Ritter und Rüstungen
Vom karolingischen Reiter zum eisengepanzerten Spätmittelalter-Krieger — und ihr Niedergang durch Schießpulver.
Der Ritter — schwer gepanzerter Reiterkrieger des Mittelalters — ist eines der prägendsten Bilder der europäischen Geschichte. 700 Jahre dominierte er das Schlachtfeld, prägte Recht, Kultur und Mode. Sein Niedergang kam mit Schießpulver und Bauernheeren.
Ursprung
- Frühform: spätrömische und germanische Reiter
- 8.-9. Jh.: Steigbügel revolutioniert Kavallerie
- Karl Martell: Reiterheere gegen Araber (Tours 732)
- Karl der Große: gepanzerte Kavallerie
- Feudalsystem entsteht: Land gegen Heerdienst
Hochmittelalter (1000-1300)
- Ritter als gesellschaftliche Spitze
- Ritterschlag
- Kreuzzüge (ab 1096)
- Ritterorden: Templer, Johanniter, Deutschorden
- Höfische Kultur, Minnesang
- Turniere
- "Honneur, Bravour, Largesse"
Ausrüstung
11.-12. Jh.
- Kettenhemd (Hauberk) bis Knie
- Nasalhelm
- Mandel- oder Reiterschild
- Schwert, Lanze, Streitaxt
- Gewicht: ~15 kg
13.-14. Jh.
- Topfhelm, später Beckenhaube
- Kettenhemd verstärkt mit Plattenteilen
- Tappert, Surcoat
- Wappen wichtig
15. Jh.: Plattenrüstung
- Vollrüstung
- Wiener und Mailänder Schmieden berühmt
- Gewicht: ~20-25 kg (gleichmäßig verteilt)
- Bewegungsfreiheit erstaunlich gut
- Bis zu 200 Einzelteile
Schwert
- Symbol des Ritters
- Frühmittelalter: einhändig, ~80 cm
- Hochmittelalter: anderthalbhänder
- Spätmittelalter: bis Zweihänder (Bidenhänder)
- Wert: ~Jahreseinkommen Bauer
- Solinger, Toledo, Damaszener Klingen
Pferd
- Streitross "Destrier" — speziell gezüchtet
- Eigene Rüstung (Roßharnisch)
- Teurer als Mann selbst
- Verlust ein Desaster
Ritter werden
- Knappe ab ~7-14
- Erziehung in fremder Burg
- Sieben Ritter-Tugenden
- Ritterschlag mit ~21
- Eid auf Lehnsherr
Codes
- "Chivalry" — Ritterlichkeit
- Sieben Tugenden: Treue, Mäßigung, Freigebigkeit, Höflichkeit, Tapferkeit, Demut, Ehrlichkeit
- Gottesfrieden, Treuga Dei
- Schutz von Witwen, Waisen, Kirche
- Realität oft anders: Plünderungen, Massaker
Turniere
- 11. Jh. erste Erwähnung
- Tjost (Lanzenstechen)
- Buhurt (Massengefecht)
- Preise: Pferde, Rüstung, Lösegeld
- Wilhelm der Marschall verdient sich reich
- Kirche zunächst dagegen
- Renaissance-Turniere mit Spezial-Tjostrüstung
Kämpfe
- Lanzenangriff in geschlossener Formation
- Frontalsturm — wenn er traf, vernichtend
- Bauernheere fast hilflos gegen schwere Kavallerie
- Bekannte Schlachten: Tagliacozzo, Crécy, Azincourt
Niedergang
- 14. Jh.: englische Langbogenschützen (Crécy 1346, Azincourt 1415)
- Schweizer Pikeniere (Morgarten 1315, Sempach 1386)
- Hussiten mit Wagenburgen
- 15. Jh.: Schießpulver, frühe Handfeuerwaffen
- 16. Jh.: Reiterpanzer für Adlige als Statussymbol, militärisch obsolet
- Kürassiere als Erben (bis ~1914)
Berühmte Ritter
- Wilhelm der Marschall (~1146-1219) — englischer "Greatest Knight"
- Richard Löwenherz
- Friedrich Barbarossa
- Sir Lancelot (literarisch)
- Don Quichote — Karikatur
- Götz von Berlichingen
- Bayard "ohne Furcht und Tadel"
Ritter in der Kunst
- Artusepen, Parzival, Nibelungenlied
- Minnesang
- Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach
- Cervantes "Don Quixote" (1605)
- Wagner: Lohengrin, Tannhäuser, Parsifal
- Filme: "Excalibur" (1981), "Kingdom of Heaven" (2005)
Heute
- British "Knight" als Ehrentitel
- Bundesverdienstkreuz als Nachfolger
- Reenactment-Szene
- Burgen-Tourismus
- Schwertkampf-Sport (Historical European Martial Arts)
700 Jahre Eisen und Ehre
Von Karls Reitern bis zum Plattenharnisch Maximilians I. — der Ritter prägte 700 Jahre europäische Geschichte. Er war Krieger, Bauer-Beherrscher, Liebhaber, Christ — und oft Brutalist. Mit dem Schießpulver verschwand er als Krieger, blieb aber als Mythos. Das Ritter-Ideal lebt in unseren Vorstellungen weiter — von ehrenhaftem Kampf, von Schutz der Schwachen, von Mut. Auch das ist Erbe der Geschichte.