Wissenschaft · seit ca. 1800 n. Chr.

Ägyptologie — Wissenschaft des Alten Ägypten

3.100 v. Chr. – 0

Wie wurde Altägypten erforscht? Von Napoleons Expedition über Champollion bis Howard Carters Tutanchamun-Entdeckung.

Die Ägyptologie ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Erforschung des Alten Ägyptens befasst. Sie ist erst rund 200 Jahre alt — und doch hat sie das Bild der antiken Welt revolutioniert.

Geburtsstunde der Ägyptologie

Napoleons Ägypten-Expedition (1798-1801)

Als Napoleon Bonaparte 1798 nach Ägypten zog, nahm er 167 Wissenschaftler mit — Mathematiker, Künstler, Botaniker, Linguisten. Sie dokumentierten Tempel, Grabstätten, Hieroglyphen. Das Ergebnis: die monumentale „Description de l'Égypte" in 23 Bänden (1809-1828).

Stein von Rosette (1799)

Französische Soldaten finden in Rosette (Raschid) eine Steinplatte mit derselben Inschrift in drei Schriften:

  • Hieroglyphen (oben)
  • Demotisch (Mitte)
  • Griechisch (unten, bekannte Schrift)

Erlass des Königs Ptolemaios V. von 196 v. Chr. — der Schlüssel zur Entzifferung.

Jean-François Champollion (1790-1832)

Französischer Sprachgenie. 1822 entziffert er die Hieroglyphen durch Vergleich der griechischen mit der hieroglyphischen Version. Sein Bruder Jacques-Joseph hatte ihm schon als Kind antike Texte gegeben. Mit 32 Jahren hatte er die Hieroglyphen geknackt — die Ägyptologie war geboren.

Die großen Ägyptologen

Karl Richard Lepsius (1810-1884)

Deutscher Ägyptologe. Leitete eine preußische Expedition 1842-1845. Verfasste die monumentalen „Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien" — eine wichtige Quelle bis heute.

Howard Carter (1874-1939)

Britischer Archäologe. Entdeckte 1922 das weitgehend unberaubte Grab des Tutanchamun im Tal der Könige — die berühmteste archäologische Entdeckung des 20. Jahrhunderts. Über 5000 Objekte, darunter die berühmte Goldmaske.

Flinders Petrie (1853-1942)

Begründer der modernen Ausgrabungstechnik. Er führte systematische Keramik-Datierung ein („Sequence Dating") und legte die Grundlage für die seriöse Archäologie.

Methoden der Ägyptologie

  • Archäologie: systematische Ausgrabungen mit Stratigraphie
  • Philologie: Übersetzung und Analyse von Texten
  • Epigraphik: Inschriftenkunde
  • Paläografie: Schriftentwicklung
  • Paläoanthropologie: Untersuchung von Mumien
  • Radiokarbon-Datierung: C14-Methode für organisches Material
  • CT-Scans: gewaltlose Untersuchung von Mumien
  • DNA-Analyse: seit ~2010 möglich

Spektakuläre Funde

Tutanchamun (1922)

Howard Carter und Lord Carnarvon entdecken nach 7 Jahren erfolgloser Suche das Grab KV62. Der „Fluch des Pharaos" (mehrere Todesfälle nach der Öffnung) ist Mythos — die meisten Forscher leben Jahrzehnte weiter.

Cheops-Schiff (1954)

An der Cheops-Pyramide wird ein vollständig erhaltenes Sonnenboot ausgegraben (~2500 v. Chr.). Heute im Großen Ägyptischen Museum.

Königin Hatschepsut (2007)

Per CT-Scan und DNA-Vergleich wird endgültig identifiziert: die Mumie KV60-A ist Hatschepsut.

Saqqara (2020-2024)

Über 100 unberührte Särge in Saqqara entdeckt. Eine der größten Funde des 21. Jahrhunderts.

⚜ Ein deutsches Museum macht Geschichte

Die Büste der Nofretete (~1340 v. Chr.) befindet sich seit 1913 in Berlin — gefunden 1912 von Ludwig Borchardt in Amarna. Bis heute fordert Ägypten ihre Rückgabe.

Aktuelle Ägyptologie

Heute arbeiten ägyptische und internationale Forscherteams oft gemeinsam. Wichtige Institutionen: das Deutsche Archäologische Institut Kairo (DAI), das Institut Français d'Archéologie Orientale (IFAO), Egypt Exploration Society (London). Das neue Große Ägyptische Museum (GEM) bei Gizeh wurde 2024 eröffnet.