Religion · ab 500 v. Chr.

Der Buddhismus

ab ca. 500 v. Chr.

Vom indischen Prinzen zur Weltreligion — die Lehre vom Erwachen.

Der Buddhismus ist eine der ältesten Weltreligionen — und eine der ungewöhnlichsten: Ohne Schöpfergott, ohne Dogma, ohne Mission im klassischen Sinn. Begründet im 5. Jahrhundert v. Chr. von Siddhartha Gautama, breitete er sich friedlich über ganz Asien aus. Heute rund 500 Millionen Anhänger.

Siddhartha Gautama — der Buddha

  • Daten umstritten — meist ca. 563-483 v. Chr. (oder 480-400)
  • Geboren in Lumbini (heute Nepal)
  • Prinz im Stamm der Shakya
  • Wohlhabende Erziehung, Heirat, Sohn Rahula
  • Mit 29: "Vier Begegnungen" außerhalb des Palastes
  • Begegnet einem Greis, einem Kranken, einem Toten, einem Asketen
  • Verlässt Familie und Palast

Suche nach Erleuchtung

  • 6 Jahre Wanderschaft
  • Lernt bei Yogis, Asketen
  • Extreme Selbstkasteiung — fast verhungert
  • Erkennt: "Mittlerer Weg"
  • Setzt sich unter Bodhi-Baum in Bodh Gaya
  • Nach 49 Tagen Meditation: Erleuchtung
  • Erkennt Natur des Leidens und Weg daraus

"Buddha"

  • Sanskrit/Pali: "der Erwachte"
  • Kein Name, sondern Titel
  • "Tathagata" — "So-Gegangener"
  • "Bhagavan" — "Erhabener"
  • Im Buddhismus wird er nicht als Gott verehrt
  • Sondern als großer Lehrer

Erste Predigt

  • In Sarnath bei Varanasi
  • Vor 5 ehemaligen Asketen-Kollegen
  • "Rad der Lehre in Bewegung gesetzt"
  • Lehrt 45 Jahre durch Nordindien
  • Sammelt Schüler (Sangha)
  • Tod mit ca. 80 in Kushinagar (Parinirvana)

Vier edle Wahrheiten

  1. Dukkha — es gibt Leiden
  2. Samudaya — Leiden hat eine Ursache (Begierde, Anhaftung)
  3. Nirodha — Leiden kann überwunden werden
  4. Magga — der Weg dazu ist der Achtfache Pfad

Achtfacher Pfad

  1. Rechte Ansicht
  2. Rechte Absicht
  3. Rechte Rede
  4. Rechtes Handeln
  5. Rechte Lebensführung
  6. Rechtes Bemühen
  7. Rechte Achtsamkeit
  8. Rechte Versenkung (Meditation)

Kernbegriffe

  • Dharma — die Lehre, Wahrheit
  • Karma — Wirken von Taten
  • Samsara — Kreislauf von Wiedergeburten
  • Nirvana — "Erlöschen" des Leidens, Befreiung
  • Sangha — Gemeinschaft
  • Anatta — kein dauerhaftes Selbst
  • Anicca — Vergänglichkeit

Drei Juwelen

  • Buddha (Lehrer)
  • Dharma (Lehre)
  • Sangha (Gemeinschaft)
  • Buddhistische Bekenntnisformel: "Ich nehme Zuflucht zu..."

Frühe Ausbreitung

  • ~250 v. Chr.: Maurya-König Ashoka konvertiert
  • Macht Buddhismus zur Staatsreligion
  • Sendet Missionare nach Sri Lanka, Südostasien, Griechenland (!)
  • Über Seidenstraße nach China (1. Jh.)
  • 4. Jh.: Korea, Japan
  • 7. Jh.: Tibet

Drei Hauptrichtungen

Theravada

  • "Lehre der Älteren"
  • Älteste erhaltene Schule
  • Pali-Kanon als heilige Schrift
  • Streng monastisch
  • Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha
  • Ideal: Arhat (Befreiter)

