Die Dekolonisierung
80 neue Staaten in 30 Jahren — Ende des europäischen Kolonialreichs.
Die Dekolonisierung ist eine der größten politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Innerhalb von rund 30 Jahren (1945-1975) lösten sich praktisch alle europäischen Kolonien — über 80 neue Staaten entstanden, hunderte Millionen Menschen wurden zu Bürgern unabhängiger Nationen. Die Weltkarte wurde komplett neu gezeichnet.
Was war Kolonialismus?
- Fremdherrschaft europäischer Mächte über außereuropäische Gebiete
- Ab ~1500 (Entdeckungen)
- Höhepunkt: 1880-1914 ("Imperialismus")
- ~84% der Erdoberfläche kolonisiert (1914)
- Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Belgien, Portugal, Spanien, Italien, Deutschland, Japan, USA
Erste Welle: 18./19. Jahrhundert
- USA 1776 (von Großbritannien)
- Haiti 1804 (von Frankreich)
- Lateinamerika 1810-1825 (von Spanien und Portugal)
- Simon Bolivar als Befreier
- Brasilien 1822
- Aber: nur Siedlerkolonien — keine eigentliche Dekolonisierung
Hintergrund 20. Jh.
- Erster Weltkrieg schwächt Europa
- Wilson "14 Punkte" 1918 — Selbstbestimmungsrecht
- Aber: nur für europäische Völker gedacht
- Indien: Massenproteste unter Gandhi (1920er)
- Zweiter Weltkrieg vernichtet europäische Mächte
- Japan beweist: Europäer können besiegt werden (Singapur 1942)
- Kolonialvölker kämpften für Europa — wollten danach Freiheit
- UNO-Charta 1945: Selbstbestimmungsrecht
Asien — erste Welle (1945-50)
- Indien und Pakistan 1947 (Großbritannien)
- Teilung: ~14 Mio. Flüchtlinge, ~1-2 Mio. Tote
- Birma 1948
- Ceylon (Sri Lanka) 1948
- Indonesien 1949 (Niederlande, nach Krieg)
- Philippinen 1946 (USA)
- Vietnam, Laos, Kambodscha — Indochina-Krieg ab 1946
Naher Osten
- Mandatsgebiete des Völkerbunds
- Syrien 1946 (Frankreich)
- Libanon 1943 (Frankreich)
- Jordanien 1946 (Großbritannien)
- Israel 1948
- Suezkrise 1956
- Ägypten unter Nasser nationalisiert Suez-Kanal
- Britisch-französisch-israelischer Versuch zur Rückgewinnung scheitert
- Symbolisches Ende kolonialer Macht im Nahen Osten
Afrika — die große Welle (1957-1965)
- 1957: Ghana — Kwame Nkrumah, erstes schwarz-afrikanisches Land
- 1958: Guinea (Frankreich)
- 1960: "Afrikanisches Jahr" — 17 Staaten unabhängig:
- Kamerun, Senegal, Mali, Niger, Tschad, Côte d Ivoire
- Burkina Faso, Madagaskar, Togo, Benin
- Demokratische Republik Kongo (Belgien)
- Nigeria, Somalia, Mauretanien, Gabun, Kongo (Brazzaville)
- Zentralafrikanische Republik
- 1961: Sierra Leone, Tansania
- 1962: Uganda, Algerien (nach blutigem Krieg)
- 1963: Kenia
- 1964: Sambia, Malawi
- 1965: Gambia, Rhodesien (einseitig, von Weißen)
Algerienkrieg (1954-62)
- Brutalster Dekolonisierungskrieg
- FLN (Front de Libération Nationale)
- Frankreich behandelte Algerien als Teil Frankreichs
- 1 Mio. Pieds-noirs (französische Siedler)
- Folter, Massaker auf beiden Seiten
- Charles de Gaulle als Präsident handelt Unabhängigkeit aus
- 1962: Algerien unabhängig
- ~500.000 Tote insgesamt
- Pieds-noirs fliehen nach Frankreich
Portugiesische Kolonien — letzte (1974-75)
- Portugal hielt am längsten fest
- Salazar-Diktatur
- Kriege in Angola, Mosambik, Guinea-Bissau
- 1974: Nelkenrevolution in Portugal beendet Diktatur
- 1975: Angola, Mosambik, Kap Verde, São Tomé, Guinea-Bissau unabhängig
- Folge: Bürgerkriege in Angola (bis 2002), Mosambik (bis 1992)
Karibik und Pazifik
- 1962: Jamaika, Trinidad und Tobago
- 1966: Barbados, Guyana
- 1970: Fidschi
- 1975: Papua-Neuguinea
- 1979: Kiribati, Tuvalu
- 1980: Vanuatu
- Spätzünder: Belize (1981), Brunei (1984)
Späte Fälle
- Simbabwe 1980 (Rhodesien, nach Bürgerkrieg)
- Namibia 1990 (von Südafrika)
- Eritrea 1993 (von Äthiopien)
- Südsudan 2011
- Hongkong 1997 (zurück an China)
- Macau 1999 (zurück an China)
- Osttimor 2002 (von Indonesien)
Sonderfälle
- Apartheid in Südafrika: weiße Minderheitsherrschaft bis 1994
- Nelson Mandela 27 Jahre Haft, dann erster schwarzer Präsident
- Westsahara: bis heute besetzt (Marokko)
- Palästina: Konflikt ungelöst
Methoden der Unabhängigkeit
- Verhandelt: Indien, Ghana, viele afrikanische Länder
- Erkämpft: Algerien, Vietnam, Angola, Mosambik
