Antike Kunst
Von Ägypten über Griechenland nach Rom — die Wurzeln westlicher Ästhetik.
Die antike Kunst umfasst mehr als 3.000 Jahre — vom kykladischen Idol über ägyptische Pyramiden, griechische Skulptur und römische Architektur bis zu spätantiken Mosaiken. Sie prägte das ästhetische Empfinden des Westens bis heute. Wer heute eine Bank, ein Gericht oder ein Museum entwirft, denkt unbewusst griechisch-römisch.
Ägyptische Kunst
- ~3000 v. Chr. - ~30 v. Chr.
- Streng konventionell, kaum Veränderung über Jahrtausende
- Frontalität, Profilansicht ("ägyptischer Profil")
- Skulpturen: groß, ewig, jenseitsbezogen
- Pyramiden (ab ~2700 v. Chr.)
- Sphinx von Gizeh (~2500 v. Chr.)
- Tempel von Karnak, Luxor
- Grabmalerei (Tutanchamuns Grab 1922 entdeckt)
- Hierarchische Größenverhältnisse
Mesopotamische Kunst
- Sumerer, Akkader, Babylonier, Assyrer
- Ziggurats (Tempel-Türme)
- "Standarte von Ur" (~2500 v. Chr.)
- Stele des Hammurabi (~1750 v. Chr.)
- Assyrische Reliefs (Löwenjagd, Schlachten)
- Tor der Ischtar (Babylon, ~575 v. Chr.) — heute Pergamonmuseum Berlin
Kykladische und Minoische Kunst
- Kyklades (Ägäis) ~3200-2000 v. Chr.
- Abstrakte Marmoridole — Vorbild moderner Kunst (Picasso!)
- Minoer auf Kreta ~3000-1100 v. Chr.
- Palast von Knossos
- Stierspringer-Fresko
- Lebendige, fast modern wirkende Fresken
Mykenische Kunst
- ~1600-1100 v. Chr.
- Festungsanlagen mit "kyklopischen" Mauern
- Löwentor von Mykene
- "Maske des Agamemnon" (Schliemann 1876)
- Goldreichtum
- Vorbild für späteren griechischen Mythos
Griechische Kunst — Geometrische Periode
- ~900-700 v. Chr.
- Abstrakte Muster auf Vasen
- Dipylon-Vasen aus Athen
- Erste figürliche Darstellungen — schemenhaft
Archaische Periode
- ~700-480 v. Chr.
- Kouroi (Jünglingsstatuen) und Korai (Mädchenstatuen)
- Ägyptischer Einfluss anfangs
- "Archaisches Lächeln"
- Vasenmalerei: schwarzfigurig, dann rotfigurig (~530 v. Chr.)
- Exekias und andere Vasenmaler
- Erste Tempel (Heraion auf Samos)
Klassische Periode
- ~480-323 v. Chr.
- Höhepunkt der griechischen Kunst
- "Strenger Stil" (480-450)
- Hochklassik (450-400) — perikleische Zeit
- Späte Klassik (400-323)
- Bildhauer: Phidias, Polyklet, Myron, Praxiteles, Skopas, Lysipp
- Diskobol (Myron)
- Doryphoros (Polyklet) — "Kanon" der Proportionen
- Hermes mit Dionysos (Praxiteles)
Parthenon
- 447-432 v. Chr. auf der Akropolis
- Architekt: Iktinos, Bauleiter: Phidias
- Dorischer Stil
- Athena Parthenos — 12 m hohe Goldelfenbeinstatue
- Friese und Metopen-Reliefs
- 1687 von Venezianern bombardiert
- 1801-12: Lord Elgin "raubt" Skulpturen — heute British Museum
- Griechenland fordert Rückgabe
Architektur-Säulenordnungen
- Dorisch: streng, schmucklos, männlich
- Ionisch: schlanker, mit Voluten am Kapitell
- Korinthisch: jüngste, mit Akanthusblättern
- Bis heute in Bankgebäuden, Gerichten, Museen
Hellenistische Kunst
- ~323-30 v. Chr.
- Nach Alexander dem Großen
- Mehr Pathos, Bewegung, Emotion
- Laokoon-Gruppe (~150-50 v. Chr.)
- Nike von Samothrake (~190 v. Chr.) — Louvre
- Venus von Milo (~130 v. Chr.) — Louvre
- Pergamonaltar (~170 v. Chr.) — Berlin
- Sterbender Gallier
- Alexandermosaik (Pompeji)
Etruskische Kunst
- ~900-100 v. Chr. in Italien
- Vorläufer der Römer
- Reichhaltige Gräber
- Bronzeskulpturen: Kapitolinische Wölfin (~5. Jh. v. Chr.)
