19. Jahrhundert · 1789-1864

Die Bauernbefreiung

1789-1864

Vom Untertan zum Bürger — eine der größten sozialen Reformen der Geschichte.

Die Bauernbefreiung war eine der grundlegendsten sozialen Veränderungen Europas im 19. Jahrhundert. Sie beendete ein Verhältnis, das in manchen Regionen seit dem Mittelalter bestanden hatte: Bauern als Eigentum oder Halb-Eigentum ihrer Grundherren. Mit der Befreiung wurden aus Untertanen Bürger — eine Voraussetzung für moderne Wirtschaft und Demokratie.

Was war zu befreien?

  • Leibeigenschaft: persönliche Unfreiheit, an die Scholle gebunden
  • Frondienst: Arbeitsverpflichtungen am Gutshof
  • Naturalabgaben: Korn, Tiere, Eier ans Adelshaus
  • Geldabgaben (Zins)
  • Heiratskonsens: Bauer durfte nicht ohne Erlaubnis des Herrn heiraten
  • Eingeschränkte Mobilität: Wegzug bedurfte Zustimmung
  • Patrimoniale Gerichtsbarkeit: Adliger war Richter
  • Kirchliche Zehnten zusätzlich

Vor der Befreiung

  • ~80% der Europäer waren Bauern
  • Davon ein erheblicher Teil unfrei
  • Härtester Stand: Ostelbien (Preußen, Mecklenburg, Polen, Russland)
  • Westen: Frankreich, Westdeutschland — mildere Formen
  • England: Aufhebung schon im Mittelalter (Bauernaufstand 1381)
  • Schweiz: nie wirklich verbreitet

Frankreich

  • 4. August 1789 — "Nacht der Wunder"
  • Nationalversammlung schafft Feudallasten ab
  • Französische Revolution endet Feudalismus an einem Abend
  • Aber: Entschädigungspflichten — bleiben bis 1793
  • Endgültige Abschaffung 17. Juli 1793
  • Vorbild für ganz Europa

Preußen

  • 1807: Preußen reformbedürftig nach Niederlage gegen Napoleon
  • Oktoberedikt von 1807 (Stein-Hardenbergsche Reformen)
  • "Erbuntertänigkeit" abgeschafft
  • Bauern persönlich frei
  • Aber: Land muss "freigekauft" werden
  • Hälfte oder Drittel des Landes blieb beim Gutsherrn
  • Regulierungsedikt 1811
  • Endgültig erst 1850
  • Sozialgeschichtlich: Bauern oft schlechter dran als vorher

Österreich

  • 1781: Leibeigenschaftspatent unter Joseph II.
  • "Aufgeklärter Absolutismus"
  • Bauer persönlich frei, aber Frondienste bleiben
  • 1849: Robotabschaffungspatent (nach Revolution 1848)
  • Hans Kudlich als "Bauernbefreier"
  • Endgültige Entlastung

Russland

  • Spätestes europäisches Beispiel
  • Zar Alexander II.: 19. Februar 1861
  • "Bauernbefreiung Russlands"
  • ~22 Mio. Bauern werden frei
  • Land an Bauerngemeinde (Mir) verteilt
  • Aber: hohe Ablösesummen über 49 Jahre
  • Faktisch oft schlechtere Lage
  • Streiks und Aufstände bleiben
  • Eine der Ursachen für Russische Revolution 1917

Polen

  • Teile von Preußen, Österreich, Russland — entsprechend reguliert
  • Russisch-Polen: 1864 endgültig
  • Erst nach polnischem Aufstand

Spanien

  • 1837: Aufhebung der Mayorazgo (Erbgüter)
  • Kirchenbesitz säkularisiert
  • Aber: Großgrundbesitz blieb (Latifundien)
  • Andalusien bis ins 20. Jh. ähnlich

Süddeutsche Länder

  • Bayern, Württemberg: schrittweise nach 1818
  • Baden: 1820
  • Frondienste teils erst nach 1848 abgeschafft

Skandinavien

  • Dänemark: 1788 Stavnsband (Bindung an Scholle) aufgehoben
  • Schweden: nie klassische Leibeigenschaft
  • Norwegen: ähnlich

USA

  • Sklaverei bestand in den Südstaaten
  • 13. Zusatzartikel 1865 — nach Bürgerkrieg
  • Aber: keine klassische Bauernunfreiheit, sondern Rassenversklavung
  • Süden weiterhin von Großgrundbesitz geprägt

Lateinamerika

  • Hacienda-System
  • Encomienda — Zwangsarbeit indigener Bevölkerung
  • Brasilien letztes Land der Hemisphäre, das Sklaverei abschafft (1888)
  • Bauernbefreiung folgte später, teils erst 20. Jh.

