Das Osmanische Reich
623 Jahre Großmacht — vom anatolischen Beylik zur Brücke zwischen Europa und Orient.
Das Osmanische Reich war eines der bedeutendsten Reiche der Weltgeschichte. Über 623 Jahre regierten die Osmanen Teile dreier Kontinente — Südosteuropa, den Nahen Osten und Nordafrika. Ihr Untergang 1918 markierte das Ende einer Epoche und schuf die heutigen Konflikte des Nahen Ostens.
Anfänge
- Nach Mongoleninvasion in Anatolien (13. Jh.)
- Türkische Stämme wandern ein
- Seldschuken-Sultanat zerfällt
- Verschiedene Beyliks (Fürstentümer)
- ~1299: Osman I. gründet eigenes Beylik bei Söğüt
- Erste Eroberungen am Rand des Byzantinischen Reichs
Frühe Expansion (1326-1453)
- 1326: Bursa erobert (erste Hauptstadt)
- 1352: Erste Osmanen in Europa (Tzympe)
- 1361: Adrianopel (Edirne) erobert
- 1389: Schlacht auf dem Amselfeld — Sieg über Serben
- Albanien, Bulgarien werden Tributstaaten
- 1402: Niederlage gegen Timur (Tamerlan) bei Ankara
- Zwischenphase: Bürgerkrieg unter Bayezids Söhnen
- Mehmed I. festigt Reich
- Murad II. setzt Expansion fort
Eroberung Konstantinopels (1453)
- Mehmed II. "der Eroberer"
- 21 Jahre alt
- 53 Tage Belagerung
- Riesige Kanonen (Urban-Kanonen)
- Schiffe über Land transportiert
- 29. Mai 1453: Eroberung
- Konstantin XI., letzter byzantinischer Kaiser, fällt
- Hagia Sophia wird Moschee
- Ende des Byzantinischen Reiches
- Symbolisches Ende des Mittelalters
- Konstantinopel (Istanbul) wird neue Hauptstadt
Weitere Expansion
- 1456: Belgrad — Angriff scheitert (Hunyadi)
- 1480: Otranto in Italien kurzzeitig
- 1492: Aufnahme spanischer Juden nach deren Vertreibung
- 1514: Sieg gegen Persien bei Tschaldiran
- 1516-17: Selim I. erobert Syrien, Palästina, Ägypten
- Sultan wird Kalif aller Sunniten
- Heilige Städte Mekka und Medina unter osmanischer Schutz
Suleiman der Prächtige (1520-1566)
- "Der Gesetzgeber" (Kanuni)
- Höhepunkt des Reiches
- 1521: Belgrad
- 1522: Rhodos
- 1526: Sieg bei Mohács — Ungarn fällt
- 1529: Erste Belagerung Wiens (gescheitert)
- 1538: Seesieg bei Préveza
- Mittelmeer wird "osmanischer See"
- Reform des Rechts
- Sinan (1490-1588): größter osmanischer Architekt
- Süleymaniye-Moschee, Selimiye-Moschee Edirne
Verwaltung
- Sultan an Spitze, absolut
- Großwesir als oberster Beamter
- Diwan (Rat)
- Reich in Provinzen (Beylerbeyliks, Sandschaks)
- Pascha als Provinzgouverneur
- Multikulturell, multireligiös
Millet-System
- Religiöse Gemeinschaften mit Selbstverwaltung
- Muslime (Mehrheit)
- Griechisch-orthodoxe
- Armenisch-apostolische
- Juden
- Eigene Gerichte, Schulen
- Sondersteuer ("Dschizya") für Nicht-Muslime
- Toleranz im Rahmen — besser als europäische Standards seiner Zeit
Janitscharen
- Eliteinfanterie
- Aus christlichen Knaben rekrutiert ("Knabenlese", devsirme)
- Zwangskonvertierung zum Islam
- Strenge militärische Ausbildung
- Loyal zum Sultan
- Eine der ersten stehenden Berufsheere
- Später politische Macht — bremsen Reformen
- 1826: aufgelöst (blutig)
Harem
- Frauenviertel des Sultans
- Mutter des Sultans (Valide Sultan) sehr mächtig
- 16./17. Jh.: "Sultanat der Frauen"
- Roxelane (Hürrem Sultan), Frau Suleimans
- Politische Einflussnahme
Belagerungen Wiens
1529
- Suleiman belagert
- 3 Wochen
- Winter zwingt zum Abbruch
- Verteidigung durch Niklas Graf Salm
1683
- Großwesir Kara Mustafa
- 2 Monate Belagerung
- Entsatz durch Polen-König Jan Sobieski
- 12. September 1683: Schlacht am Kahlenberg
- Osmanen vernichtend geschlagen
- Kara Mustafa hingerichtet
- Wendepunkt: ab jetzt Niedergang
Niedergang
- 1699: Frieden von Karlowitz — Ungarn an Habsburg
- "Kranker Mann am Bosporus"
- Russisch-Türkische Kriege
- 1774: Frieden von Kütschük Kainardschi
- 1789: Niederlage gegen Russland
