Europa · ca. 950 - 1250
Die Romanik
Rundbögen, Tonnengewölbe, mächtige Mauern — die erste gesamteuropäische Kunstepoche.
Die Romanik ist die erste gesamteuropäische Kunstepoche nach der Antike. Zwischen 950 und 1250 entstanden in ganz Europa Kirchen, Klöster und Burgen in einem einheitlichen Stil — mit Rundbögen, dicken Mauern und schweren Säulen.
Begriff
- "Romanisch" — abgeleitet vom römischen Baustil
- Begriff geprägt im 19. Jh. (Charles de Gerville, 1818)
- Damals gemeint: "minderwertig, halbrömisch"
- Heute: anerkannte eigenständige Epoche
- In England: "Norman" (für anglonormannische Variante)
Zeitliche Einordnung
- Frühromanik: ~950-1050
- Hochromanik: ~1050-1150
- Spätromanik: ~1150-1250
- Übergang zur Gotik nicht abrupt
- In manchen Regionen (Italien) gleichzeitig
Historischer Kontext
- Karolingische Reichsteilung 843
- Ungarn- und Wikingereinfälle bis ~1000
- Stabilisierung Europas
- Bevölkerungswachstum
- Wirtschaftlicher Aufschwung
- Kreuzzüge ab 1095
- Klosterreformen (Cluny)
Architektur
Merkmale
- Rundbogen — abgeleitet von römischen Bauten
- Dicke Mauern aus Stein
- Wenige, kleine Fenster
- Schwere Säulen, oft mit Würfelkapitellen
- Tonnengewölbe, später Kreuzgratgewölbe
- Türme — oft mehrere
- Westwerk: monumentaler Westeingang
- Krypta unter dem Altar
Grundriss
- Basilika: dreischiffig, längs ausgerichtet
- Mittelschiff höher als Seitenschiffe
- Querschiff (Transept) — Grundriss als lateinisches Kreuz
- Apsis (halbrunder Chorabschluss)
- Manchmal Vierungsturm
Decken und Gewölbe
- Frühe Romanik: flache Holzdecken
- Zunehmend Steingewölbe
- Tonnengewölbe (halbrunder Querschnitt)
- Kreuzgratgewölbe
- Spätere Entwicklung: Rippengewölbe (Übergang zur Gotik)
Bedeutende Bauwerke
Deutschland
- Dom zu Speyer (1030 begonnen) — größter romanischer Bau überhaupt, UNESCO
- Dom zu Worms (~1130)
- Dom zu Mainz (1009 begonnen)
- Hildesheimer Michaeliskirche und Dom (UNESCO)
- Bamberger Dom (Übergang)
- Aachener Pfalzkapelle (karolingisch, aber Vorbild)
- Maria Laach (Klosterkirche)
- Quedlinburger Stiftskirche
Frankreich
- Cluny III (Burgund, 1088 ff.) — größte Kirche der Christenheit bis Petersdom; zerstört in der Französischen Revolution
- Vézelay (Sainte-Madeleine, 1120 ff.)
- Conques (Sainte-Foy, UNESCO)
- Caen (Saint-Étienne)
- Mont-Saint-Michel
Italien
- Pisa: Dom mit Schiefem Turm (1063 ff.) — Pisaner Romanik mit Marmorstreifen
- Modena (Dom)
- Ravenna (Spätantike-Bauten als Inspiration)
- Venedig: Markusdom (byzantinisch beeinflusst)
Spanien
- Santiago de Compostela (Wallfahrtskirche, 1075 ff.) — Endpunkt des Jakobswegs
- Salamanca: Alte Kathedrale
- Zamora-Kathedrale
England
- Nach 1066 (normannische Eroberung): "Norman" — englische Variante
- Durham Cathedral (UNESCO) — erste Rippengewölbe
- Tower of London (William der Eroberer)
Klöster
- Klöster als geistige und wirtschaftliche Zentren
- Cluny in Burgund — Reformbewegung
- Cluny-Tochterklöster überall in Europa
- Cistercienser (gegründet 1098, Cîteaux) — schmuckloser, asketischer Stil
- Bernhard von Clairvaux
- Karthäuser, Prämonstratenser
- Aufbau: Kirche, Kreuzgang, Klosterbauten
Burgenbau
- Massive Steinbauten ersetzen Holzburgen
- Bergfried (zentraler Wohnturm)
- Ringmauer
- Beispiele: Wartburg, Burg Hohenstaufen, Tower of London
- Verteidigung gegen Angreifer und Aufständische
Plastik (Skulptur)
- Vor allem Reliefs an Portalen
- Tympanon (halbrundes Bogenfeld) mit Jüngstem Gericht oder Maiestas Domini
- Kapitellplastik (Säulenkapitelle)
- Stark stilisiert
- Symbolisch, nicht naturalistisch
- Bekannte Werke: Vézelay-Portal, Conques-Tympanon
- Goldener Altar von Klosterneuburg
Malerei
- Wandmalerei (Fresko) in Kirchen
- Buchmalerei (Manuskripte)
- Hellgrund, klare Konturen
- Wenig Tiefe — flach
- Heiligendarstellungen
- Bedeutende Skriptorien: Reichenau, Echternach, Hildesheim
- Reichenauer Schule (10./11. Jh.)
