Das Heilige Römische Reich
Tausend Jahre Mitteleuropa — von Karl dem Großen bis Napoleon.
Das Heilige Römische Reich war über 1.000 Jahre lang das politische Dach Mitteleuropas — von Karl dem Großen 800 bis zur Auflösung durch Napoleon 1806. Es war kein moderner Staat, sondern ein loser Verbund aus Hunderten von Territorien unter einem Kaiser. Voltaire spottete: "Weder heilig, noch römisch, noch ein Reich." Aber dieses seltsame Gebilde prägte Europa wie kein anderes.
Begriff und Selbstverständnis
- Ursprünglich nur "Römisches Reich" (Imperium Romanum)
- "Heilig" hinzugefügt unter Friedrich Barbarossa (1157)
- Ab 1474 Zusatz "Deutscher Nation"
- Voller Name: Sacrum Imperium Romanum Nationis Germanicae
- Selbstverständnis als Fortsetzung des antiken Rom
- Idee der "Translatio Imperii" — Übertragung der Kaiserwürde
Gründung
- 25. Dezember 800: Karl der Große von Papst Leo III. in Rom gekrönt
- Aber: das ist umstritten — Otto I. 962 sieht oft als eigentlicher Beginn
- Karl der Große hatte schon 768 Frankenreich
- Otto I. krönt sich 962 zum Kaiser
- Verbindet deutsches Königtum mit Kaisertum
Drei große Linien
Karolinger (800-911)
- Karl der Große (Kaiser ab 800)
- Ludwig der Fromme
- Vertrag von Verdun 843 — Teilung
- Mittel- und Ostfrankenreich
- Letzter Karolinger: Ludwig das Kind 911
Ottonen / Liudolfinger (919-1024)
- Heinrich I. (919-936)
- Otto I. der Große (936-973) — Kaiserkrönung 962
- Sieg über Ungarn 955 Lechfeld
- Otto II. (973-983)
- Otto III. (983-1002)
- Heinrich II. (1002-1024)
Salier (1024-1125)
- Konrad II. (1024-1039)
- Heinrich III. (1039-1056)
- Heinrich IV. (1056-1106) — Investiturstreit
- Heinrich V. (1106-1125)
Staufer (1138-1254)
- Friedrich I. Barbarossa (1152-1190)
- Heinrich VI. (1190-1197)
- Friedrich II. "Stupor mundi" (1212-1250)
- "Sizilianische" Kultur, Italienpolitik
- Interregnum 1254-1273
Habsburger (1438-1806)
- Mit kurzen Unterbrechungen
- Maximilian I. (1493-1519)
- Karl V. (1519-1556) — größtes Reich
- Ferdinand I., Maximilian II., Rudolf II.
- Ferdinand II. — 30-jähriger Krieg
- Maria Theresia (1740-1780)
- Joseph II.
- Letzter: Franz II. (1792-1806)
Geografische Ausdehnung
- Im Hochmittelalter: vom Nordmeer bis Mittelitalien
- Vom Rhein bis zur Oder
- Hineingehörten:
- Deutschland (heute)
- Österreich, Schweiz, Niederlande
- Tschechien (Böhmen)
- Belgien (teilweise)
- Norditalien
- Burgund
- Slowenien
- NICHT dazu: Skandinavien, Frankreich, England, Ungarn, Polen
Kaiserkrönung
- Bis 1530: durch Papst in Rom
- Karl V. letzter, der vom Papst gekrönt wurde
- Danach: in Frankfurt
- Königswahl in Deutschland
- Kaiserkrönung als zweiter Akt
- Reichsinsignien: Krone, Reichsapfel, Reichsschwert
Wahlmonarchie
- Kaiser wurde gewählt, nicht vererbt (formal)
- Aber: faktisch oft dynastisch (Habsburger)
- Goldene Bulle 1356 — Wahlrecht festgelegt
- Sieben Kurfürsten:
- Erzbischof von Mainz
- Erzbischof von Köln
- Erzbischof von Trier
- König von Böhmen
- Pfalzgraf bei Rhein
- Herzog von Sachsen
- Markgraf von Brandenburg
- Später erweitert (Bayern, Hannover)
Investiturstreit
- 1076-1122
- Wer ernennt Bischöfe? Papst oder Kaiser?
