Der Kolonialhandel
Gewürze, Sklaven, Zucker — wie der Welthandel Europa reich machte.
Der Kolonialhandel war einer der Motoren der modernen Weltwirtschaft. Vom 15. bis 20. Jahrhundert flossen Edelmetalle aus Amerika, Gewürze aus Asien, Sklaven aus Afrika, Zucker aus Karibik in ein globales Handelsnetz, das Europa reich machte und den Rest der Welt verheerte. Heute leben wir mit den Folgen: einer ungleichen Welt, in der Wohlstand und Armut entlang der alten Kolonialgrenzen verlaufen.
Vorgeschichte
- Antike Fernhandel — Seidenstraße, Bernsteinstraße
- Mittelalter — Hanse, italienische Stadtstaaten
- Levantehandel (über Venedig, Genua)
- 1453: Konstantinopel fällt — Osmanen sperren Landweg
- Suche nach Seeweg nach Asien
Entdeckungen als Auslöser
- 1488: Dias umsegelt Kap der Guten Hoffnung
- 1492: Kolumbus
- 1498: Vasco da Gama in Indien
- 1519-22: Magellan-Weltumsegelung
- Seewege erschlossen
- Kolonialer Handel beginnt
Portugiesischer Handel
- 16. Jh.: Portugal dominiert Asien-Handel
- Stützpunkte: Goa, Malakka, Macao
- Gewürze: Pfeffer, Zimt, Nelken, Muskat
- Direkter Seeweg ersetzt Karawanenroute
- Preise sinken in Europa
- Lissabon als Gewürz-Hauptstadt
- Brasilien: Zuckerrohr, Brasilholz
Spanischer Handel
- Hauptsächlich Amerika
- Sevilla als Monopol-Hafen
- "Casa de Contratación" 1503
- Silberflotten ab 1540er
- Potosí (Bolivien) — Silberberg
- Galeonen aus Manila (China-Handel)
- Mexikanische Silberminen
- 16./17. Jh. ~30.000 Tonnen Silber nach Europa
Dreieckshandel
- Klassisches Modell
- Europa → Afrika: Waffen, Stoffe, Schnaps, Glasperlen
- Afrika → Amerika: Sklaven
- Amerika → Europa: Zucker, Tabak, Rum, Baumwolle
- Jeder Schenkel profitabel
- Liverpool, Bristol, Bordeaux, Nantes, Lissabon, Hamburg
Atlantischer Sklavenhandel
- 15. - 19. Jh.
- ~12 Mio. Afrikaner deportiert
- ~2 Mio. sterben auf Überfahrt
- Mittelpassage ("Middle Passage")
- Sklavenschiffe mit grausamen Bedingungen
- Plantagen in Karibik, Brasilien, USA
- Westafrikanische Reiche profitieren teils
- Dahomey, Aschanti — Sklavenstaaten
Plantagen
- Zucker (Karibik, Brasilien)
- Tabak (Virginia, Karibik)
- Baumwolle (USA-Süden)
- Kaffee (Brasilien, Java)
- Indigo
- Reis
- Riesige Monokulturen
- Sklavenarbeit
- Kapitalintensive Investition
VOC — Niederländische Ostindien-Kompanie
- 1602-1799
- Erste Aktiengesellschaft
- Quasi-souveräne Macht
- Eigene Armee, eigene Münze
- Batavia (heute Jakarta) als Hauptsitz
- Gewürz-Monopol
- Indonesien dominiert
- Berühmt-berüchtigt: Massaker auf Banda 1621
British East India Company
- 1600-1858
- Konkurriert mit VOC
- Indien als Hauptgeschäft
- Tee, Baumwolle, Salpeter, Opium
- Robert Clive — militärische Eroberung
- 1757 Schlacht von Plassey — Bengal fällt
- 1858: nach Sepoy-Aufstand verstaatlicht
- Britisch-Indien wird Kronkolonie
Andere Kompanien
- Französische Ostindien-Kompanie (1664)
- Dänische Ostindien-Kompanie
- Schwedische Ostindien-Kompanie
- Hudson's Bay Company (Kanada, 1670)
- Royal African Company (Sklavenhandel)
- Mehrere preußische Kompanien (alle gescheitert)
Welche Waren?
