Marie Curie
Polonium, Radium, zwei Nobelpreise — die erste Frau, die die Wissenschaft revolutionierte.
Marie Skłodowska Curie (1867-1934) ist eine der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen aller Zeiten. Erste Frau mit Nobelpreis, einzige Person mit Nobelpreisen in zwei Naturwissenschaften — und Pionierin der Radioaktivitätsforschung.
Herkunft
- 7. November 1867 in Warschau geboren
- Geburtsname: Maria Salomea Skłodowska
- Vater: Władysław — Physiklehrer
- Mutter: Bronisława — Schulleiterin, stirbt 1878 an Tuberkulose
- Polen damals von Russland besetzt — polnische Bildung unterdrückt
- Fünf Kinder, Maria die jüngste
Jugend in Polen
- Brillante Schülerin — beste Abiturientin
- Frauen dürfen in Russland-Polen nicht studieren
- Heimliche Fliegende Universität in Warschau
- Arbeitet als Gouvernante, um Bildung der älteren Schwester Bronisława in Paris zu finanzieren
- Bronisława studiert Medizin in Paris
- 1891: Maria endlich nach Paris
Sorbonne (1891-1894)
- Studium an der Sorbonne in Paris
- Lebt in einer Mansarde, friert, hungert
- Einmal fällt sie auf der Straße aus Hunger in Ohnmacht
- 1893: Diplom in Physik — als Beste ihres Jahrgangs
- 1894: Diplom in Mathematik — als Zweitbeste
Pierre Curie
- 1894: Begegnung mit Pierre Curie — Physiker, 8 Jahre älter
- Geistige Verwandtschaft, später Liebe
- 26. Juli 1895: Heirat in Sceaux
- Hochzeitsreise: gemeinsames Fahrradfahren
- 1897: Tochter Irène
- 1904: Tochter Ève
Radioaktivität entdecken (ab 1896)
- 1895: Röntgen entdeckt Röntgenstrahlen
- 1896: Henri Becquerel entdeckt Uranstrahlung
- Marie wählt das als Doktorthema
- Untersucht systematisch alle bekannten Elemente
- Findet: Thorium strahlt auch
- Begriff Radioaktivität prägt sie selbst
Polonium und Radium (1898)
- Marie und Pierre untersuchen Pechblende
- Strahlt stärker als Uran allein
- Schluss: muss noch unbekannte Elemente enthalten
- Juli 1898: Entdeckung von Polonium (nach Polen benannt)
- Dezember 1898: Entdeckung von Radium
- Aufgabe jetzt: Radium isolieren
Die mühevolle Arbeit
- 1898-1902: in einem undichten Schuppen
- Tonnen Pechblende verarbeitet
- Marie rührt riesige Töpfe
- 1902: 0,1 Gramm reines Radiumchlorid isoliert
- Atomgewicht: 226
- Doktorarbeit Juni 1903 — Marie wird Dr. der Physik
Erster Nobelpreis (1903)
- Physik-Nobelpreis: Marie und Pierre Curie, Henri Becquerel
- Marie zunächst nicht nominiert — Pierre besteht darauf
- Marie: erste Frau mit Nobelpreis
- Konnten wegen Krankheit nicht hinfahren
- Preisgeld: hilft, weiter zu forschen
Tragödie (1906)
- 19. April 1906: Pierre wird vom Pferdefuhrwerk überfahren
- Stirbt mit 46
- Marie bricht zusammen
- Sorbonne überträgt ihr Pierres Lehrstuhl
- Erste weibliche Professorin der Sorbonne
Affäre und Skandal (1910-1911)
- Marie hat Affäre mit Paul Langevin — verheirateter Physiker
- Liebesbriefe werden gestohlen, veröffentlicht
- Skandal — Marie wird angefeindet (Ausländerin, Polin, Jüdin in Vermutung)
- Nobelkomitee fragt: bitte komme nicht zur Preisverleihung
- Marie kommt trotzdem
Zweiter Nobelpreis (1911)
- Chemie-Nobelpreis — allein für Marie
- Für Entdeckung von Polonium und Radium
- Marie: erste Person mit zwei Nobelpreisen
- Bis heute: einzige in zwei verschiedenen Naturwissenschaften
Erster Weltkrieg (1914-1918)
- Marie rüstet radiologische Wagen ("petites Curies") aus
