Pocken (Variola)
Geißel der Menschheit und ihre Ausrottung 1980
Die Pocken (Variola) waren über Jahrtausende eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Menschheit. Sie töteten Hunderte Millionen, entstellten Überlebende und veränderten die Geschichte ganzer Kontinente. 1980 erklärte die WHO sie als bislang einzige menschliche Krankheit für ausgerottet.
Erscheinungsbild und Erreger
Die Pocken wurden durch das Variola-Virus verursacht, das von Mensch zu Mensch über Tröpfchen und Kontakt übertragen wurde. Nach einer Inkubationszeit von 10 bis 14 Tagen folgten hohes Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen, dann der charakteristische Ausschlag mit Pusteln im Gesicht, an den Armen und am Körper. Die Sterblichkeit lag bei 20 bis 60 Prozent — bei der besonders virulenten Variola major oft höher.
Frühe Geschichte
Pocken sind seit der Antike belegt — Mumien der Pharaonen Ramses V. zeigen typische Hautveränderungen. In China, Indien und im arabischen Raum war die Krankheit Jahrtausende vor Christus bekannt. In Europa breitete sie sich verstärkt seit dem Hochmittelalter aus.
Eckdaten
- Erreger: Variola virus (Orthopoxvirus)
- Sterblichkeit: 20 bis 60 Prozent
- Erste Impfung Jenner: 1796
- WHO-Eradikationsprogramm: 1967 bis 1980
- Erklärung der Ausrottung: 8. Mai 1980
Pocken und die Eroberung Amerikas
Die Pocken kamen mit den Europäern nach Amerika und richteten unter der indigenen Bevölkerung katastrophale Verheerungen an. Die Azteken und Inka hatten keinerlei Immunität. Schätzungen gehen davon aus, dass innerhalb von hundert Jahren nach Kolumbus 80 bis 95 Prozent der indigenen Bevölkerung an europäischen Krankheiten — vor allem Pocken — starben. Diese demografische Katastrophe ermöglichte die spanische Eroberung erheblich mit.
Variolation
Schon vor der modernen Impfung gab es in China, Indien und im Osmanischen Reich die Praxis der Variolation: Gesunde wurden mit Pockenmaterial inokuliert, um eine milde Infektion auszulösen und Immunität zu erzeugen. Lady Mary Wortley Montagu führte das Verfahren um 1721 in England ein. Es war wirksam, aber gefährlich — etwa 2 Prozent der Variolierten starben.
Edward Jenner und die Kuhpockenimpfung
1796 zeigte der englische Arzt Edward Jenner, dass Menschen, die mit Kuhpocken infiziert worden waren, gegen echte Pocken immun waren. Er übertrug Kuhpockenmaterial einer Melkerin auf einen achtjährigen Jungen — der erste dokumentierte Impfschutz. Die Methode (lateinisch vacca = Kuh, daher „Vakzination") verbreitete sich rasch in Europa. Im 19. Jahrhundert führten viele Staaten Impfpflichten ein; Bayern 1807 als erster deutscher Staat.
WHO-Eradikationsprogramm
1959 beschloss die WHO die weltweite Ausrottung, 1967 startete das intensivierte Programm unter Leitung von Donald Henderson. Mit Ringimpfungen, gefriergetrockneten Impfstoffen und gezielter Suche nach Ausbrüchen wurde die Krankheit Schritt für Schritt zurückgedrängt. Der letzte natürliche Pockenfall trat 1977 in Somalia auf. Am 8. Mai 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet.
Bedeutung heute
Die Pocken-Eradikation ist der größte Erfolg der internationalen Gesundheitspolitik. Variolaviren werden heute nur noch in zwei Hochsicherheitslaboren aufbewahrt (CDC Atlanta, Vector Russland). Die Debatte um deren Vernichtung dauert an. Affenpocken (Mpox) sind verwandt, aber weit weniger gefährlich.