Reichskanzler · 1815 - 1898
Otto von Bismarck
Der Eiserne Kanzler — drei Einigungskriege, Reichsgründung, Realpolitik in Reinkultur.
Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen (1815-1898) ist eine der prägendsten Figuren der deutschen Geschichte. Als Architekt der deutschen Reichsgründung 1871 schuf er den deutschen Nationalstaat — und prägte die Politik des 19. Jahrhunderts.
Herkunft
- 1. April 1815 in Schönhausen (Altmark) geboren
- Vater: Ferdinand von Bismarck — Gutsherr, altpreußischer Adel
- Mutter: Wilhelmine Mencken — bürgerlich, gebildet
- Junker-Erziehung, dann bürgerliche Bildung
- Sprach Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch
Studium und frühe Jahre
- 1832-35: Jura in Göttingen und Berlin
- Korpsstudent, viele Duelle
- 1838: Referendar
- 1839: Mutter stirbt — Bismarck muss Güter übernehmen
- "Toller Bismarck" — wilder Junker, schlecht beleumundet
- Religiöse Wende ~1846
- 1847: Heirat mit Johanna von Puttkamer — tiefe Liebe
Politische Anfänge
- 1847: Vereinigter Landtag — Bismarck als Stellvertreter
- 1848: gegen die Revolution
- 1851-58: Preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt
- 1859-62: Gesandter in St. Petersburg
- 1862: Botschafter in Paris
- Reift zum Diplomaten und Realpolitiker
Ministerpräsident (1862)
- Preußen in Heereskonflikt zwischen Krone und Parlament
- 22. September 1862: Wilhelm I. ernennt Bismarck zum Ministerpräsidenten
- Aufgabe: Heeresreform durchsetzen, gegen Parlament
- Bismarck regiert ohne Budget — "Lückentheorie"
"Eisen und Blut"-Rede (30. September 1862)
- Vor dem Haushaltsausschuss
- "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen — sondern durch Eisen und Blut."
- Schock — Bismarck als Reaktionär gebrandmarkt
- Aber: Programmatik klar
Die drei Einigungskriege
1. Deutsch-Dänischer Krieg (1864)
- Streit um Schleswig und Holstein
- Preußen + Österreich gegen Dänemark
- Dänemark verliert
- Schleswig wird preußisch, Holstein österreichisch
2. Preußisch-Österreichischer Krieg (1866)
- Bismarck provoziert Krieg um Holstein
- Schlacht von Königgrätz (3. Juli 1866)
- Preußen siegt durch Hinterladergewehr und Eisenbahn
- Österreich aus Deutschland ausgeschlossen
- Norddeutscher Bund unter Preußen
3. Deutsch-Französischer Krieg (1870-71)
- Anlass: spanische Thronkandidatur eines Hohenzollern
- Bismarck redigiert die "Emser Depesche"
- Frankreich erklärt den Krieg
- Schlacht von Sedan (2. September 1870): Napoleon III. gefangen
- Belagerung von Paris
- Frankreich kapituliert
Reichsgründung (18. Januar 1871)
- Im Spiegelsaal von Versailles
- Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen
- Bismarck wird Reichskanzler
- Bewusste Demütigung Frankreichs
- Berühmtes Bild Anton von Werners
Innere Politik des Kaiserreichs
Kulturkampf (1871-1878)
- Gegen katholische Kirche
- Maigesetze, Kanzelparagraph
- Scheitert weitgehend
- Zentrum-Partei stärker
Sozialistengesetz (1878-1890)
- Nach zwei Attentaten auf Wilhelm I.
- Verbot sozialdemokratischer Aktivitäten
- Aber: SPD wächst weiter (illegal)
Sozialgesetze (1883-1889)
- 1883: Krankenversicherung
- 1884: Unfallversicherung
- 1889: Renten- und Invaliditätsversicherung
- Ziel: Arbeitern den Wind aus den Segeln nehmen
- Grundlage des modernen Sozialstaats
- Weltweit nachgeahmt
Wirtschaftspolitik
- 1879: Schutzzölle (Bruch mit Liberalen)
- Bündnis mit Schwerindustrie und Großagrariern
- "Eisen und Roggen"
Außenpolitik — das "Bismarck-System"
Komplexe Bündnispolitik zur Sicherung des Reichs:
- 1873: Dreikaiserabkommen (Deutschland, Österreich, Russland)
- 1879: Zweibund mit Österreich-Ungarn
- 1882: Dreibund mit Italien
- 1887: Rückversicherungsvertrag mit Russland
- Bismarcks Diplomatie verhindert Bündnis Frankreich-Russland
- Deutschland ist gesichert zwischen "fünf Bällen"
Berliner Kongress (1878)
- Nach Russisch-Türkischem Krieg
- Bismarck als "ehrlicher Makler"
- Höhepunkt deutscher Außenpolitik
Kolonialpolitik (ab 1884)
- Bismarck ursprünglich gegen Kolonien
- Doch ab 1884: Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Pazifik
- Erwerb sehr zurückhaltend
- 1885: Berliner Konferenz teilt Afrika auf
Sturz (1890)
- 1888: Dreikaiserjahr — Wilhelm I., Friedrich III. (99 Tage), Wilhelm II.
- Wilhelm II. (29 Jahre alt) will selbst herrschen
- Konflikt mit dem 73-jährigen Bismarck
- 17. März 1890: Bismarck reicht "Entlassungsgesuch" ein
- 20. März: Wilhelm nimmt es an
- Berühmte Karikatur "Der Lotse geht von Bord" (Punch)
Letzte Jahre
- Bismarck zieht sich nach Friedrichsruh zurück
- Kritisiert Wilhelm II. scharf
- Schreibt Memoiren "Gedanken und Erinnerungen"
- 1894: Frau Johanna stirbt — schwerer Schlag
- 30. Juli 1898: stirbt in Friedrichsruh mit 83
Persönlichkeit
- 1,90 m groß, statthaftig
- Hochintelligent, sprachbegabt
- Listig, oft zynisch
- Vielesser, vieltrinker
- Großer Stratege, schlechter Verlierer
- Tief gläubig (eigene Mischung)
- Hypochonder
Beurteilung
Pro
- Geniales diplomatisches Geschick
- Schuf den deutschen Nationalstaat
- Pionier des Sozialstaats
- Verhinderte größere Kriege
Contra
- Autoritär, gegen Demokratie
- Verfolgte Katholiken, Sozialisten, Polen
- Schuf ein strukturell krisenanfälliges Reich
- Wilhelm II. konnte sein System nicht erhalten
- Wegbereiter zum 1. Weltkrieg?
Bismarck-Mythos
- Bismarck-Türme überall in Deutschland
- Bismarckhering (Heringsmarinade)
- Vereinnahmung durch Nazis
- Heute differenzierte Sicht: Genie und Reaktionär
Erbe
- Deutsches Kaiserreich bis 1918
- Sozialversicherungssystem bis heute
- Realpolitik als politischer Stil
- Realpolitik: Erfindung Bismarcks?
"Der ehrliche Makler"
Bismarck nannte sich beim Berliner Kongress 1878 selbst "ehrlicher Makler" — der nur die Interessen anderer Staaten vermittelt, nicht eigene verfolgt. Faktisch war das natürlich nicht ganz wahr — aber rhetorisch genial. Bismarcks Diplomatie war: Selbst Macht ausüben, ohne als Bedrohung wahrgenommen zu werden.