Europa · ca. 1450 - 1750

Die Hexenverfolgung

1450 n. Chr. – 1750 n. Chr.

Hammer der Hexen, Scheiterhaufen, Folterkammern — der lange Wahn der frühen Neuzeit.

Die Hexenverfolgung in Europa und Nordamerika gehört zu den dunkelsten Kapiteln der frühen Neuzeit. Zwischen 1450 und 1750 wurden schätzungsweise 40.000-60.000 Menschen — überwiegend Frauen — als angebliche Hexen hingerichtet. Anders als oft angenommen war dies nicht das Mittelalter, sondern die Zeit der Renaissance und Aufklärung.

Vor der großen Verfolgung

  • Mittelalter: Kirche bestreitet Existenz von Hexen ("Canon Episcopi", ~900)
  • Magie galt als heidnischer Aberglaube
  • Einzelfälle von Hexenprozessen, aber kein System
  • Inquisition zunächst gegen Ketzer (Katharer, Waldenser)

Wandel ab ~1400

  • Theologische Neuerfindung: Hexen seien real und gefährlich
  • Teufelspakt als zentrales Element
  • 1430er: erste systematische Verfolgungen in der Schweiz und Savoyen
  • 1484: Papstbulle "Summis desiderantes affectibus" von Innozenz VIII.
  • Erteilt Heinrich Kramer und Jakob Sprenger weitgehende Vollmachten

Der Hexenhammer (1486)

  • Malleus Maleficarum — "Hammer gegen die Hexen"
  • Verfasst von Heinrich Kramer (Institoris), Dominikaner
  • Möglicherweise Jakob Sprenger als Mitautor (umstritten)
  • Dreiteiliges Werk
  • Begründet theoretisch die Existenz von Hexen
  • Anleitung zu Befragung, Folter, Urteil
  • Extrem frauenfeindlich
  • Durch Buchdruck rasend verbreitet — bis 1669 ca. 29 Auflagen
  • Vorwort: gefälschte Approbation der Kölner Universität

Was warf man Hexen vor?

  • Teufelspakt: schriftlich, mit Blut unterzeichnet
  • Geschlechtsverkehr mit Teufel
  • Hexenflug auf Besen oder Bock
  • Hexensabbat: Treffen zur Hexennacht (Walpurgisnacht)
  • Schadenzauber: Wetter machen, Vieh und Menschen krankmachen
  • Kinder töten oder verzehren
  • Schwarze Messen

Höhepunkte der Verfolgung

Schweiz und Süddeutschland

  • 15./16. Jh.: Schwerpunkt
  • Mehrere tausend Hinrichtungen in der Schweiz

Deutschland

  • Schwerster Schauplatz Europas — ~25.000 Hingerichtete
  • Hochphase: ca. 1580-1640
  • Würzburg 1626-31: ~900 Tote (Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg)
  • Bamberg 1626-31: ~600 Tote
  • Trier 1581-93: ~368 Tote in 22 Dörfern; ganze Ortschaften ohne Frauen
  • Fulda, Ellwangen, Eichstätt, Würzburg, Bamberg — geistliche Fürstentümer

Frankreich

  • Etwa 4.000 Hinrichtungen
  • Affäre der Gifte am Hof Ludwigs XIV.
  • 1682: Edikt Ludwigs XIV. beendet Hexenprozesse

England und Schottland

  • England: ca. 1.000 Tote — meist Erhängen statt Verbrennen
  • Schottland: brutaler, ~1.500-4.000 Tote
  • Matthew Hopkins ("Witchfinder General") in England 1645-47: ~250 Hingerichtete in 14 Monaten

Salem (1692)

  • Salem Village, Massachusetts
  • Kinder beginnen mit Anschuldigungen
  • 20 Hinrichtungen, davon 19 durch Erhängen, einer (Giles Corey) zu Tode gepresst
  • 5 weitere starben im Gefängnis
  • Bekanntester amerikanischer Fall
  • Symbol für Massenwahn
  • Arthur Miller: "The Crucible" (1953) — Allegorie auf McCarthy-Ära

Wer wurde verfolgt?

  • ~80% Frauen
  • Oft alt, allein, arm, Witwen
  • Heilerinnen, Hebammen besonders verdächtig
  • Auch Männer (~20%), v.a. in nördlichen Regionen (Estland, Island)
  • Manchmal Kinder
  • Auch Wohlhabende — Erbschaft als Motiv
  • Bürgermeister, Pfarrer, Adelige nicht immun

Der Prozess

Anzeige

  • Oft durch Nachbarn (Streit, Neid, Sündenbock)
  • Selbstanzeige unter Folter
  • Denunziation andere Hexen

Verhaftung und Wasserprobe

  • Verhaftung durch weltliche Obrigkeit
  • Schwimmprobe: gefesselt ins Wasser geworfen — schwimmt sie, ist sie schuldig; sinkt sie, oft Tod durch Ertrinken
  • Nadelprobe: Suche nach "Hexenmal", das nicht blutet

Folter

  • Daumenschrauben, Streckbank, Spanischer Stiefel
  • Schlafentzug
  • Folter offiziell legitimiert
  • Geständnisse extrahiert
  • Frage nach Mitschuldigen — endlose Kettenprozesse

Urteil

  • Verbrennen lebend (zur Reinigung der Seele)
  • Manchmal vorher Erdrosseln
  • Erhängen in protestantischen Gebieten
  • Vermögen der Verurteilten ging an Obrigkeit — wirtschaftliches Motiv

Warum so viel in Deutschland?