Bekannte Werke
- Bayeux-Teppich (~1077) — Stickerei (70 m lang), zeigt normannische Eroberung Englands
- Bernwards-Tür (Hildesheim, 1015) — Bronzetür
- Cappenberger Barbarossakopf
- Krodo-Altar (Goslar)
Klostergründungen und Wirtschaft
- Klöster roden Wälder, kultivieren Land
- Landwirtschaftliche Innovationen
- Schwere Pflug, Dreifelderwirtschaft
- Bevölkerungswachstum
- Städte wachsen
Jakobsweg und Pilgerschaft
- Wallfahrt nach Santiago de Compostela
- Hunderttausende Pilger
- Wallfahrtskirchen entstehen
- Reliquienkult
- "Romanesken" — Pilgerstraßen
Reliquien
- Knochen von Heiligen
- "Pignora" — Pfänder Gottes
- Reliquienschreine als Goldschmiedekunst
- Schwerer Reliquienhandel (z.T. betrügerisch)
- Anziehungspunkte für Pilger
Sakraler Charakter
- Kirche als "Gottesburg"
- Dunkles, mystisches Innenraum-Erleben
- Im Gegensatz zur späteren Gotik (Licht, Höhe)
- "Ecclesia militans" — kämpfende Kirche
Übergang zur Gotik
- Ab ~1140: erste gotische Elemente
- Saint-Denis bei Paris (1144) — als erste gotische Kirche geltend
- Spitzbogen statt Rundbogen
- Strebepfeiler
- Größere Fenster
- Höher, lichter
- In Deutschland später (~1230) — Spätromanik existiert parallel zur Frühgotik
Wiederentdeckung
- 19. Jh.: Romantik entdeckt Mittelalter neu
- Restaurierungen — manchmal "Verschlimmbesserungen"
- Neoromanik im 19. Jh. (z.B. Berliner Dom)
- Heute: viele romanische Bauten UNESCO-Welterbe
Romanische Straße
- Touristische Route in Sachsen-Anhalt
- ~80 Sehenswürdigkeiten
- Dome von Magdeburg, Halberstadt, Naumburg
- Quedlinburg (UNESCO)
- Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode
Wirkung
- Erste gemeineuropäische Architektur
- Sichtbares Zeichen christlicher Einheit
- Bauleistung mit relativ einfacher Technik
- Heute: Zeugnisse einer untergegangenen Welt
- Inspiration für moderne Architektur (auch Le Corbusier)
Vergleich Romanik vs. Gotik
Romanik
- Rundbogen
- Dicke Mauern
- Kleine Fenster
- Mystisches Dunkel
- Erdverbunden
- Schwer
Gotik
- Spitzbogen
- Strebepfeiler entlasten
- Große Fenster, Glasmalerei
- Licht durchflutet
- Strebt zum Himmel
- Leicht (wirkt so)
Romanik in der Literatur
- Umberto Eco: "Der Name der Rose" (1980) — spielt im romanischen Kloster (eigentlich frühgotisch)
- Ken Follett: "Die Säulen der Erde" (1989) — Übergang Romanik zu Gotik
Speyer — der König der Romanik
Der Dom zu Speyer (begonnen 1030 unter Konrad II.) ist die größte erhaltene romanische Kirche der Welt. 134 m lang, 60 m hoch. In seiner Krypta liegen 8 deutsche Kaiser und Könige, darunter Heinrich IV. (Canossa-Gang) und Konrad III. Ein Bauwerk, das vor knapp 1.000 Jahren das größte Gebäude der christlichen Welt war — und bis heute steht.