Rechtsdokument · 1215

Magna Carta

1215 n. Chr.

Die Große Urkunde von 1215 — der erste schriftliche Versuch, königliche Macht zu begrenzen.

Die Magna Carta Libertatum ("Große Urkunde der Freiheiten") von 1215 ist eines der wichtigsten Rechtsdokumente der Weltgeschichte. Sie war der erste schriftliche Versuch, die Macht eines Königs durch Recht zu begrenzen — Grundlage der modernen Demokratie.

Vorgeschichte

König Johann Ohneland (1199-1216)

Sohn Heinrichs II., Bruder von Richard Löwenherz. Zunächst Erbe nur weniger Gebiete (daher "Ohneland"). Wird König nach Richards Tod 1199.

Johann hatte schwerwiegende Probleme:

  • 1204: verliert die Normandie an Frankreich — katastrophaler militärischer Misserfolg
  • 1209: vom Papst exkommuniziert
  • Hohe Steuern zur Finanzierung erfolgloser Kriege
  • Willkürliche Justiz: nimmt Adligen Land weg, lässt sie ohne Prozess einkerkern

Aufstand der Barone

1214 verliert Johann die Schlacht von Bouvines gegen Frankreich endgültig. Die Adligen haben genug. 1215 erheben sich englische Barone, nehmen London ein.

Runnymede, 15. Juni 1215

Auf einer Wiese namens Runnymede an der Themse zwingen die Barone Johann, ein Dokument zu siegeln: die Magna Carta. Es enthält 63 Artikel.

Inhalt der Magna Carta

Wichtigste Bestimmungen

  • Artikel 39: "Kein freier Mann soll verhaftet oder eingekerkert oder seiner Güter beraubt oder verbannt oder in irgendeiner Weise vernichtet werden, [...] außer durch das gesetzliche Urteil seiner Standesgenossen oder durch das Gesetz des Landes."
  • Artikel 40: "Niemandem wollen wir Recht oder Gerechtigkeit verkaufen, verweigern oder verzögern."
  • Schutz vor willkürlicher Steuererhebung: nur mit Zustimmung des Rates
  • Schutz der Kirche vor Eingriffen der Krone
  • Schutz der Witwen vor Zwangsverheiratung
  • Standardisierung von Maßen: in ganz England
  • Schutz der Wälder: keine willkürliche Erweiterung der Königswälder
  • Schutz von London und anderen Städten in ihren alten Rechten

Kontrolle

Ein Komitee von 25 Baronen soll die Einhaltung überwachen — bei Verletzung dürfen sie sich offen gegen den König wenden. Erste verfassungsmäßige Begrenzung der Königsmacht.

Sofortiges Scheitern

Johann hält sich nicht an die Magna Carta. Schon nach 3 Monaten:

  • August 1215: Papst Innozenz III. erklärt die Magna Carta für ungültig
  • Bürgerkrieg bricht aus
  • Oktober 1216: Johann stirbt
  • Sein 9-jähriger Sohn Heinrich III. wird König — Regenten bestätigen die Magna Carta neu, jetzt offiziell anerkannt

Bestätigungen und Erweiterungen

Die Magna Carta wird im Mittelalter mehrfach bestätigt:

  • 1216, 1217, 1225 (kürzere Fassungen)
  • Über 40-mal von späteren englischen Königen bestätigt
  • Wird Teil des englischen "Common Law"

Eigentliche Wirkung

1215 nutzte die Magna Carta vor allem den Baronen (großer Adel). Aber im Laufe der Jahrhunderte wurde sie umgedeutet:

  • 17. Jahrhundert: englische Bürgerkriegsgegner gegen König Karl I. berufen sich auf sie
  • 1689: "Bill of Rights" in England geht auf Magna-Carta-Ideen zurück
  • 1776: Amerikanische Unabhängigkeitserklärung übernimmt Prinzipien
  • 1789: Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte
  • 1948: UN-Menschenrechtserklärung baut auf Ideen der Magna Carta auf

Erhaltene Kopien

Vier originale Kopien von 1215 sind erhalten:

  • 2 in der British Library
  • 1 in der Lincoln Cathedral
  • 1 in der Salisbury Cathedral

2009 wurde die Magna Carta von der UNESCO ins "Memory of the World"-Register aufgenommen.

Bedeutung heute

Die Magna Carta ist nicht direkt geltendes Recht mehr (die meisten Bestimmungen wurden im Lauf der Jahrhunderte ersetzt). Aber sie ist Symbol der Begrenzung staatlicher Macht durch das Recht. Drei Bestimmungen sind noch in Kraft:

  • Freiheit der englischen Kirche (Art. 1)
  • Privilegien der City of London (Art. 13)
  • Recht auf Gerichtsverfahren (Artikel 39/40 — heute Art. 29 der gültigen Fassung)

⚜ Magna Carta heute

2015 — zum 800. Jubiläum — würdigten Großbritannien und die USA die Magna Carta als Geburtsurkunde der Rechtsstaatlichkeit. Königin Elizabeth II. nahm an einer Feier in Runnymede teil. Die Magna Carta zeigt: Ideen sind langlebiger als ihre Schöpfer.