- Gewaltlos: Gandhi-Methode in Indien
- Mit Hilfe Dritter: USA, UdSSR unterstützten
Wichtige Persönlichkeiten
- Mahatma Gandhi (Indien)
- Jawaharlal Nehru (Indien)
- Muhammad Ali Jinnah (Pakistan)
- Kwame Nkrumah (Ghana)
- Jomo Kenyatta (Kenia)
- Julius Nyerere (Tansania)
- Patrice Lumumba (Kongo, ermordet 1961)
- Léopold Senghor (Senegal)
- Frantz Fanon (Theoretiker, "Die Verdammten dieser Erde")
- Ho Chi Minh (Vietnam)
- Sukarno (Indonesien)
- Gamal Abdel Nasser (Ägypten)
- Nelson Mandela (Südafrika)
Bandung-Konferenz 1955
- 29 asiatische und afrikanische Staaten
- Erstes Treffen "blockfreier" Länder
- Indonesien
- Sukarno, Nehru, Zhou Enlai, Nasser
- Solidarität der Unterdrückten
- Antikolonialismus als gemeinsame Identität
Bewegung der Blockfreien
- 1961 in Belgrad gegründet (Tito, Nehru, Nasser, Sukarno, Nkrumah)
- "Dritter Weg" zwischen USA und UdSSR
- Heute ~120 Mitgliedsstaaten
- Wenig praktische Bedeutung
Probleme nach Unabhängigkeit
- Künstliche Grenzen von Kolonialmächten
- Multi-ethnische Staaten ohne Tradition
- Wirtschaftlich von Ex-Kolonialmächten abhängig
- Bürgerkriege (Biafra 1967-70, Kongo, Sudan)
- Militärputsche
- Korruption
- Genozid in Ruanda 1994
- Hungerkatastrophen
Neokolonialismus
- Kwame Nkrumah prägt Begriff
- Politische Unabhängigkeit, wirtschaftliche Abhängigkeit
- Multinationale Konzerne
- Welthandel zu Lasten der Dritten Welt
- Schulden
- Bis heute Thema
Frankreich nach Dekolonisierung
- "Françafrique" — informelle Hegemonie
- CFA-Franc als Währung in Westafrika
- Französische Militärbasen
- Pieds-noirs als Bevölkerungsgruppe
- Algerische Migration
- Spannungen bis heute
Großbritannien nach Dekolonisierung
- Commonwealth of Nations gegründet
- 54 Mitgliedsstaaten
- Lockere Verbindung
- Königin/König als symbolisches Oberhaupt
- Englisch als Lingua franca
- Migration aus Indien, Pakistan, Karibik
Niederlande
- Verlust Indonesiens schwerer Schock
- Surinam 1975
- Niederländische Antillen teilweise noch
- Aruba, Curaçao halbsouverän
Belgien
- Kongo (heute DR Kongo) — größte Tragödie
- Leopold II. (1885-1908) — Privat-Kolonie, ~10 Mio. Tote
- 1908-60 belgischer Staat
- 1960 abrupte Unabhängigkeit
- Bürgerkrieg, Mobutu-Diktatur
- Belgien hat Rolle nicht aufgearbeitet
Deutschland
- Verlor Kolonien schon 1919 (Versailler Vertrag)
- Heute Aufarbeitung Herero-Massaker (Namibia 1904-08)
- 2021: Bundesrepublik erkennt Genozid an
- Aber: Entschädigung umstritten
Ökonomische Folgen
- Ex-Kolonien meist arm geblieben
- Rohstoffabhängigkeit
- Wenig Industrialisierung
- Welthandel asymmetrisch
- Aber: einige Erfolgsgeschichten (Südkorea, Singapur)
- Afrika: heterogene Entwicklung
Demografische Folgen
- Bevölkerungsexplosion in Ex-Kolonien
- 1950 Afrika: ~230 Mio. Menschen
- 2024 Afrika: ~1,5 Mrd. Menschen
- Migrationsdruck nach Europa
- Demografische Verschiebung der Welt
Aufarbeitung in Europa
- Lange Tabu
- Seit ~2000 wachsendes Bewusstsein
- Rückgabe von Raubkunst (Benin-Bronzen 2022)
- Entschuldigungen, Anerkennungen
- Aber: noch viel zu tun
- Kolonialdenkmäler werden gestürzt (Cecil Rhodes 2020)
Was bleibt vom Kolonialismus?
- Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch)
- Religionen (Christentum global)
- Verwaltungsstrukturen
- Wirtschaftsbeziehungen
- Trauma und Wut
- Identitätsfragen
- Postkoloniale Theorie (Said, Spivak, Fanon)
Bewertung
- Dekolonisierung als historische Notwendigkeit
- Aber: oft hastig, ohne Vorbereitung
- Künstliche Grenzen Ursache vieler Konflikte
- Wirtschaftliche Abhängigkeit blieb
- Trotzdem: hunderte Millionen wurden frei
- Größter politischer Wandel des 20. Jh.
Wenn ein Drittel der Welt unabhängig wird
Zwischen 1945 und 1975 wurden über 80 neue Staaten unabhängig. Etwa 1,5 Milliarden Menschen — damals fast die Hälfte der Weltbevölkerung — wechselten aus kolonialer Abhängigkeit in formale Souveränität. Eine Veränderung dieses Ausmaßes hatte es zuvor nie gegeben. Aber die Geschichte ist nicht zu Ende: Die ökonomischen und kulturellen Folgen des Kolonialismus prägen die Welt bis heute. Wer Migration, Welthandel, Konflikte im 21. Jahrhundert verstehen will, muss verstehen, was zwischen 1500 und 1960 geschah.