Asien

  • Japan: Meiji-Reformen ab 1868 — Bauern werden Vollbürger
  • China: Boden-Reformen erst nach 1949
  • Indien: Zamindari-System bis 1947

Folgen

Wirtschaftlich

  • Mobilität der Arbeitskraft
  • Industrialisierung möglich (Bauern werden Fabrikarbeiter)
  • Bauern können kaufen, verkaufen
  • Bauernlandflucht in Städte
  • Aber: Verschuldung war häufig — Verkauf an Großgrundbesitzer
  • Konzentration von Land

Sozial

  • Aus Untertanen werden Bürger
  • Wahlrecht (in Demokratien) folgt
  • Schulpflicht
  • Pässe, Personalstand
  • Erste Sozialgesetzgebung Ende 19. Jh.

Politisch

  • Voraussetzung für Demokratie
  • Bauernparteien entstehen (Skandinavien, Bayern)
  • Aber: Macht des Junkertums in Preußen bleibt
  • "Persönlich frei, ökonomisch abhängig"

Verlierer der Reformen

  • Adel verliert Arbeitskräfte und Einkommen
  • Aber: erhielt erhebliche Ablösungssummen
  • Vielerorts wurden aus Feudalherren moderne Großgrundbesitzer
  • Konnten Maschinen kaufen, weniger Arbeiter brauchen
  • Junkertum dominiert ostelbisches Preußen noch lange

Wer hat profitiert?

  • Vollbauern: meistens — wurden Eigentümer
  • Klein- und Häusler: oft Verlierer
  • Mussten ablösen, hatten kein Land
  • Wurden Landarbeiter oder zogen in Städte
  • Großbauern dominierten dörfliche Strukturen neu

Bauernkriege als Vorgeschichte

  • 1525: Deutscher Bauernkrieg — niedergeschlagen
  • 1573: Slowenischer/Kroatischer Bauernkrieg
  • 1670: Stenka Razin in Russland
  • 1774: Pugatschow-Aufstand Russland
  • 1525-1525: 12 Artikel von Memmingen — frühe Bauernrechte
  • Forderungen oft hundertjährelang gleich

Zeitgenössische Stimmen

  • Karl Marx kommentiert Reformen
  • Friedrich Engels untersucht in "Lage der arbeitenden Klasse"
  • Annette von Droste-Hülshoff thematisiert in Literatur
  • Gotthelf — schweizer Bauerngeschichten
  • Tolstoi setzt sich für russische Bauern ein

Bedeutung

  • Eine der größten sozialen Reformen aller Zeiten
  • Betraf Hunderte Millionen Menschen
  • Voraussetzung für moderne Welt
  • Ohne Bauernbefreiung keine Industrialisierung
  • Ohne Bauernbefreiung keine Demokratie
  • Aber: in Russland zu langsam — Revolution folgt

Heute

  • Weltweit gibt es noch unfreie Arbeitsverhältnisse
  • ~50 Mio. Menschen in moderner Sklaverei (ILO 2022)
  • Schuldknechtschaft in Südasien
  • Kakao-Anbau in Westafrika
  • Wanderarbeiter ohne Rechte
  • Sklaverei juristisch verboten — faktisch existiert sie weiter

Vom Untertan zum Bürger

Über Jahrhunderte galt: Wer auf dem Land geboren wurde, war seinem Herrn untertan. Er konnte das Dorf nicht verlassen, ohne Erlaubnis nicht heiraten, musste Frondienst leisten, war einem Adelsgericht unterworfen. Mit der Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert änderte sich das fundamental: Aus Untertanen wurden Bürger. Die persönliche Freiheit, die wir heute als selbstverständlich empfinden, ist historisch jung. Für die meisten Menschen Europas existiert sie erst seit ~150 Jahren. In manchen Teilen der Welt: bis heute nicht.