- Heinrich IV. vs. Papst Gregor VII.
- 1077: Gang nach Canossa
- Konkordat von Worms 1122
- Geistliche und weltliche Investitur getrennt
- Aber: Konflikt prägt Mittelalter
Reichstag
- Versammlung der Reichsstände
- Drei Kollegien:
- Kurfürsten
- Reichsfürsten (weltlich und geistlich)
- Reichsstädte
- Beschlüsse: Reichsabschiede
- Wichtige Reichstage: Worms 1521, Augsburg 1555, Regensburg (seit 1663 "Immerwährender Reichstag")
Reichskreise
- 1500/1512 von Maximilian I. eingeführt
- 10 Kreise zur Verwaltung
- Truppenstellung
- Frieden wahren
- Münzwesen koordinieren
Reichskammergericht
- 1495 gegründet (Wormser Reichstag)
- Höchstes Gericht des Reiches
- Worms, dann Speyer, schließlich Wetzlar
- Reichshofrat als zweites Höchstgericht (in Wien)
Ewiger Landfriede
- 1495 ausgerufen
- Fehdewesen verboten
- Streitigkeiten vor Gericht
- Maximilian I. als großer Reformer
Reformation
- 1517: Luthers Thesen
- 1521: Wormser Reichstag — Luther geächtet
- 1530: Augsburger Bekenntnis
- 1546-1555: Schmalkaldischer Krieg
- 1555: Augsburger Religionsfriede
- "Cuius regio, eius religio"
- Konfessionelle Spaltung des Reichs
30-jähriger Krieg
- 1618-1648
- Beginn: Prager Fenstersturz
- Konfessioneller, dann großmächtepolitischer Krieg
- Verheerung Mitteleuropas
- ~30% der Bevölkerung tot
- Westfälischer Friede 1648
- Reichsverfassung modifiziert
- Niederlande und Schweiz unabhängig
- Frankreich gewinnt Elsass
Reichsverfassung
- Kaiser theoretisch oben
- Aber: Reichsstände sehr autonom
- "Libertät" der Stände
- Faktisch: föderaler Staatenbund
- Westfälischer Friede sicherte Stände-Rechte
- Friedrich II. konnte Preußen ausbauen ohne Reichseingriff
Innere Vielfalt
- ~300 Territorien
- ~50 Reichsstädte
- ~1.500 Reichsritter
- Verschiedene Rechtssysteme
- Verschiedene Konfessionen
- Verschiedene Sprachen (Deutsch, Tschechisch, Italienisch, Französisch, Niederländisch)
- Unterschiedliche Wirtschaftsformen
Berühmte Reichsstädte
- Frankfurt am Main (Krönungsstadt)
- Nürnberg
- Augsburg
- Lübeck
- Hamburg
- Bremen
- Ulm
- Regensburg
- Köln (bis 1794)
- Manche sehr wohlhabend
Wichtige Territorien
- Österreich (Habsburger)
- Brandenburg-Preußen (Hohenzollern)
- Sachsen (Wettiner)
- Bayern (Wittelsbacher)
- Pfalz
- Hannover
- Württemberg
- Hessen (Kassel und Darmstadt)
- Mecklenburg
- Holstein
Geistliche Territorien
- Kurfürstentümer Mainz, Köln, Trier
- Erzbistümer Magdeburg, Salzburg
- Bistümer Münster, Würzburg, Bamberg, Hildesheim, etc.
- Reichsabteien
- Bis 1803 wichtig
- Säkularisation beendet
Hauptstadt?
- Keine!
- Kaiser zog umher
- Aachen als Krönungsort (frühmittelalterlich)
- Später Frankfurt für Königswahl
- Regensburg für Reichstag
- Wien als Habsburger-Residenz
- Prag teilweise (Karl IV., Rudolf II.)