Aus Asien
- Gewürze (Pfeffer, Zimt, Muskat, Nelken)
- Seide
- Porzellan
- Tee
- Indische Baumwollstoffe (Calico)
- Opium (später)
- Indigo
Aus Amerika
- Silber, Gold
- Zucker
- Tabak
- Kakao
- Kartoffel, Mais, Tomate
- Baumwolle
- Brasil-Holz (Farbstoff)
- Pelze (Kanada)
Aus Afrika
- Sklaven (vor allem)
- Gold
- Elfenbein
- Palm-Öl (später)
- Kakao (später)
- Gummi
Nach Übersee
- Textilien
- Glaswaren
- Waffen
- Schnaps
- Eisenwaren
- Pferde
- Vieh
Zucker
- Erst exotisches Luxusgut
- Karibik: Barbados, Jamaika, Saint-Domingue (Haiti), Kuba
- Brasilien
- Plantagensystem entwickelt
- Sklavenarbeit unter brutalsten Bedingungen
- Massenware ab 18. Jh.
- Tee/Kaffee-Konsum steigt mit Zucker
- Saint-Domingue: bis 1791 reichste Kolonie der Welt
Tee
- Aus China
- Niederländer ab ~1610
- England ab 17. Jh.
- Wird Nationalgetränk
- Tea Act 1773 — Anlass für Amerikanische Revolution
- Boston Tea Party
- Indien-Tee ab 19. Jh.
Tabak
- Indigene Pflanze Amerikas
- Kolumbus bringt mit
- 16. Jh.: Verbreitung in Europa
- Schnupftabak, Pfeife, später Zigarre
- Virginia als Tabak-Kolonie
- James I. von England — Anti-Tabak-Schrift 1604
- Aber: Tabak boomt
Kaffee
- Aus Äthiopien/Jemen
- Osmanisches Reich übernimmt
- Kaffeehäuser in Wien (1683 nach Türken-Belagerung)
- Brasilien wird Hauptproduzent 19. Jh.
- Sklavenarbeit auf Plantagen
- Heute weltweit konsumiert
Opium
- British East India Company baut Opium in Indien an
- Verkauft an China für Tee, Seide, Silber
- China-Silber fließt nach Europa
- 1839-42: Erster Opiumkrieg
- 1856-60: Zweiter Opiumkrieg
- China-Opium-Sucht massiv
- "Ungleiche Verträge"
Edelmetalle aus Amerika
- 1545: Silber in Potosí entdeckt
- 16./17. Jh.: ~150.000 Tonnen Silber, ~3.000 Tonnen Gold
- Spanien profitiert direkt, aber:
- Silber fließt weiter:
- nach Norden (England, Niederlande)
- nach Asien (China-Handel)
- Inflation in Europa
- Spanien wird trotzdem ärmer (verschwendet)
Hafenstädte
- Lissabon
- Sevilla, später Cádiz
- Amsterdam
- London
- Bordeaux, Nantes
- Bristol, Liverpool
- Hamburg
- Massive Reichtumsanhäufung
- Großbürgertum entsteht
Schiffe
- Galeone — spanisch
- Fluyt — niederländisch, billig effizient
- East Indiaman — britisch
- Clipper — schnell (19. Jh.)
- Dampfschiffe ab Mitte 19. Jh.
Versicherungswesen
- Edward Lloyd's Coffee House (1688)
- Lloyd's of London entsteht
- Schiffsversicherungen
- Risiko verteilen
- Moderne Versicherungswirtschaft
Banken
- Amsterdamer Wechselbank 1609
- Bank of England 1694
- Finanzierung des Welthandels
- Aktien, Anleihen
- Frühe Aktiengesellschaften
Industrielle Revolution
- Kolonialhandel finanziert Industrie
- Baumwolle aus USA für englische Spinnereien
- Indien-Baumwoll-Industrie zerstört (Britannia exportiert eigene Textilien zurück)
- Märkte für englische Industrieprodukte
- Wechselbeziehung
Abschaffung des Sklavenhandels
- 1772: Lord Mansfield-Urteil in England
- 1791: Saint-Domingue-Aufstand
- 1803: Dänemark erstes Land verbietet
- 1807: Großbritannien
- 1808: USA
- Aber: Sklaverei besteht weiter (USA bis 1865, Brasilien bis 1888)
- British West Africa Squadron stoppt Schiffe
19. Jahrhundert: Hochkolonialismus
- Industriegüter-Export
- Rohstoff-Import
- Afrika "geöffnet" (Berliner Kongo-Konferenz 1884/85)
- Indien als Krone der Briten
- China gezwungen
- Osmanisches Reich abhängig
"Banana Republics"
- Mittelamerika
- United Fruit Company
- Land konzentriert
- Demokratien gestürzt
- Wirtschaftliche Abhängigkeit
- "Banane" als Symbol
- Guatemala 1954: CIA-Putsch für United Fruit
Kongo-Skandal
- Belgisch-Kongo unter Leopold II.
