Friedenskongress · 1814 - 1815

Wiener Kongress

1814 n. Chr. – 1815 n. Chr.

Metternich orchestriert die Neuordnung Europas nach Napoleon — 100 Jahre relative Stabilität.

Der Wiener Kongress (1814-1815) ordnete Europa nach den napoleonischen Kriegen neu. Er schuf eine Friedensordnung, die in Grundzügen 100 Jahre hielt — bis 1914.

Ausgangslage

Nach Napoleons Niederlage 1814 musste Europa neu geordnet werden:

  • Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 1806 aufgelöst
  • Hunderte Staaten durch Napoleon zusammengelegt oder neu gegründet
  • Alte Dynastien vertrieben, neue eingesetzt
  • Frankreich besiegt, aber zu wichtig zum Ignorieren

Die Akteure

  • Klemens von Metternich (Österreich): Hauptarchitekt
  • Castlereagh (Großbritannien): pragmatischer Außenminister
  • Hardenberg und Wilhelm von Humboldt (Preußen)
  • Zar Alexander I. (Russland): selbst anwesend, religiös-mystisch
  • Talleyrand (Frankreich): brillanter Diplomat, schafft es trotz Niederlage, Frankreich gleichberechtigt zu positionieren

Prinzipien

  1. Restauration: Wiedereinsetzung der vor-napoleonischen Dynastien
  2. Legitimität: nur Herrscher von Gottes Gnaden
  3. Solidarität: Einheit der Monarchen gegen Revolution
  4. Gleichgewicht: keine Großmacht darf dominieren

Die Verhandlungen

"Le congrès danse, mais il ne marche pas." — "Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran." (Charles Joseph de Ligne)

Über 200 Staaten waren vertreten. Wirklich entschieden wurde im kleinen Kreis. Bälle, Empfänge, Konzerte (Beethoven!) prägten das gesellschaftliche Leben. Im März 1815 unterbrach Napoleons Rückkehr (Hundert Tage) die Verhandlungen.

Schlussakte (9. Juni 1815)

Territorial

  • Preußen: gewinnt Rheinland, Westfalen, Teile Sachsens
  • Österreich: gewinnt Lombardei-Venetien
  • Russland: bekommt Kongresspolen
  • Großbritannien: gewinnt Kolonien (Malta, Helgoland, Kap, Ceylon)
  • Niederlande und Belgien: zwangsvereinigt (zerfällt 1830)
  • Schweiz: ewige Neutralität bestätigt
  • Norwegen: an Schweden

Deutscher Bund

Statt eines Nationalstaates: lockerer Verbund von 39 Staaten unter österreichischer Präsidentschaft. Bundestag in Frankfurt.

Heilige Allianz

Im September 1815 schließen Russland, Österreich und Preußen die Heilige Allianz. Frömmigkeit als Bindemittel, faktisch: gegenseitige Hilfe bei Niederschlagung von Revolutionen.

Karlsbader Beschlüsse (1819)

Nach der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue beschließt der Deutsche Bund:

  • Pressezensur
  • Universitäten unter staatlicher Aufsicht
  • Verfolgung von "Demagogen"
  • Schwarze Liste oppositioneller Personen

Das "System Metternich" prägt Mitteleuropa bis 1848.

Erfolge

  • 100 Jahre kein europäischer Großkrieg (1815-1914) — "Hundertjähriger Frieden"
  • Diplomatie als geregelter Prozess
  • Kongresse statt Kriege als Konfliktlösung
  • Frankreich blieb integraler Teil Europas

Probleme

  • Nationalstaatsstreben ignoriert (Italien, Deutschland)
  • Polen geteilt, ohne eigenen Staat
  • Liberale Bewegungen unterdrückt
  • Aufgestauter Druck führt zu 1830, 1848 und schließlich 1914

Bewertung heute

Historiker bewerten den Kongress zwiespältig: Einerseits ein diplomatisches Meisterwerk, das langen Frieden brachte. Andererseits ein reaktionäres Werk, das berechtigte Forderungen nach Demokratie und Selbstbestimmung unterdrückte.

⚜ Metternich-System

Klemens von Metternich (1773-1859) prägte Europa für 33 Jahre — als österreichischer Außenminister, dann Staatskanzler. Er war konservativ, brillant, machiavellistisch. 1848 wurde er gestürzt und musste nach London fliehen. Sein Lebenswerk zerbrach — aber die "Wiener Ordnung" bestand fort.