- Sarkophag der Eheleute (Cerveteri)
- Lebenslustige Bankettszenen
Römische Kunst
- Übernahme griechischer Vorbilder
- Aber: eigene Stärken in Architektur und Porträt
- Wand- und Bodenmosaiken
- Pompeji und Herculaneum als beste Fundorte
- Vier Wandmalstile rekonstruiert
Römische Architektur
- Beton ("Opus caementicium")
- Bogen, Gewölbe, Kuppel
- Aquädukte
- Thermen
- Forum Romanum
- Kolosseum (72-80) — bis zu 50.000 Zuschauer
- Pantheon (~125) — größte freischwebende Kuppel der Antike (43 m)
- Stadtanlagen in ganzem Reich
Römische Skulptur
- Naturalistische Porträts
- "Verismus" — Falten, Warzen, Alter realistisch dargestellt
- Kaiserstatuen als Propaganda
- Augustus von Primaporta
- Marc Aurel-Reiterstatue (Kapitol)
- Triumphbögen (Titus, Konstantin)
- Trajanssäule mit Reliefband
Spätantike
- ~300-500 n. Chr.
- Wechsel von Naturalismus zu Stilisierung
- Frühchristliche Kunst entsteht
- Mosaiken in Ravenna (5./6. Jh.)
- Beginn byzantinischer Stil
- Vorbereitung des Mittelalters
Materialien
- Marmor (parischer, pentelischer)
- Bronze (viele Originale eingeschmolzen, nur Kopien erhalten)
- Ton (Vasen, Figuren)
- Holz (kaum erhalten)
- Stein für Architektur
- Glas, Mosaiksteine
- Edelsteine, Gold
Maltechnik
- Vasenmalerei: schwarzfigurig (ab ~625 v. Chr.), rotfigurig (~530 v. Chr.)
- Wandmalerei: Fresko, Tempera, Enkaustik
- Mosaiken: erst aus Kieselsteinen, dann aus Tesserae
- Tafelbilder: kaum erhalten (Holz vergeht)
- Fayum-Porträts aus Ägypten (1.-3. Jh.) als seltene Ausnahme
Verloren und Wiedergefunden
- Vieles antike Kunst zerstört oder verloren
- Christen zerstörten "heidnische" Kunst
- Marmorstatuen zu Kalk gebrannt
- Bronze eingeschmolzen
- Renaissance entdeckt vieles wieder
- Pompeji und Herculaneum ab 1709/1748 ausgegraben
- 19./20. Jh.: systematische Ausgrabungen
Berühmte Werke (Auswahl)
- Venus von Milo
- Nike von Samothrake
- Laokoon-Gruppe
- Apoxyomenos (Lysipp)
- Diskobol (Myron)
- Doryphoros (Polyklet)
- Hermes mit Dionysoskind (Praxiteles)
- Kapitolinische Wölfin
- Alexandermosaik
- Augustus von Primaporta
Sammlungen weltweit
- British Museum London (Elgin-Marbles, Rosetta-Stein)
- Louvre Paris (Venus von Milo, Nike)
- Vatikanische Museen (Laokoon, Apollo Belvedere)
- Pergamonmuseum Berlin
- Nationales Archäologisches Museum Athen
- Metropolitan Museum New York
- Glyptothek München
- Capitoline Museums Rom
Rezeption
- Mittelalter: weitgehend vergessen oder uminterpretiert
- Renaissance (15./16. Jh.): Wiederentdeckung als Vorbild
- Klassizismus (18./19. Jh.): direkte Nachahmung
- Winckelmann (1717-1768) als Begründer der Kunstgeschichte
- "Edle Einfalt und stille Größe"
- Bis heute: jeder Anzugträger im Senat steht in dieser Tradition
Falsche Vorstellungen
- Antike Skulpturen waren bemalt — wir kennen sie aber weiß
- Farbreste werden inzwischen rekonstruiert
- "Weißer Marmor" ist ein Klischee des Klassizismus
- Original waren grelle Farben üblich
Bedeutung heute
- Touristisches Schwergewicht (Athen, Rom, Pompeji)
- Schulische Pflichtinhalte
- Vorbild moderner Architektur (US-Kapitol, Reichstag-Treppe...)
- Filme, Mode, Werbung
- Olympische Spiele beziehen sich darauf
Weiß war die Antike nicht
Wir denken bei "Antike" an strahlend weiße Marmorstatuen vor blauem Himmel. Das ist ein Klischee des 18. Jahrhunderts. Die Originale waren bunt bemalt — leuchtend rot, blau, gelb, grün. Augen wurden eingelegt, Haare vergoldet. Erst durch Witterung und Zeit verblassten die Farben. Winckelmann sah nur die weißen Reste — und erfand eine "edle Einfalt", die nie existiert hatte. Heute können wir dank chemischer Analyse die ursprüngliche Polychromie rekonstruieren. Antike Kunst war lauter, bunter und lebendiger, als wir denken.