- 1885-1908 Privat-Kolonie
- Kautschuk-Quoten
- Verstümmelungen (Hände abhacken)
- ~10 Mio. Tote
- 1908: Belgien übernimmt
- Internationaler Aufschrei
20. Jahrhundert
- 1. WK: Kolonialordnung verändert
- Mandatsgebiete
- 1947 Indien-Unabhängigkeit
- 1960er: Afrika-Unabhängigkeit
- Aber: ökonomische Strukturen bleiben oft
- "Neokolonialismus"
Heute
- Welthandel global
- Lieferketten (Smartphone aus 30 Ländern)
- Aber: Süd-Nord-Gefälle bleibt
- Rohstoffe vom Süden, Industrie vom Norden
- "Fair Trade" als Korrektur-Versuch
- Klimagerechtigkeit als Thema
Theoretiker
- Adam Smith
- Karl Marx ("primitive Akkumulation")
- J. A. Hobson — Imperialismus-Theorie (1902)
- Lenin — Imperialismus als "höchstes Stadium" des Kapitalismus
- Eric Williams — "Capitalism and Slavery" (1944)
- Walter Rodney — "How Europe Underdeveloped Africa" (1972)
- Edward Said — "Orientalismus" (1978)
- Frantz Fanon — Antikolonialismus
Erinnerungskultur
- Lange ausgeblendet in Europa
- "Postcolonial Studies" ab 1980er
- Statuendebatten (Cecil Rhodes, Leopold II.)
- Restitution von Raubkunst
- Entschuldigungen (langsam)
- Benin-Bronzen, Humboldt-Forum
- Black Lives Matter
Ökonomische Bilanz
- Europa massive Reichtumsanhäufung
- Ehemalige Kolonien: weiterhin oft arm
- Globaler Süden vs. Norden
- Strukturen seit Kolonialzeit
- Aber: nicht alle Probleme nur kolonial
- Debatte um Wiedergutmachung
Reichtum durch Kolonialhandel
- Englische Wirtschaft profitierte stark
- Liverpool, Bristol, London durch Sklavenhandel reich
- Französische Häfen ähnlich
- Deutschland indirekt (Bremer Kaffeebarone)
- Banken (Barings, Rothschild) profitierten
- Universitäten, Stiftungen aus Kolonialgewinnen
Bewertung
Wirtschaftlich
- Massive Wertschöpfung
- Globaler Markt entsteht
- Kapitalismus beschleunigt
- Aber: Ausbeutung
Politisch
- Europäische Weltherrschaft
- Anderen Völkern Stimme genommen
- Bis heute Folgen
Kulturell
- Globaler Austausch
- Aber: oft erzwungen
- Lokale Kulturen zerstört
- Sprachen, Religionen exportiert
Heutige Lehren
- Welthandel ist nicht neutral
- Strukturen prägen Wohlstand und Armut
- "Free Trade" oft eine Frage der Definition
- Globaler Süden hat Anliegen
- Klimakrise als neue koloniale Frage
- "Climate justice"
Eine Welt aus Zucker und Sklaven
Im 18. Jahrhundert war Zucker das Öl der Zeit: Wer Zuckerrohrplantagen besaß, war reich; wer auf ihnen arbeitete, war meist Sklave. Saint-Domingue war 1791 die reichste Kolonie der Welt — die Hälfte des französischen Außenhandels lief dort. Dann erhoben sich die Sklaven, und es wurde Haiti. Der Kolonialhandel ist die Geburtsurkunde der modernen globalen Welt — er hat Europa reich gemacht, Asien transformiert, Afrika ausgebeutet und Amerika neu gestaltet. Wir leben heute in dieser Welt, mit allen ihren Ungleichheiten.