Fränkisches Reich
Vom Stammesbund zur europäischen Großmacht — Chlodwig, Karl Martell, Karl der Große und die Karolinger.
Das Fränkische Reich war das mächtigste der germanischen Nachfolgereiche des Weströmischen Reichs. Über fast 400 Jahre prägte es Mittel- und Westeuropa. Aus ihm gingen Frankreich, Deutschland und teilweise Italien hervor.
Die zwei Dynastien
Merowinger (481-751)
Gegründet von Chlodwig I. aus dem Geschlecht des sagenhaften Königs Merowech.
Karolinger (751-911)
Gegründet von Pippin dem Jüngeren, nach dessen Großvater Karl Martell benannt.
Chlodwig I. (~466-511)
Begründer des Frankenreichs:
- Erbt Stamm in Tournai (heute Belgien)
- Besiegt Syagrius (letzter Römer in Gallien) 486
- Besiegt die Alemannen 496 — danach Bekehrung zum Christentum
- Übertritt zum Katholizismus (Taufe Weihnachten 496/498): wichtige Weichenstellung. Andere Germanen waren Arianer — Chlodwig wird damit Verbündeter der Römer und des Papstes
- Erobert das Westgotenreich in Aquitanien 507
- Verlegt Hauptstadt nach Paris
Schwäche der Merowinger
Nach Chlodwigs Tod (511) wird das Reich nach germanischem Brauch unter seinen Söhnen geteilt. Es entstehen mehrere Teilreiche, die sich bekriegen. Im 7. Jh. werden die Merowinger zu Marionetten — die "Schattenkönige" (rois fainéants). Die wirkliche Macht haben die Hausmeier (Verwalter).
Karl Martell ("der Hammer", ~688-741)
Hausmeier. 732 Schlacht bei Tours/Poitiers: besiegt eindringende muslimische Truppen aus Spanien. Damit stoppt er die islamische Expansion in Westeuropa — eine Schlüsselschlacht der europäischen Geschichte.
Pippin der Jüngere (714-768)
Sohn Karl Martells. 751 stürzt er den letzten Merowinger-König und lässt sich vom Papst zum König salben — Beginn der Karolinger-Dynastie. Im Gegenzug schenkt er dem Papst Mittelitalien (Pippinsche Schenkung) — Grundlage des späteren Kirchenstaats.
Karl der Große (768-814)
Siehe Karl der Große. Sohn Pippins, mächtigster Karolinger:
- Erobert das Langobardenreich (774)
- 30-jähriger Sachsenkrieg (772-804)
- Expansion nach Spanien (Roland-Lied erinnert daran)
- Eroberung Bayerns 788
- Weihnachten 800: Krönung zum Kaiser durch Papst Leo III. — Wiederherstellung des weströmischen Kaisertums
- Hauptresidenz: Aachen
- Karolingische Renaissance: Bildungsreform, Klosterschulen
Karls Reich
- Größtes Reich seit Rom in Westeuropa
- Vom Atlantik bis zur Donau, von der Nordsee bis Süditalien
- Etwa 80 Bistümer und 200 Klöster
- Verwaltung durch Grafen und reisende Königsboten (missi dominici)
Karl und das Schriftwesen
Karl konnte angeblich selbst nicht gut schreiben. Aber er förderte Bildung massiv:
- Karolingische Minuskel: neue Schrift, lesbar und einheitlich — die Basis unserer heutigen Kleinbuchstaben!
- Aufruf an alle Klöster zur Schule
- Hofgelehrte: Alkuin von York, Einhard, Paulus Diaconus
Ludwig der Fromme (814-840)
Sohn und Nachfolger Karls. Hat Schwierigkeiten, das Reich zusammenzuhalten. Seine Söhne kämpfen gegeneinander.
Vertrag von Verdun (843)
Drei Enkel Karls teilen das Reich:
- Karl der Kahle bekommt Westfrankenreich (Vorläufer Frankreichs)
- Ludwig der Deutsche bekommt Ostfrankenreich (Vorläufer Deutschlands)
- Lothar I. bekommt Mittelreich (Lotharingien — von Friesland bis Italien)
Damit beginnt die politische Trennung Westeuropas — bis heute spürbar in der deutsch-französischen Grenzdynamik.
Ende
Das Westfrankenreich bleibt unter den Karolingern bis 987, dann übernehmen die Kapetinger. Das Ostfrankenreich endet mit den Karolingern 911 — die Liudolfinger (Heinrich I., Otto der Große) gründen das deutsche Königtum.
⚜ "Vater Europas"
Karl der Große wird oft "Vater Europas" genannt. Sein Reich war der erste Versuch eines geeinten Europas seit Rom. Bis heute trägt der Karlspreis von Aachen (seit 1950) den Namen — er wird an Persönlichkeiten verliehen, die zur europäischen Einigung beigetragen haben.