Themen · Gesellschaft

Die Soziale Frage

19. Jahrhundert

Armut, Arbeiterbewegung und Sozialstaat im 19. Jahrhundert

Als „Soziale Frage" wird das im 19. Jahrhundert massiv auftretende Problem der Armut und Verelendung breiter Bevölkerungsschichten in den industrialisierten Ländern bezeichnet. Sie war die Folge der Industriellen Revolution und führte zu Sozialgesetzgebung, Gewerkschaften, Sozialdemokratie und Kommunismus.

Ursachen

Die Industrialisierung schuf neue Reichtümer — aber auch eine neue Klasse von Lohnarbeitern, deren Lebensbedingungen oft elend waren. Frauen und Kinder arbeiteten 12 bis 16 Stunden täglich in Fabriken, lebten in überfüllten Mietskasernen, ernährten sich kärglich. Krankheit, Unfall oder Arbeitslosigkeit konnten Familien in den Ruin treiben — ein soziales Netz gab es nicht. Gleichzeitig löste sich die traditionelle Versorgung durch Familie, Zunft und Dorfgemeinschaft auf.

Verelendung — Pauperismus

Im frühen 19. Jahrhundert sprach man von „Pauperismus" — massenhafter Armut, die anders war als die Armut der Vergangenheit. Sie betraf ganze Bevölkerungsteile, war strukturell und schien nicht durch traditionelle Almosen zu lösen. Die Hungerkrise 1846/47 trieb die soziale Frage auf ihren ersten Höhepunkt und war eine Mit-Ursache der Revolution von 1848.

Wichtige Antworten auf die Soziale Frage

  • Frühsozialismus (Saint-Simon, Fourier, Owen): 1820er bis 1840er
  • Kommunistisches Manifest: 1848
  • ADAV (erste deutsche Arbeiterpartei): 1863
  • SPD-Gründung: 1875 (Gothaer Programm)
  • Bismarcks Sozialgesetze: 1883 bis 1889
  • Rerum novarum (kath. Soziallehre): 1891
  • Weimarer Sozialstaat: 1919

Frühsozialismus

Erste Antworten kamen aus dem Frühsozialismus: Henri de Saint-Simon, Charles Fourier und Robert Owen entwarfen Pläne für eine gerechte Gesellschaft — Genossenschaften, Modellsiedlungen, Bildung. Sie wurden später von Marx als „utopisch" eingestuft und gegenüber dem „wissenschaftlichen Sozialismus" abgegrenzt.

Marx und die Arbeiterbewegung

Karl Marx und Friedrich Engels veröffentlichten 1848 das „Kommunistische Manifest". Marx' „Das Kapital" (1867) analysierte die kapitalistische Produktionsweise als ausbeuterisch und prophezeite ihre Selbstabschaffung durch die Arbeiterklasse. Aus dieser Theorie und den realen Arbeiterbewegungen wuchsen die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien. In Deutschland gründeten Ferdinand Lassalle 1863 den ADAV und Wilhelm Liebknecht und August Bebel 1869 die SDAP. Beide vereinigten sich 1875 in Gotha zur SAPD, später SPD.

Bismarcks Sozialgesetze

Reichskanzler Otto von Bismarck verfolgte ab 1878 mit dem Sozialistengesetz eine Doppelstrategie: Verbot der Sozialdemokratie einerseits, staatliche Sozialgesetze andererseits. Die Krankenversicherung (1883), die Unfallversicherung (1884) und die Invaliden- und Altersrente (1889) waren die ersten staatlichen Sozialversicherungen der Welt. Sie sollten der Arbeiterschaft den Boden für die Sozialdemokratie entziehen — was nur teilweise gelang. Heute gelten sie als Grundstein des deutschen Sozialstaats.

Katholische Soziallehre

1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. die Enzyklika „Rerum novarum" (Über die neuen Dinge), die sich erstmals systematisch mit der sozialen Frage befasste. Sie verurteilte sowohl rohen Kapitalismus als auch Sozialismus und entwickelte das Konzept der katholischen Soziallehre — Subsidiarität, Solidarität, gerechter Lohn. Sie prägte die christliche Arbeiterbewegung und später die Sozialpolitik vieler katholisch geprägter Länder.

20. Jahrhundert — Sozialstaat

Die Weimarer Reichsverfassung 1919 erklärte Deutschland zum Sozialstaat. Die Bundesrepublik nach 1949 baute den Sozialstaat erheblich aus — Mitbestimmung, Arbeitslosenversicherung, Lastenausgleich, dynamische Rente 1957, Sozialhilfe 1961. Die DDR verstand sich als Arbeiter- und Bauernstaat. Heute ist die soziale Frage in neuer Form präsent — Globalisierung, Digitalisierung, Niedriglohnsektor, Altersarmut, Wohnungsmangel.