbatschow keine friedliche Wende 1989. Er hätte alles mit Gewalt halten können — er entschied sich dagegen. Was er ermöglichte, war einer der größten Triumphe der Menschheit: Ende des Kalten Krieges ohne Krieg. Was er nicht plante: Zerfall seines Reiches. Sein Schicksal: Im Westen geliebt, in der Heimat geschmäht. "Vater der Freiheit" für die einen, "Verräter der Großmacht" für die anderen.