- Röntgengeräte auf Lastwagen für Frontnähe
- ~1 Million Soldaten geröntgt
- Verletzungen schneller diagnostiziert, Leben gerettet
- Marie fährt selbst, lehrt Bedienung
- Tochter Irène (17) hilft
Nach dem Krieg
- 1921: Reise in die USA — Präsident Harding überreicht 1 g Radium für Forschung
- Marie populärwissenschaftliche Figur
- Gründet Institut du Radium (heute Institut Curie)
- 1932: Gründet Schwester-Institut in Warschau
Gesundheit
- Jahrzehnte mit Radium gearbeitet — Schutzkleidung kannte man nicht
- Trug Radium-Phiolen in der Tasche
- Notizbücher noch heute radioaktiv (in Bleibehältern)
- Aplastische Anämie — Strahlenschaden
- Auch grauer Star, schwache Gesundheit
Tod (1934)
- 4. Juli 1934 in Passy, Sanatorium in den französischen Alpen
- 66 Jahre alt
- Aplastische Anämie durch jahrzehntelange Strahlenexposition
- Begraben in Sceaux neben Pierre
- 1995: Überführung ins Panthéon in Paris — erste Frau ehrenhalber dort beigesetzt
Familie
Tochter Irène Joliot-Curie
- 1897-1956
- Auch Physikerin/Chemikerin
- 1935: Chemie-Nobelpreis für künstliche Radioaktivität
- Mit Ehemann Frédéric Joliot
- Stirbt 1956 — Leukämie, Strahlenschaden
Tochter Ève Curie
- 1904-2007
- Pianistin, Journalistin, Schriftstellerin
- Schrieb berühmte Biografie ihrer Mutter (1937)
- UNICEF-Botschafterin
- Ehemann erhielt 1965 Friedensnobelpreis (UNICEF)
Nobelpreis-Familie
Die Curies sind die nobelpreisreichste Familie der Geschichte:
- Marie: 2 (Physik 1903, Chemie 1911)
- Pierre: 1 (Physik 1903)
- Irène: 1 (Chemie 1935)
- Frédéric Joliot (Schwiegersohn): 1 (Chemie 1935)
- Henry Labouisse (Schwiegersohn, Ehemann von Ève): 1 (Friedensnobelpreis UNICEF 1965)
- Insgesamt 5 Nobelpreise in der Familie
Persönlichkeit
- Bescheiden, scheu in Öffentlichkeit
- Eisern in der Arbeit — oft 14 Stunden täglich
- Patriotin Polens
- Gab Radium-Patent nicht patentieren — sollte allen dienen
- Geld interessierte sie wenig
- Lebte einfach
Bedeutung
Wissenschaftlich
- Begründerin der Radiochemie
- Entdeckte Polonium und Radium
- Konzept der Radioaktivität
- Grundlage für Atomphysik
- Anwendung in Medizin, Energie
Gesellschaftlich
- Vorbild für Wissenschaftlerinnen weltweit
- Brach Geschlechtergrenzen
- Erste vieles: Nobelpreis, Sorbonne-Professur, Panthéon
Erbe
- Institut Curie in Paris — Krebsforschung
- Marie-Curie-Programm der EU
- Curie als Einheit der Radioaktivität (heute Becquerel)
- Curium (Element 96) nach den Curies benannt
- Briefmarken, Münzen, Statuen
Marie Curie in der Kultur
- Film Madame Curie (1943) mit Greer Garson
- Film Marie Curie (2016) mit Karolina Gruszka
- Film Radioactive (2019) mit Rosamund Pike
- Biografien zahlreich
- Schulen, Universitäten weltweit nach ihr benannt
Berühmte Zitate
- Nichts im Leben ist zu fürchten, es ist nur zu verstehen.
- Ich gehöre zu denen, die denken, dass die Wissenschaft eine große Schönheit hat.
- Man muss an die Berufung glauben, und in dieser Berufung sein Bestes geben.
Die radioaktiven Notizbücher
Marie Curies Notizbücher, Briefe und auch Möbel sind bis heute so radioaktiv, dass sie in Bleibehältern aufbewahrt werden. Wer in der Bibliothèque Nationale in Paris hineinschauen will, muss Schutzkleidung tragen und einen Haftungsverzicht unterschreiben. Sie bleiben noch ~1.500 Jahre gefährlich. Marie hat ihr Leben buchstäblich der Wissenschaft geopfert.