Frühe Neuzeit · 1648-1789

Die Kabinettskriege

1648-1789

Friedrich, Marlborough, Prinz Eugen — Kriege im Namen des Kabinetts.

Die Kabinettskriege waren die typische Kriegsform Europas zwischen dem Westfälischen Frieden 1648 und der Französischen Revolution 1789. Fürsten führten Krieg um Territorien, Erbansprüche, dynastische Interessen — nicht mehr aus Glaubensgründen wie zuvor. Es waren Kriege "im Namen des Kabinetts", also der Regierung, mit Berufsheeren, begrenzten Zielen und nach festen Regeln. Verglichen mit den Religionskriegen davor und den Volkskriegen danach waren sie regelhaft eingehegt — und doch verheerend genug.

Begriff

  • "Kabinett" = Beratungsgremium des Fürsten
  • Krieg entscheidet der Fürst mit Ministern
  • Nicht das Volk, nicht die Religion
  • Begriff erst nachträglich (19. Jh., Carl von Clausewitz)
  • Synonym: "Cabinet wars" im Englischen
  • Charakteristisch für Absolutismus

Vorgeschichte: 30-jähriger Krieg

  • 1618-1648 — letzte große Religionskrieg
  • Verheerung Mitteleuropas (~30% Bevölkerungsverlust)
  • Lehre: Glaubenskriege ruinieren alle Seiten
  • Westfälischer Friede 1648 als Wende
  • "Cuius regio, eius religio" — Religion in Hand der Fürsten
  • Souveränität der Staaten

Merkmale der Kabinettskriege

Akteure

  • Fürsten (absolute Monarchen) als Entscheider
  • Kabinette und Minister
  • Berufsdiplomaten
  • Berufsoffiziere (überwiegend adlig)
  • Söldner und Berufssoldaten

Heere

  • Stehende Heere, keine Volksheere
  • Soldaten geworben oder gepresst
  • Vom Fürsten bezahlt
  • Disziplin durch Drill und Stockschläge
  • Größe begrenzt durch Finanzen
  • Typisch 30.000-100.000 Mann
  • Größte Schlachten: ~50.000-200.000 pro Seite

Kriegsziele

  • Territorialgewinn
  • Erbansprüche durchsetzen
  • Dynastische Interessen
  • Handelsvorteile
  • Gleichgewicht der Mächte
  • Selten: Vernichtung des Gegners

Kriegsführung

  • Vor allem Manöver- und Festungskrieg
  • Wenige große Schlachten
  • Belagerungen sehr wichtig
  • Magazinwirtschaft (Vorräte in Magazinen)
  • Geringes Tempo (~10 km pro Tag)
  • Winterquartiere

Bevölkerung verschont?

  • Theoretisch: Krieg geht Bauern nichts an
  • Praktisch: Steuern, Einquartierung, Plünderung
  • Aber: weniger total als 30-jähriger Krieg
  • Friedrich II.: "Krieg soll der Bauer nicht spüren"
  • Realität anders
  • Nachschub-Bedarf gnadenlos

Regelwerk

  • "Ius in bello" — Recht im Krieg
  • Hugo Grotius, Samuel Pufendorf — Völkerrecht
  • Schonende Behandlung von Zivilisten (theoretisch)
  • Verwundete pflegen
  • Gefangene austauschen
  • Kapitulationen ermöglichen
  • Ehrenhaftes Verhalten

Wichtige Kabinettskriege

Niederländischer Krieg 1672-78

  • Ludwig XIV. gegen Niederlande
  • Beginn französischer Dominanz
  • Frieden von Nimwegen

Pfälzer Erbfolgekrieg 1688-97

  • Auch "Neunjähriger Krieg"
  • Ludwig XIV. gegen Habsburg + Allianz
  • Ravage in der Pfalz — Verwüstung als Strategie
  • Heidelberg, Speyer, Worms zerstört
  • Frieden von Rijswijk

Spanischer Erbfolgekrieg 1701-14

  • Wer beerbt kinderlosen Karl II. von Spanien?
  • Bourbonen (Frankreich) vs. Habsburger
  • Marlborough und Prinz Eugen siegen
  • Blenheim 1704, Höchstädt
  • Frieden von Utrecht 1713/14
  • Spanien bleibt bourbonisch — aber getrennt
  • Habsburg bekommt Spanische Niederlande

