Religion und Reich · 622 - 750

Islamische Expansion

622 n. Chr. – 750 n. Chr.

Von Mohammeds Auswanderung bis zum größten Reich der Welt — die rasanteste Expansion der Geschichte.

Die islamische Expansion ist eines der bemerkenswertesten Phänomene der Weltgeschichte. Innerhalb von 100 Jahren entstand das damals größte Reich der Welt — von Spanien bis Indien. Mit ihm verbreitete sich der Islam, eine neue Religion mit prägender Wirkung bis heute.

Vorgeschichte: Mohammed (~570-632)

Mohammed wurde in Mekka geboren — einer Handelsstadt mit polytheistischer Religion (Verehrung der Kaaba mit 360 Götzen). Mit ~40 Jahren empfängt er die ersten Offenbarungen, die später im Koran gesammelt werden.

Hidschra (622)

Wegen Verfolgung in Mekka flieht Mohammed mit seinen Anhängern 622 nach Medina. Diese Auswanderung (Hidschra) markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung. Heute heißt es "1404 nach der Hidschra" (im Jahr 2026).

In Medina gründet Mohammed die erste islamische Gemeinde (Umma) — Religion und Staat sind eins.

Ausbreitung in Arabien (622-632)

  • 630: Eroberung Mekkas — die Kaaba wird zum islamischen Heiligtum
  • Vereinigung Arabiens unter dem Islam
  • 632: Mohammeds Tod ohne männlichen Erben

Die ersten Kalifen (632-661): Raschidun

Vier "rechtgeleitete" Kalifen führen die Eroberungen fort:

  • Abu Bakr (632-634): einigt Arabien
  • Umar (634-644): erobert Syrien, Ägypten, Persien!
  • Uthman (644-656): kanonisiert den Koran
  • Ali (656-661): Vetter Mohammeds — wird ermordet

Schlüsseleroberungen

636
Schlacht von Jarmuk: Byzantiner verlieren Syrien
637
Schlacht von Kadisiya: Sassaniden verlieren Mesopotamien
637
Eroberung Jerusalems
642
Schlacht von Nehavend: Ende des Sassanidenreichs
642
Eroberung Alexandrias / Ägyptens
651
Letzter Sassanidenkönig stirbt — Persien islamisch
670-690
Eroberung Nordafrikas (heutiges Tunesien, Marokko)
711
Tariq ibn Ziyad überquert nach Spanien — Eroberung der iberischen Halbinsel
732
Schlacht bei Tours/Poitiers: Karl Martell stoppt Eroberung in Frankreich
751
Schlacht am Talas: Araber besiegen Chinesen — Zentralasien wird muslimisch

Sunniten vs. Schiiten

Nach Alis Ermordung 661 spaltet sich der Islam:

  • Sunniten: akzeptieren die Umayyaden (~85 % der Muslime heute)
  • Schiiten: nur Nachkommen Alis seien rechtmäßige Kalifen (~15 % heute, v. a. Iran, Irak)

Umayyaden-Kalifat (661-750)

Hauptstadt: Damaskus. Größte Ausdehnung des Reichs:

  • Vom Atlantik bis zum Indus
  • Pyrenäen bis Zentralasien
  • Etwa 11 Millionen km² — Vergleichsmaßstab: USA hat 9,8 Mio. km²

Arabisch wird Verwaltungssprache. Schöner Bau: Felsendom in Jerusalem (691) — einer der ältesten erhaltenen islamischen Bauten.

Warum war die Expansion so erfolgreich?

  • Geschwächte Großreiche (Byzanz und Sassaniden hatten sich in Kriegen erschöpft)
  • Religiöse Begeisterung (Glaube an Paradies für Märtyrer)
  • Militärische Effizienz (leichte Reiterei, schnelle Mobilmachung)
  • Religiöse Toleranz: "Schutzbefohlene" (Dhimmi): Juden und Christen behielten ihre Religion gegen Sondersteuer
  • Steuersystem oft günstiger als bei Byzantinern oder Sassaniden

Abbasiden-Kalifat (750-1258)

Umayyaden werden gestürzt. Neue Dynastie:

  • Hauptstadt: Bagdad (gegründet 762)
  • Goldenes Zeitalter des Islam — Wissenschaft, Philosophie, Medizin
  • Politische Macht zerfällt im 10. Jh., aber kulturelle Blüte bleibt
  • 1258: Mongolen unter Hülegü erobern Bagdad — Ende der Abbasiden

Goldenes Zeitalter des Islam (~800-1200)

Während Europa als "dunkel" gilt, blüht die islamische Wissenschaft:

  • Bayt al-Hikma (Haus der Weisheit, Bagdad): Übersetzungen griechischer Werke
  • Avicenna (Ibn Sina, 980-1037): Medizin, "Kanon" — 600 Jahre Standardwerk
  • Al-Khwarizmi (~780-850): Algebra, Algorithmus
  • Averroes (Ibn Rushd, 1126-1198): Philosoph, kommentiert Aristoteles
  • Ibn al-Haitham (~965-1040): Optik, wissenschaftliche Methode
  • Indische Ziffern (mit Null) werden über die Araber nach Europa gebracht

Islamisches Spanien (al-Andalus, 711-1492)

Auf der iberischen Halbinsel entsteht eine eigene islamische Kultur:

  • Hauptstadt: Córdoba — größte Stadt Europas im 10. Jh., ~500.000 Einwohner
  • Toleranz zwischen Muslimen, Juden, Christen ("Convivencia")
  • Übersetzerschulen in Toledo bringen antikes Wissen nach Europa
  • Schöne Bauten: Mezquita Córdoba, Alhambra Granada
  • 1492: Reconquista beendet — Granada fällt

Spätere Reiche

  • Fatimiden (909-1171): Ägypten, schiitisch
  • Mamluken (1250-1517): Sklavensoldaten erobern Ägypten
  • Seldschuken (1037-1308): Türkenvolk, erobern Anatolien
  • Osmanen (1299-1923): bis ins 20. Jh.
  • Mogulen (1526-1857): Indien — Taj Mahal

⚜ Mathematische Wörter aus dem Arabischen

Algebra, Algorithmus, Ziffer (von sifr = Null), Almanach — viele Wörter unseres mathematischen Vokabulars sind arabischen Ursprungs. Ohne die islamische Wissenschaft hätte die europäische Renaissance niemals stattfinden können.