Migrations-Ära · ca. 300 - 600 n. Chr.

Völkerwanderung

300 n. Chr. – 600 n. Chr.

Hunnen jagen Goten, Germanen siedeln nach Süden — die größte Migrationsbewegung der Antike verändert Europa.

Die Völkerwanderung bezeichnet die großen Wanderungsbewegungen germanischer und nichtgermanischer Völker im 4.-6. Jh. n. Chr. Sie veränderten Europa grundlegend und besiegelten den Untergang des Weströmischen Reichs.

Auslöser: Die Hunnen

Um 370 n. Chr. dringen die Hunnen aus den Steppen Zentralasiens nach Europa vor. Sie sind grausame Reiterkrieger und werfen die östlichen Goten aus ihren Siedlungsgebieten. Diese drängen nach Westen ins Römische Reich.

Hauptphasen

1. Phase (~370-450 n. Chr.): Die Goten

  • 375: Hunnen besiegen die Ostgoten in der Ukraine
  • 376: Westgoten erbitten Aufnahme im Römischen Reich
  • 378: Schlacht von Adrianopel — Westgoten besiegen Römer, Kaiser Valens fällt
  • 410: Alarich plündert Rom
  • 418: Westgotenreich in Aquitanien (später Spanien)

2. Phase (~440-470 n. Chr.): Attila und die Folgen

  • Attila der Hunne herrscht über ein Reich von der Wolga bis zum Rhein
  • 451: Schlacht auf den Katalaunischen Feldern — Römer-Germanen-Bündnis besiegt Attila
  • 453: Attila stirbt — Hunnenreich zerfällt
  • 455: Vandalen plündern Rom
  • 476: Westrom geht unter

3. Phase (~470-600 n. Chr.): Neue Königreiche

  • Ostgoten gründen Reich in Italien (Theoderich der Große)
  • Franken erobern Gallien (Chlodwig I.)
  • Angeln und Sachsen besiedeln Britannien
  • 568: Langobarden ziehen nach Italien
  • Slawen bevölkern den Balkan

Die wichtigsten Wanderbewegungen

Westgoten

Erst Donauraum → Italien → Südgallien → Spanien (Toledo als Hauptstadt). 711 von Mauren erobert.

Ostgoten

Erst Ukraine → Balkan → Italien. Theoderich der Große (493-526) baut ein Reich auf, das römische und germanische Tradition vereint. Hauptstadt: Ravenna.

Vandalen

Vom heutigen Süddeutschland über Gallien, Spanien, dann nach Nordafrika. Eroberung Karthagos 439. 455 plündern sie Rom (daher "Vandalismus"). Königreich bis 534, dann von Justinian zerstört.

Franken

Vom Niederrhein expandieren sie nach Gallien. Chlodwig I. (~466-511) gründet das Fränkische Reich — bekehrt sich um 496 zum Christentum.

Angeln, Sachsen, Jüten

Aus Norddeutschland und Jütland nach Britannien (ab ca. 450). Verdrängen die keltischen Briten nach Wales und in die Bretagne. Aus den "Angeln" wird England.

Langobarden

568 ziehen sie nach Italien, gründen ein Königreich, das bis 774 besteht (von Karl dem Großen erobert).

Burgunder

Aus dem heutigen Norddeutschland nach Südostfrankreich. Königreich Burgund bis 534. Nibelungenlied erinnert an sie.

Nicht-germanische Wanderungen

  • Hunnen: aus Zentralasien (370-453)
  • Alanen: iranisches Volk, mit Vandalen nach Nordafrika
  • Awaren: 6.-8. Jh. in Pannonien
  • Slawen: bevölkern den Balkan und Osteuropa
  • Magyaren (Ungarn): 9.-10. Jh., späte Welle der Steppenvölker

Auswirkungen

  • Untergang Westroms (476)
  • Entstehung germanischer Königreiche auf römischem Boden
  • Ethnische Neuordnung Europas: heutige Völker entstehen
  • Sprachgrenzen bilden sich (germanisch-romanisch)
  • Beginn des Mittelalters
  • Christianisierung der eingewanderten Völker

War es eine "Wanderung"?

Die moderne Forschung sieht den Begriff "Völkerwanderung" kritisch. Vieles war:

  • Keine geschlossene Wanderung ganzer Völker, sondern komplexe Migration einzelner Gruppen
  • Mischungsprozesse: Goten waren am Ende ihres Wegs ethnisch anders als am Anfang
  • Klimaeinflüsse: kühlere Phase und Dürren spielten eine Rolle
  • Politische Aufnahme: viele Germanen wurden vertraglich als Föderaten ins Reich aufgenommen

⚜ Schlacht der Katalaunischen Felder (451)

Der römische Feldherr Aetius und der westgotische König Theoderich I. verbünden sich und besiegen Attila den Hunnen. Es ist eines der wenigen Beispiele, wo Römer und Germanen gemeinsam kämpfen — und der Beginn vom Ende der Hunnenherrschaft.