  • Fragmentierte Herrschaft (~300 Territorien) — keine zentrale Kontrolle
  • Konfessionelle Konflikte (Reformation)
  • 30-jähriger Krieg verstärkt Krisen
  • "Kleine Eiszeit" bringt Missernten
  • Geistliche Fürstentümer am extremsten

Krisenzeiten

  • Verfolgung korreliert mit Krisen
  • "Kleine Eiszeit" (1300-1850): Missernten, Hunger
  • Konfessionskriege
  • Pest
  • Sündenbock-Mechanismus

Gegner der Verfolgung

Friedrich Spee (1591-1635)

  • Jesuit, Beichtvater der Verurteilten in Würzburg
  • 1631: "Cautio Criminalis" anonym erschienen
  • Erste systematische Kritik
  • "Wir würden alle gestehen, wenn wir gefoltert würden"
  • Einer der ersten, die das System anprangerten

Andere

  • Johannes Weyer (1563): "De praestigiis daemonum" — Hexen seien geisteskrank
  • Christian Thomasius (1701): "De crimine magiae" — fordert Abschaffung
  • Balthasar Bekker (Niederlande)

Ende der Verfolgung

  • Aufklärung untergräbt theologische Grundlagen
  • Maria Theresia 1768: in Österreich nur noch kaiserliche Genehmigung
  • 1775: Anna Maria Schwägelin in Kempten — letzte Hinrichtung in Deutschland
  • 1782 Anna Göldi in der Schweiz — oft als "letzte" bezeichnet
  • 1793: Posen — letzte in Polen

Bilanz

  • Geschätzte 40.000-60.000 Hinrichtungen in Europa
  • Frühere Schätzungen (Millionen) unrealistisch
  • Höhepunkt 1580-1630
  • Nicht das Mittelalter, sondern Renaissance und frühe Aufklärung
  • Auf jede Hingerichtete kamen viele Verfolgte ohne Todesurteil

Mythen

Mythos: Inquisition als Haupttäter

Realität: Vor allem weltliche Gerichte. Spanische Inquisition war eher mild bei Hexen (skeptisch)

Mythos: Mittelalterliches Phänomen

Realität: Frühe Neuzeit — 1450-1750. Höhepunkt in der Zeit Shakespeares und Newtons

Mythos: Hexen waren Reste heidnischer Religion

Realität: Mythos der "Hexenkultur" von Margaret Murray (1921) — wissenschaftlich widerlegt. Hexen waren Konstrukte ihrer Verfolger

Mythos: Millionen Tote

Realität: Tatsächlich ~40-60.000 Hinrichtungen. Die "9 Millionen Frauen"-Zahl stammt aus Nazi-Propaganda

Frauenfeindlichkeit

  • Hexenhammer: Frauen seien moralisch schwächer
  • "Femina von fides minus" — Frau von wenig Glauben
  • Sexuelle Phantasien der Theologen
  • Hebammen besonders verdächtig (Kontrolle über Geburt = magisch)
  • Ältere alleinstehende Frauen ohne Schutz

Bekannte Opfer

  • Katharina Henot (Köln 1627) — Postmeisterin, hingerichtet
  • Maria Holl (Nördlingen 1593) — überlebt 56 Folterungen, ohne zu gestehen
  • Anna Göldi (Schweiz 1782)
  • Johannes Junius (Bamberg 1628) — Bürgermeister, Brief an seine Tochter erhalten
  • Tempel Anneke (Braunschweig 1663)

Heutiges Gedenken

  • Mahnmale: Bamberg, Würzburg, Trier, Salem
  • Rehabilitierungen (z.B. Anna Göldi 2008)
  • Politische Stadtratsbeschlüsse zur sozialen Rehabilitierung
  • Salem als Touristenattraktion
  • Stadt Köln rehabilitierte Katharina Henot 2012

Hexenverfolgung heute

  • Afrika: Tansania, Kongo, Ghana — noch immer Hexenmorde
  • Papua-Neuguinea
  • Indien: jährlich Hunderte Tote
  • UN-Resolution 2021 gegen Hexenverfolgung
  • Schätzung: weltweit immer noch Tausende Tote pro Jahr

Bilder und Vorstellungen

  • Hexe auf Besen — erst im Spätmittelalter Standard
  • Schwarze Katze, spitzer Hut: spätere Klischees
  • Hexen-Darstellungen in der Kunst: Dürer, Cranach, Baldung Grien
  • Walpurgisnacht (30. April / 1. Mai) — Brocken im Harz
  • Goethe: Faust I — Walpurgisnacht-Szene

Literatur und Film

  • Goethe: Faust — Hexenküche, Walpurgisnacht
  • Arthur Miller: The Crucible (1953)
  • Tilman Röhrig: "Und Gott schwieg" (Roman zu Henot)
  • Filme: The Witch (2015), The Crucible (1996), Hexenkessel zahlreich

Wissenschaftliche Aufarbeitung

  • Heute eigene Forschung zur Hexenverfolgung
  • "Hexen-Atlas": Wolfgang Behringer und andere
  • Akten aus Prozessen als Quelle für Alltagsgeschichte
  • Geschlechtergeschichte
  • Mentalitätsgeschichte

Nicht das dunkle Mittelalter

Die Hexenverfolgung war kein "mittelalterlicher" Wahn. Sie ereignete sich in der Zeit von Shakespeare, Galileo, Descartes und Kepler. Während Newton 1687 die Gravitation entdeckte, brannten in Bayern noch immer Hexen auf dem Scheiterhaufen. Die hellste Epoche europäischen Denkens und die dunkelste Verfolgungswelle fanden gleichzeitig statt — eine eindringliche Erinnerung daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt und Aberglaube oft nebeneinander existieren.