Erster Weltkrieg
Der Krieg, der die alte Welt zerstörte — Schützengräben, Massensterben, das Ende der europäischen Vormacht.
Der Erste Weltkrieg (1914-1918) war eine Zäsur in der Weltgeschichte. 17 Millionen Tote, Untergang vierer Reiche, das Ende der europäischen Vormacht — und der Beginn des "kurzen 20. Jahrhunderts" (Hobsbawm).
Vorgeschichte
- Bündnissysteme: Triple-Allianz (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien) vs. Triple-Entente (Frankreich, Russland, Großbritannien)
- Wettrüsten: vor allem Flottenrüstung Deutschland-England
- Nationalismus: aufgeheizt in allen Ländern
- Imperialismus: Konflikte um Kolonien
- Balkan: "Pulverfass Europas" — Balkankriege 1912/13
- Revanchismus: Frankreich um Elsass-Lothringen
Auslöser: Attentat von Sarajevo (28. Juni 1914)
- Serbischer Nationalist Gavrilo Princip erschießt Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo
- Österreich-Ungarn stellt Serbien ein Ultimatum
- Serbien lehnt zwei Punkte ab
- 23. Juli: Ultimatum läuft ab
- 28. Juli 1914: Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg
Julikrise und Kriegsbeginn
Mechanik der Bündnissysteme tritt in Kraft:
- 28. Juli
- Österreich-Ungarn vs. Serbien
- 30. Juli
- Russland mobilisiert
- 1. August
- Deutschland erklärt Russland den Krieg
- 3. August
- Deutschland erklärt Frankreich den Krieg, überfällt Belgien
- 4. August
- Großbritannien erklärt Deutschland den Krieg (wegen Belgien)
- 6. August
- Österreich-Ungarn vs. Russland
- 23. August
- Japan vs. Deutschland
"Es wird zu Weihnachten vorbei sein"
Allgemeine Kriegsbegeisterung in allen Ländern. Soldaten zogen singend in den Krieg, glaubten an einen kurzen Bewegungskrieg.
Schlieffen-Plan
Deutschland setzte auf einen schnellen Schlag gegen Frankreich, um dann Russland zu schlagen. Plan:
- Durchstoß durch Belgien
- Umfassung der französischen Armee
- Sieg über Frankreich in 6 Wochen
- Dann gegen Russland wenden
Der Plan scheitert in der Marne-Schlacht (September 1914). Der Bewegungskrieg endet, der Stellungskrieg beginnt.
Westfront: Schützengräben
Von der Schweiz bis zum Ärmelkanal: ~700 km Schützengräben, oft nur 50-100 m voneinander entfernt:
- Stacheldraht, Maschinengewehre, Artillerie
- Niemandsland zwischen den Linien
- Schlamm, Ratten, Läuse, Krankheit
- Jeder Vorstoß kostete hunderte Leben für wenige Meter
Die großen Schlachten
- Marne (1914): Frankreich rettet sich
- Ypern (1914, 1915, 1917): Belgien-Front
- April 1915: erster Giftgas-Einsatz bei Ypern (Chlor)
- Verdun (Feb-Dez 1916): 10 Monate Hölle, 700.000 Verluste, kein Sieger
- Somme (Juli-Nov 1916): erster Tag 60.000 britische Verluste, gesamt 1 Mio. Verluste
- Passchendaele (1917): Schlammschlacht
Ostfront
- 1914: Tannenberg — Hindenburg vernichtet russische 2. Armee
- Russen drängen weit vor, werden zurückgeschlagen
- Mobilerer Krieg als im Westen
- 1915: Mittelmächte vertreiben Russen aus Polen
- 1917: Brest-Litowsk-Verhandlungen beginnen nach russischer Revolution
Andere Fronten
- Gallipoli (1915-16): britischer Versuch, die Dardanellen zu erobern — scheitert
- Italien-Front (1915-18): zwölf Isonzo-Schlachten
- Naher Osten: Arabischer Aufstand (Lawrence von Arabien), Eroberung Jerusalems
- Afrika: deutsche Kolonien erobert
- Seekrieg: Skagerrak-Schlacht (1916), U-Boot-Krieg
Neue Waffen
- Maschinengewehr: dominierte das Schlachtfeld
- Artillerie: massiv, lang anhaltend ("Trommelfeuer")
- Giftgas: Chlor, Phosgen, Senfgas
- Panzer (Tanks): erstmals bei Somme 1916
- Flugzeuge: zuerst Aufklärung, dann Luftkampf
- U-Boote: deutsche Antwort auf englische Seeblockade
- Flammenwerfer
Heimatfront
- Wirtschaftliche Mobilisierung, Frauenarbeit in Fabriken
- Lebensmittelrationierung, "Steckrübenwinter" 1916/17
- Propaganda, Zensur
- Kriegsanleihen
- England: 1916 Wehrpflicht eingeführt
- Niedergeschlagene Streiks (Munitionsarbeiter-Streik in Deutschland 1918)
USA-Eintritt (April 1917)
Auslöser:
- Versenkung der "Lusitania" (1915) — 128 amerikanische Tote
- Wiederaufnahme uneingeschränkten U-Boot-Krieges (1917)
- Zimmermann-Telegramm: Deutschland bietet Mexiko Texas/Arizona an, wenn es USA angreift
Wilson erklärt am 6. April 1917 den Krieg.
