Hundertjähriger Krieg
Frankreich gegen England — 116 Jahre Krieg um die französische Krone. Jeanne d'Arc, Crécy, Azincourt.
Der Hundertjährige Krieg (1337-1453) war eine Serie von Kriegen zwischen England und Frankreich um die französische Krone und Gebietsansprüche. Mit 116 Jahren ist es einer der längsten Kriege der Geschichte — und prägte beide Nationen tief.
Vorgeschichte
Seit der normannischen Eroberung Englands 1066 hatten englische Könige Besitzungen in Frankreich. Im 14. Jh. besaß der englische König Aquitanien — als Lehen vom französischen König. Das war Konfliktstoff.
Auslöser
1328: Der letzte direkte Kapetinger Karl IV. stirbt ohne Sohn. Edward III. von England erhebt Anspruch auf die französische Krone — seine Mutter war Tochter eines französischen Königs. Die Franzosen wählen stattdessen Philipp VI. von Valois.
1337: Philipp VI. erklärt Edwards französische Lehen für eingezogen. Edward erklärt Krieg.
Phase 1: Edwardianischer Krieg (1337-1360)
Schlacht bei Crécy (26. August 1346)
Berühmteste Schlacht der ersten Phase. ~8.000 Engländer gegen ~30.000 Franzosen.
Edward III. siegt durch:
- Langbogen: walisische Bogenschützen schießen 6 Pfeile pro Minute mit hoher Reichweite
- Defensive Position auf einer Anhöhe
- Französische Kavallerie wird zerschossen
~10.000 Franzosen fallen, darunter 1.500 Ritter. Wendepunkt: Schwere Kavallerie ist gegen Bogenschützen verwundbar.
Belagerung von Calais (1346-1347)
Edward erobert Calais. Englischer Brückenkopf in Frankreich, gehalten bis 1558.
Schlacht von Poitiers (1356)
Der "Schwarze Prinz" (Edwards Sohn) nimmt den französischen König Johann II. gefangen. Lösegeldforderung: 3 Mio. Goldkronen — bringt Frankreich finanziell an den Rand.
Vertrag von Brétigny (1360)
Frieden:
- England bekommt riesige Gebiete (Aquitanien, Calais, Ponthieu)
- Edward verzichtet auf die Krone
- Lösegeld für Johann II.
Phase 2: Karolinischer Krieg (1369-1389)
Karl V. (Frankreich) und sein Connétable Bertrand du Guesclin erobern systematisch englische Gebiete zurück. Bis 1389 hat England fast alles verloren außer Calais, Bordeaux, Bayonne. Waffenstillstand.
Phase 3: Lancasterscher Krieg (1415-1453) — Höhepunkt
Henry V. greift an
Frankreich ist durch innere Konflikte (Armagnacs vs. Burgunder) geschwächt. Henry V. von England nutzt die Gelegenheit.
Schlacht von Azincourt (25. Oktober 1415)
Die berühmteste Schlacht des Krieges. ~6.000 Engländer (vor allem Bogenschützen) gegen ~20.000 Franzosen.
- Schlammiges Terrain durch Regen
- Englische Bogenschützen schießen die schwer gepanzerten französischen Ritter nieder
- Französische Ritter werden im Schlamm zerquetscht
- ~6.000 Franzosen fallen, 700 Engländer
- Sieg verewigt in Shakespeares "Henry V."
Vertrag von Troyes (1420)
Henry V. heiratet Katharina von Frankreich, soll französischer Thronfolger werden. Der französische Dauphin (Karl) wird enterbt. Henry V. stirbt 1422, sein Säugling Henry VI. ist König von England UND Frankreich.
Jeanne d'Arc — die Wende
1428: Engländer belagern Orléans — die letzte große Stadt des "französischen" Frankreich. Verzweifelte Lage.
Da kommt ein junges Bauernmädchen aus Lothringen: Jeanne d'Arc (~1412-1431).
- 17-jährig erklärt sie, von Heiligen den Auftrag erhalten zu haben, Frankreich zu retten
- Sie überzeugt den Dauphin Karl
- 1429: Befreiung von Orléans — historischer Wendepunkt
- 17. Juli 1429: Karl wird in Reims gekrönt — Karl VII.
- 1430: Jeanne wird gefangen genommen
- 1431: Hexenprozess in Rouen — als Hexe und Ketzerin verbrannt
- 1456: Annulliert
- 1920: heiliggesprochen — heute Schutzpatronin Frankreichs
Letzte Phase (1429-1453)
Frankreich erobert Schritt für Schritt zurück:
- 1435: Burgund wechselt die Seiten
- 1450: Schlacht von Formigny — Normandie zurückerobert
- 1453: Schlacht von Castillon — letzte Schlacht. Erstmals werden Kanonen entscheidend eingesetzt. Frankreich siegt.
England verliert alle französischen Besitzungen außer Calais (bleibt englisch bis 1558).
Folgen
Für Frankreich
- Nationale Identität wird gefestigt
- Königsmacht gestärkt — stehendes Heer eingeführt
- Steuersystem ausgebaut
- Adel finanziell ruiniert — Königsmacht wächst
Für England
- Verlust kontinentaler Besitzungen
- Innere Spannungen → Rosenkriege (1455-1487)
- Auf die Insel zurückgeworfen — bedeutet später maritime Orientierung
Für die Kriegsführung
- Ende der Ritter-Dominanz
- Aufstieg der Infanterie (Bogenschützen, später Schützen)
- Erste Schussfeuerwaffen entscheidend
- Beginn nationaler Armeen
Soziale Folgen
- Verbunden mit dem Schwarzen Tod: massive Bevölkerungsverluste
- Bauernaufstände (Jacquerie 1358, Wat Tyler 1381)
- Hungersnöte
- Beide Länder traumatisiert für Generationen
⚜ Die unschuldige Heilige
Jeanne d'Arc wurde mit 19 Jahren auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. Ihre Asche wurde in die Seine geworfen. 25 Jahre später wurde der Prozess für nichtig erklärt. Aber erst 1920 — fast 500 Jahre später — wurde sie heiliggesprochen. Heute ist sie eine der bekanntesten Heiligen, in Frankreich Nationalsymbol, in Lyrik (Schiller), Theater (Shaw), Film (mehrfach verfilmt) immer wieder Inspiration.