Großer Nordischer Krieg 1700-21

  • Russland, Polen, Dänemark, Sachsen vs. Schweden
  • Karl XII. von Schweden zunächst siegreich
  • Niederlage bei Poltawa 1709 (gegen Peter I.)
  • Schweden verliert Großmachtstatus
  • Russland wird Großmacht
  • Frieden von Nystad 1721

Polnischer Erbfolgekrieg 1733-35

  • Wer wird polnischer König?
  • Frankreich für Stanislaus Leszczyński
  • Russland und Habsburger für Augustus III.
  • Frieden von Wien 1738
  • Stanislaus bekommt Lothringen

Österreichischer Erbfolgekrieg 1740-48

  • Friedrich II. überfällt Schlesien
  • Maria Theresia kämpft um Erbe
  • Erster Schlesischer Krieg 1740-42
  • Zweiter Schlesischer Krieg 1744-45
  • Frieden von Aachen 1748
  • Preußen behält Schlesien

Siebenjähriger Krieg 1756-63

  • Friedrich II. gegen Koalition (Österreich, Frankreich, Russland)
  • Erster "Weltkrieg" — auch Kolonien
  • Schlachten: Roßbach, Leuthen, Kunersdorf, Torgau
  • "Mirakel des Hauses Brandenburg" 1762 (Elisabeth stirbt)
  • Frieden von Hubertusburg 1763
  • Preußen behält Schlesien
  • England gewinnt Kanada, Indien

Bayerischer Erbfolgekrieg 1778-79

  • "Kartoffelkrieg" — kaum Kämpfe
  • Friedrich II. vs. Joseph II.
  • Beide Armeen verbringen Zeit mit Plündern von Feldern
  • Frieden von Teschen 1779

Friedrich II. der Große

  • 1712-1786
  • König von Preußen ab 1740
  • "Erster Diener seines Staates"
  • Meister der Kabinettskriege
  • Schlesischer Räuber (aus österreichischer Sicht)
  • Drei Schlesische Kriege
  • Schreibt Militärtheorie (Generalsprinzipien)
  • Schlacht von Leuthen 1757 als Meisterstück

Eugen von Savoyen

  • 1663-1736
  • Größter Feldherr Habsburgs
  • Türkenkriege, Spanischer Erbfolgekrieg
  • Schlachten: Zenta 1697, Höchstädt 1704, Belgrad 1717
  • Prinz Eugen, der edle Ritter

John Churchill, Duke of Marlborough

  • 1650-1722
  • Großer englischer Feldherr
  • Sieger von Blenheim 1704, Ramillies 1706, Oudenarde 1708, Malplaquet 1709
  • Vorfahr von Winston Churchill
  • Blenheim Palace als Geschenk

Festungskrieg

  • Festungen dominieren Strategie
  • Vauban (1633-1707) — französischer Festungsbau-Genie
  • Sternförmige Bastionen-Festungen
  • Belagerungen oft Wochen oder Monate
  • Genaue Regeln für Kapitulation
  • "Festungslinien" in Niederlanden, Italien, Frankreich

Lineartaktik

  • Infanterie in langen Linien (oft 3 Glieder)
  • Salvenfeuer
  • Bajonett für Nahkampf
  • Kavallerie auf Flügeln
  • Artillerie zur Unterstützung
  • Friedrichs schräge Schlachtordnung

Soldaten

  • Söldner aus ganz Europa
  • Pressdienste (gewaltsam rekrutiert)
  • Lebenszeit-Dienst oft
  • Schlechte Bezahlung
  • Brutale Disziplin (Stockschläge)
  • Plünderung als Nebeneinkunft
  • Frauen und Kinder begleiten Heer
  • Tross oft so groß wie Armee

Offiziere

  • Fast nur Adlige
  • Kauf von Offiziersposten in manchen Armeen
  • Friedrich II.: nur Adlige
  • Preußisches Junker-Offizierskorps
  • Ehrenkodex zwischen Offizieren beider Seiten

Diplomatie

  • Permanente Botschafter
  • Kabinettsschriftverkehr
  • Allianzwechsel häufig
  • "Renversement des alliances" 1756 — Frankreich-Österreich verbünden sich gegen Preußen
  • Erbverträge
  • Heiratspolitik

Wirtschaftliche Folgen

  • Steuern hoch
  • Staatsverschuldung steigt
  • Manufakturen für Heeresbedarf
  • "Merkantilismus" — staatliche Wirtschaftslenkung
  • Spekulation und Banken
  • Frankreich vor 1789 fast bankrott

Wo wurde gekämpft?