Sprache
- Latein als offizielle Reichssprache lange
- Deutsch im Aufstieg (Luthers Bibelübersetzung)
- Französisch als Hofsprache (17./18. Jh.)
- Mehrsprachiges Reich
Wirtschaft
- Hanse als wichtiger Wirtschaftsverbund (Norden)
- Augsburger Fugger als Bankiers
- Nürnberg als Handelsmetropole
- Sachsen-Bergwerke
- Schwarzwald-Industrie
- Diversifizierte Wirtschaft
Kultur
- Romanik, Gotik, Renaissance, Barock
- Dürer, Cranach, Holbein
- Bach, Mozart (im weiteren Sinne)
- Universitäten: Prag 1348, Wien 1365, Heidelberg 1386
- Buchdruck (Gutenberg ~1450)
- Universalgelehrte
Reichsacht und Reichsbann
- Schwerste weltliche und kirchliche Strafen
- Reichsacht: vogelfrei
- Reichsbann: Exkommunikation
- Heinrich der Löwe geächtet 1180
- Luther geächtet 1521
Schwäche im 18. Jahrhundert
- Preußen-Österreich-Dualismus
- Schlesische Kriege 1740-63
- Französische Revolution bedroht
- Koalitionskriege ab 1792
- Friedrich II. von Preußen löst sich faktisch
Ende
- 1801: Frieden von Lunéville — linksrheinisches Gebiet an Frankreich
- 1803: Reichsdeputationshauptschluss — Säkularisation und Mediatisierung
- 1805: Niederlage bei Austerlitz
- Juli 1806: Rheinbund gegründet (16 Fürsten unter Napoleon)
- 6. August 1806: Franz II. legt Kaiserkrone nieder
- Wird Kaiser von Österreich (Franz I.)
- Reich endet nach 1.006 Jahren
Wirkungen
- Föderale Struktur Deutschlands
- Bundesstaat-Tradition
- Kulturelle Vielfalt
- Mitteleuropäisches Selbstverständnis
- Habsburgermonarchie (bis 1918)
- Mythos des 1.000-jährigen Reichs
- NS missbraucht: "Drittes Reich"
Bewertung
Voltaires Spott
- "Weder heilig, noch römisch, noch ein Reich"
- Lange als verfehlt gesehen
- "Deutsche Misere"
Heutige Sicht
- Funktionierender Staatenbund
- Frieden meist gewahrt
- Kleine Stände geschützt
- Pluralität als Stärke
- Modell für EU?
Heutige Spuren
- Föderalismus in Deutschland und Österreich
- Bundesländer aus alten Territorien
- Bayern, Sachsen, Württemberg — historische Kontinuität
- Reichsstädte heute oft Großstädte (Frankfurt, Hamburg, Nürnberg)
- Westfälischer Friede als Grundlage modernen Völkerrechts
- Dialekt-Vielfalt
Erinnerung
- Reichsinsignien in Wien (Schatzkammer)
- Aachen Kaisersaal
- Frankfurt Römer
- Regensburg Reichstag-Gebäude
- Wien Hofburg
- UNESCO-Welterbe: viele Reichsstädte
- Heinrich der Löwe-Statue Braunschweig
Voltaires Spott und die Wahrheit dahinter
"Weder heilig, noch römisch, noch ein Reich" — Voltaire hatte natürlich recht. Aber er hatte auch unrecht. Das Heilige Römische Reich war das, was die Zeit brauchte: ein Dach über vielen Häusern, ein Schiedsstuhl, ein Idee. 1.000 Jahre lang ermöglichte es das Leben einer ganzen Region — mit Kriegen, ja, aber auch mit Frieden. Mit Konflikten zwischen Konfessionen, ja, aber auch mit Toleranz im Detail. Heute sehen wir in der EU manchmal ein Echo: ein Verbund, der nicht klassisch staatlich ist, aber funktioniert. Vielleicht war das alte Reich gar nicht so altmodisch.