Republik · 1918 - 1933

Weimarer Republik

1918 n. Chr. – 1933 n. Chr.

Die erste deutsche Demokratie — geboren in Niederlage, gescheitert im Aufstieg Hitlers.

Die Weimarer Republik (1918-1933) war die erste demokratische Staatsform auf deutschem Boden. Trotz beachtlicher Leistungen scheiterte sie nach 14 Jahren am Aufstieg des Nationalsozialismus — ein Trauma, das die Nachkriegsdemokratie prägte.

Gründung in der Niederlage

  • 3. November 1918: Matrosenaufstand in Kiel
  • 9. November: Doppelproklamation in Berlin
    • Philipp Scheidemann (SPD) ruft die Republik aus
    • Karl Liebknecht (Spartakus) ruft die sozialistische Republik aus
  • Wilhelm II. dankt ab, flieht nach Holland
  • 11. November: Waffenstillstand von Compiègne

Räterepublik vs. Parlamentarismus

Kurze, gewalttätige Phase:

  • Friedrich Ebert (SPD) wird Reichskanzler
  • Pakt mit dem Militär (Ebert-Groener-Pakt): Schutz vor links
  • Januar 1919: Spartakus-Aufstand wird von Freikorps brutal niedergeschlagen
  • Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet
  • April 1919: Bayerische Räterepublik niedergeschlagen

Nationalversammlung in Weimar

  • 19. Januar 1919: Wahlen zur Nationalversammlung (erstmals Frauenwahlrecht!)
  • Februar 1919: Versammlung tagt in Weimar (sicherer als Berlin)
  • 11. Februar: Ebert wird Reichspräsident
  • 11. August 1919: Weimarer Verfassung verabschiedet

Die Verfassung

  • Republik mit Reichspräsident (stark — "Ersatzkaiser")
  • Reichstag und Reichsrat
  • Demokratisches Wahlrecht (auch Frauen)
  • Verhältniswahlrecht (führt zu vielen Splitterparteien)
  • Artikel 48: Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten — wird später Hitler den Weg ebnen
  • Grundrechte

Versailler Vertrag (28. Juni 1919)

  • Kriegsschuldartikel (231)
  • 13 % des Territoriums verloren
  • Alle Kolonien
  • 100.000-Mann-Heer
  • 132 Mrd. Goldmark Reparationen
  • "Diktat von Versailles" — vergiftet die Republik von Anfang an

Krisenjahre (1919-1923)

Putschversuche

  • Kapp-Putsch (März 1920): von rechts, scheitert am Generalstreik
  • 1920: rote Ruhraufstände
  • 1921: Aufstände in Mitteldeutschland
  • 1922: Außenminister Walther Rathenau ermordet
  • Hitler-Putsch (8./9. November 1923): scheitert, Hitler ins Gefängnis

Hyperinflation (1922-1923)

  • Januar 1923: Franzosen besetzen das Ruhrgebiet wegen Reparationsschulden
  • Deutschland reagiert mit passivem Widerstand
  • Geldnotpresse läuft — Hyperinflation
  • 1 US-Dollar = 4,2 Mark (1914), = 4,2 Billionen Mark (November 1923)
  • Brot kostet Milliarden
  • Sparer verlieren alles
  • November 1923: Währungsreform — Rentenmark, später Reichsmark

Goldene Zwanziger (1924-1929)

Phase relativer Stabilität:

  • Dawes-Plan (1924): Reparationen werden machbarer
  • Amerikanische Anleihen finanzieren Wiederaufbau
  • Wirtschaftswachstum
  • Gustav Stresemann (DVP) als Außenminister: Verständigungspolitik
  • 1925: Locarno-Verträge — Westgrenzen anerkannt
  • 1926: Deutschland in den Völkerbund
  • 1929: Friedensnobelpreis für Stresemann (mit Briand)
  • Stresemanns Tod 1929 ist ein schwerer Schlag

Kultur der Weimarer Republik

Trotz politischer Krisen eine blühende Kultur:

  • Bauhaus (1919-1933): Architektur und Design
  • Expressionismus: Malerei (Kirchner, Nolde, Beckmann), Literatur
  • Neue Sachlichkeit: Otto Dix, George Grosz
  • Literatur: Thomas Mann, Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz")
  • Film: "Metropolis" (1927), "Der blaue Engel" (1930), "M" (1931)
  • Musik: Kurt Weill ("Dreigroschenoper"), Schönberg, Hindemith
  • Wissenschaft: Einstein, Heisenberg, Schrödinger
  • Berlin: Weltmetropole, Jazz, Cabarets, Avantgarde

Soziale Errungenschaften

  • Frauenwahlrecht (1919)
  • 8-Stunden-Tag
  • Arbeitslosenversicherung (1927)
  • Sozialer Wohnungsbau
  • Bildungschancen erweitert

Weltwirtschaftskrise (ab 1929)

  • 24. Oktober 1929: "Schwarzer Donnerstag" in New York
  • USA ziehen Anleihen aus Deutschland zurück
  • Massenarbeitslosigkeit: 6 Millionen (1932)
  • Banken brechen zusammen
  • Industrielle Produktion halbiert sich
  • Boden für radikale Parteien

Aufstieg der NSDAP

  • 1928: NSDAP nur 2,6 % bei Reichstagswahlen
  • 1930: 18,3 %
  • Juli 1932: 37,4 % — stärkste Partei!
  • November 1932: 33,1 %

Präsidialkabinette (ab 1930)

Demokratie wird ausgehöhlt:

  • Brüning (Zentrum, 1930-32): Deflationspolitik, Notverordnungen
  • Papen (parteilos, 1932): konservativer Putsch in Preußen ("Preußenschlag")
  • Schleicher (parteilos, 1932-33): letzter Versuch zur Stabilisierung

Hitlers Ernennung (30. Januar 1933)

Reichspräsident Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler. Konservative glauben, Hitler "einrahmen" zu können. Ein katastrophaler Fehler.

Warum scheiterte die Weimarer Republik?

  • "Demokratie ohne Demokraten" — viele Eliten waren republik-feindlich
  • Versailler Vertrag und "Dolchstoßlegende"
  • Wirtschaftskrisen (Inflation, Weltwirtschaftskrise)
  • Schwächen der Verfassung (Artikel 48, Verhältniswahl)
  • Aufstieg radikaler Parteien
  • Justizfaule rechtsradikale Verbrechen
  • Sozialdemokraten und Kommunisten zerstritten

Wichtige Persönlichkeiten

  • Friedrich Ebert (SPD): erster Reichspräsident
  • Paul von Hindenburg: zweiter Reichspräsident (ab 1925)
  • Gustav Stresemann: Außenminister, Versöhnung
  • Walther Rathenau: Außenminister, ermordet 1922
  • Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht: Spartakisten

Erbe

Die Weimarer Republik prägte das Grundgesetz der Bundesrepublik:

  • 5-Prozent-Hürde gegen Zersplitterung
  • Konstruktives Misstrauensvotum
  • Begrenzung der Notverordnungen
  • Wehrhafte Demokratie
  • "Niemals wieder Weimar"

⚜ Brotpreis 1923

Im November 1923 kostete ein Pfund Brot in Berlin 233 Milliarden Mark. Arbeiter wurden täglich, zeitweise stündlich, ausbezahlt — und mussten sofort einkaufen, weil das Geld am nächsten Tag wertlos war. Vermögen verschwanden, Sparbücher wurden zur Makulatur. Diese Erfahrung prägt deutsche Inflationsangst bis heute.