  • Schlesien (1740er, 50er)
  • Niederlande (oft Schauplatz)
  • Norditalien
  • Iberische Halbinsel
  • Rhein
  • Ungarn, Balkan (gegen Osmanen)
  • Polen (Aufteilungen 1772, 1793, 1795)
  • Ostsee (Schweden vs. Russland)
  • Kolonien (Indien, Karibik, Amerika)

Türkenkriege

  • Habsburg-Osmanen
  • 1683 Wien-Belagerung — letzter osmanischer Vormarsch
  • Prinz Eugen drängt Osmanen zurück
  • Karlowitzer Friede 1699
  • Passarowitzer Friede 1718
  • Belgrad zeitweilig habsburgisch
  • Aber: keine moderne Kabinettskriege im engeren Sinn

Englische Bürgerkriege

  • Eigentlich Konfessions-/Verfassungskonflikt
  • 1642-49 Cromwell vs. Karl I.
  • 1688 Glorious Revolution
  • Sonderfall, nicht klassisch Kabinettskrieg

Ausland

  • England-Frankreich-Antagonismus prägend
  • "Second Hundred Years War" (1689-1815)
  • Kolonialkriege überall
  • Amerikanische Unabhängigkeit 1775-83 ist Wendepunkt

Ende der Kabinettskriege

  • Französische Revolution 1789
  • Levee en masse 1793 — Massenheer aus Volk
  • Napoleon perfektioniert Volkskrieg
  • Großarmeen 500.000+ Mann
  • Krieg wird total
  • Ideologien ersetzen dynastische Ziele
  • Schluss mit Regelwerk

Carl von Clausewitz

  • 1780-1831
  • Theoretiker des Krieges
  • "Vom Kriege" (1832, postum)
  • Unterscheidet Kabinettskrieg und absoluter Krieg
  • "Krieg ist Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln"
  • Reflektiert Übergang

Bewertung

Positive Aspekte

  • Krieg eingehegt
  • Begrenzte Ziele, begrenzte Mittel
  • Zivilbevölkerung weniger betroffen als 30-jähriger Krieg
  • Regelwerk und Diplomatie
  • Kein totaler Vernichtungskrieg

Schattenseiten

  • Oft sinnlos für Bauern und Soldaten
  • Dynastische Eitelkeiten als Anlass
  • Steuerlast hoch
  • Hunderttausende Tote
  • Realität rauer als Theorie

Mythos vom "Gentlemanly war"

  • Wird oft idealisiert
  • Reale Brutalität: Plünderungen, Hinrichtungen, Massaker
  • Pfälzische Verwüstung 1689
  • Magdeburg 1631 (noch im 30-jährigen)
  • Aber: relativ regelhaft im Vergleich zum 20. Jh.

Heutige Wahrnehmung

  • "Goldene Zeit" der Diplomatie
  • Modell für Crisis Management?
  • Henry Kissinger orientiert sich an 18. Jh.
  • "Realismus" in Außenpolitik
  • Aber: Volk hat keine Stimme

Gleichgewicht der Mächte

  • Zentrales Konzept
  • Niemand soll dominieren
  • Allianzen wechseln, um Balance zu halten
  • Utrecht 1713: explizit als Ziel
  • Wiener Kongress 1815 nimmt es wieder auf

Berühmte Schlachten

  • Höchstädt/Blenheim 1704
  • Malplaquet 1709
  • Poltawa 1709
  • Roßbach 1757
  • Leuthen 1757
  • Kunersdorf 1759
  • Torgau 1760
  • Belgrad 1717

Krieg als Sport der Könige

"Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" — so beschrieb Clausewitz die Kabinettskriege. Tatsächlich waren sie für die Fürsten oft ein Werkzeug: begrenzt im Ziel, kontrolliert in den Mitteln, regelhaft im Ablauf. Für die Soldaten und Bauern, die dazwischen gerieten, war das ein schwacher Trost — aber verglichen mit dem 30-jährigen Krieg davor und Napoleons Volkskriegen danach war es eine "zivilisierte" Variante. Die Französische Revolution machte daraus den modernen Volkskrieg: Ideologien als Motor, Massen als Treibstoff, totale Vernichtung als Ziel. Die Welt hat seitdem viel verloren — und auch viel gewonnen.