- 1798: Napoleon in Ägypten — Niederlage demütigend
- Aufstand der Griechen 1821-29 — Unabhängigkeit
- Aufstand Mohammed Alis in Ägypten
Tanzimat-Reformen (1839-1876)
- Modernisierungsversuche
- Hatt-ı Şerif von Gülhane 1839
- Hatt-ı Hümayun 1856
- Verfassung 1876 (suspendiert 1878)
- Gleichberechtigung der Religionen formal
- Eisenbahn, Telegraph
- Aber: zu wenig, zu spät
Krimkrieg (1853-56)
- Osmanen mit GB, Frankreich gegen Russland
- Sieg, aber teuer
- Florence Nightingale
- Erstmals moderne Kriegsberichterstattung
"Hamidian Massacres"
- Sultan Abdülhamid II. (1876-1909) — "der Schreckliche"
- 1894-96: Massaker an Armeniern (~80.000-300.000)
Jungtürkische Revolution (1908)
- "Komitee für Einheit und Fortschritt"
- Sultan zur Verfassung gezwungen
- 1909: Abdülhamid abgesetzt
- Drei-Pascha-Regime (Talaat, Enver, Cemal)
Balkankriege (1912-13)
- Osmanen verlieren fast alle europäischen Gebiete
- Albanien unabhängig 1912
Erster Weltkrieg
- 1914: Bündnis mit Deutschland/Österreich
- Dardanellen-Schlacht 1915 — Sieg
- Genozid an Armeniern 1915-1923: ~1-1,5 Mio. Tote
- Türkei leugnet bis heute offiziell den Genozid
- Hejaz-Bahn, Lawrence von Arabien
- Niederlage 1918
Ende
- 30. Oktober 1918: Waffenstillstand von Mudros
- Vertrag von Sèvres 1920 — Osmanisches Reich aufgeteilt
- Aber: Mustafa Kemal organisiert Widerstand
- Türkischer Befreiungskrieg 1919-22
- 1. November 1922: Sultanat abgeschafft
- 29. Oktober 1923: Türkische Republik
- 1924: Kalifat abgeschafft — Ende einer 13-jahrhundertelangen Institution
Mustafa Kemal Atatürk
- "Vater der Türken"
- Säkulare Reformen
- Latein-Alphabet statt arabischem
- Hidschab-Verbot
- Frauenrechte
- Trennung Religion-Staat
- Modernisierung im Schnellverfahren
Religion
- Sunnitischer Islam dominant
- Sufi-Orden wichtig (Mevlevi, Bektaschi)
- Aleviten als heterodoxe Gruppe
- Toleranz gegenüber Juden und Christen besser als in Europa
- Sephardische Juden nach 1492 aufgenommen
Kunst und Kultur
- Sinans Moscheen
- Iznik-Keramik
- Kalligrafie
- Tulpenzeit (1718-1730)
- Dichtung: Yunus Emre, Fuzuli
- Janitscharen-Musik
Wirtschaft
- Kontrolle über Seidenstraße-Routen
- Bagdad-Bahn (mit Deutschland)
- Aber: keine industrielle Revolution
- Abhängigkeit von europäischen Krediten
Erbe
- Heutige Türkei
- Grenzen Naher Osten teils osmanisch
- Sykes-Picot 1916 zerlegt osmanisches Erbe
- Konflikte: Kurden, Armenier, Israel-Palästina
- Türkische Sprache und Kultur in Balkan
- Osmanische Küche
- Kaffeehauskultur (Wien!) hat osmanische Wurzeln
Bedeutung
- Eines der größten Reiche der Geschichte
- Brücke zwischen Europa und Orient
- Bewahrer antiken Wissens
- Schutz spanischer Juden
- Aber: auch Genozid an Armeniern, Christenverfolgung
- Wie alle Reiche: hell und dunkel
Sultane (Auswahl)
- Osman I. (1299-1326) — Gründer
- Murad I. (1362-89) — erster "Sultan"
- Bayezid I. (1389-1402) — "Blitz"
- Mehmed II. (1444-46, 1451-81) — Eroberer
- Selim I. (1512-20) — "der Gestrenge"
- Suleiman I. (1520-66) — Prächtiger
- Murad III. (1574-95)
- Mahmud II. (1808-39) — Reformer
- Abdulmecid I. (1839-61)
- Abdülhamid II. (1876-1909)
- Mehmed VI. (1918-22) — letzter Sultan
Symbolik
- Halbmond als Symbol
- Roter Hintergrund
- Heute türkische Flagge
- "Halbmond gegen Kreuz" — historische Erzählung
623 Jahre Großmacht
Vom anatolischen Stammesfürstentum zur Weltmacht über drei Kontinente. Vom Sieg bei Konstantinopel 1453 bis zur Niederlage 1918. 623 Jahre — länger als die meisten Reiche der Geschichte. Das Osmanische Reich war eine Welt für sich: islamisch, multikulturell, Pluralistisch, brutal, glänzend, korrupt, brillant. Seine Auflösung 1918 hinterließ ein Vakuum, das bis heute nicht gefüllt ist. Wer den Nahen Osten verstehen will, muss die Osmanen verstehen.