Russische Revolution (1917)
- Februar 1917: Zar gestürzt
- Oktober 1917: Bolschewiken übernehmen
- März 1918: Brest-Litowsker Frieden — Russland scheidet aus, verliert Polen, Ukraine, Baltikum
- Deutschland kann Truppen an die Westfront verlegen
Frühjahrsoffensive 1918
Letzter deutscher Versuch, vor USA-Eintreffen zu siegen. Anfangs erfolgreich, dann gestoppt. Ab Sommer 1918: Alliierte Gegenoffensive.
Zusammenbruch (Herbst 1918)
- September: Bulgarien kapituliert
- Oktober: Osmanisches Reich, Österreich-Ungarn brechen zusammen
- 3. November: Matrosenaufstand in Kiel — Deutschlandweite Revolution
- 9. November: Wilhelm II. dankt ab, Republik ausgerufen
- 11. November 1918: Waffenstillstand in Compiègne
- "Im Westen nichts Neues"
Friedensverträge
Versailler Vertrag (28. Juni 1919) — Deutschland
- Kriegsschuldartikel (231)
- Verlust von 13 % des Territoriums (Elsass-Lothringen, Provinzen an Polen)
- Alle Kolonien weg
- Heer auf 100.000 Mann begrenzt
- Reparationen: 132 Milliarden Goldmark
- "Diktat von Versailles" — vergiftete die Weimarer Republik
Andere Verträge
- Saint-Germain (1919): Österreich
- Trianon (1920): Ungarn
- Sèvres/Lausanne: Osmanisches Reich → Türkei
Folgen
Untergang vierer Reiche
- Deutsches Kaiserreich
- Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie
- Russisches Zarenreich
- Osmanisches Reich
Neue Staaten
In Mittel- und Osteuropa entstehen viele neue Staaten: Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Ungarn, Österreich, Finnland, Estland, Lettland, Litauen.
Bevölkerungsverluste
- ~10 Mio. Soldaten gefallen
- ~7 Mio. Zivilisten
- ~20 Mio. Verwundete
- Ganze Jahrgänge dezimiert
- Spanische Grippe ab 1918: weitere 50-100 Mio. Tote
Politische Folgen
- Aufstieg USA als Großmacht
- Sowjetunion als neuer Staat
- Völkerbund (1920): ohne USA, schwach
- Saat des 2. Weltkriegs in Versailles gelegt
- Aufstieg Faschismus, später Nationalsozialismus
Kulturelle Folgen
- Tod des Fortschrittsoptimismus
- Existenzialismus, Dadaismus, Expressionismus
- "Lost Generation"
- Erich Maria Remarque "Im Westen nichts Neues" (1929)
- Ernst Jünger "In Stahlgewittern"
- Stefan Zweig "Welt von Gestern"
Erinnerung
11. November als Gedenktag in vielen Ländern (Veterans Day USA, Remembrance Day GB, Volkstrauertag DE später). Roter Mohn (Poppy) als Symbol — aus John McCraes Gedicht "In Flanders Fields".
⚜ "Niemals wieder Krieg"?
1918 versprach man "Nie wieder!" Doch nur 21 Jahre später brach der 2. Weltkrieg aus — verursacht durch die ungelösten Probleme des Ersten. Die Briten nannten den Konflikt "the Great War" — bis der Zweite kam und sie ihn umbenennen mussten.