Mahayana

  • "Großes Fahrzeug"
  • Entstanden ~1. Jh. v. Chr.
  • Bodhisattva-Ideal: aus Mitgefühl auf Nirvana verzichten, um andere zu befreien
  • Sanskrit-Schriften
  • China, Japan, Korea, Vietnam
  • Buddha mehr göttlich verehrt

Vajrayana

  • "Diamantfahrzeug" oder "Tantra"
  • Aus Mahayana entwickelt
  • Tibet, Mongolei, Bhutan
  • Mantras, Mandalas, Rituale
  • Geheimer Pfad
  • Lama als Lehrer

Tibetischer Buddhismus

  • 7. Jh.: Einführung durch König Songtsen Gampo
  • Padmasambhava (Guru Rinpoche) festigt
  • 4 Hauptschulen: Nyingma, Kagyu, Sakya, Gelug
  • Dalai Lama: Oberhaupt der Gelug-Schule
  • Aktueller 14. Dalai Lama (Tenzin Gyatso, geb. 1935)
  • 1959 nach chinesischer Annexion ins Exil
  • Friedensnobelpreis 1989

Chinesischer Buddhismus

  • 1.-2. Jh.: Ankunft
  • Vermischung mit Daoismus, Konfuzianismus
  • Tang-Dynastie (618-907) Höhepunkt
  • Schulen: Reines Land, Tiantai, Huayan, Chan
  • Chan → Zen in Japan
  • Heute schwierig unter KPCh

Japanischer Buddhismus

  • 538 (oder 552): Ankunft via Korea
  • Heiku-Tempel
  • Schulen: Tendai, Shingon, Reines Land, Zen, Nichiren
  • Zen (12./13. Jh.) prägt japanische Kultur
  • Teezeremonie, Garten, Kalligraphie

Zen

  • Chinesisches Chan → japanisches Zen
  • Stark meditativ
  • "Direktes Schauen" der Buddha-Natur
  • Koans: paradoxe Rätsel
  • "Was ist der Klang einer klatschenden Hand?"
  • Westliche Faszination ab 20. Jh.
  • Suzuki, Watts als Vermittler

Verfall in Indien

  • Hindu-Wiederbelebung ab ~7. Jh.
  • Muslimische Eroberungen ab 12. Jh.
  • Klöster zerstört (Nalanda 1193)
  • 13. Jh.: Buddhismus in Indien fast verschwunden
  • Heute <1% Inder
  • Wiederbelebung durch Dr. Ambedkar (Dalit-Konversion 1956)

Buddhistische Architektur

  • Stupa — reliquienhaltiger Grabhügel
  • Tempel mit Buddha-Statuen
  • Pagoden in Ost-Asien
  • Borobudur (Java, 9. Jh.)
  • Bagan (Myanmar, 2.000 Tempel)
  • Angkor Wat (Kambodscha)
  • Mogao-Höhlen (Dunhuang)
  • Bamiyan-Buddhas (Afghanistan, 2001 von Taliban zerstört)

Buddhistische Kunst

  • Buddha-Statuen weltweit
  • Gandhara-Stil (griechisch beeinflusst)
  • Mudras (Handgesten) mit Bedeutung
  • Mandalas — meditative Diagramme
  • Tanka (tibetische Rollbilder)

Heute

  • ~500 Mio. Anhänger
  • Wichtigste Länder: China (offiziell, aber ~250 Mio.), Thailand (95%), Myanmar (80%), Sri Lanka (70%), Kambodscha (95%), Laos, Vietnam, Bhutan, Japan
  • Westen: ~5 Mio.
  • USA: ~3 Mio.
  • Deutschland: ~250.000

Buddhismus im Westen

  • Schopenhauer als erster großer Bewunderer
  • Theosophische Gesellschaft 1875
  • Hippie-Bewegung 1960er
  • Tibetisch-buddhistische Lehrer wie Sogyal Rinpoche, Chögyam Trungpa
  • Vipassana-Meditation
  • Mindfulness-Bewegung (Jon Kabat-Zinn)
  • Heute auch ohne Religion: "Säkularer Buddhismus"

Politische Probleme

  • Buddhismus oft als "friedlich" idealisiert — aber nicht immer
  • Myanmar: buddhistische Mehrheit verfolgt muslimische Rohingya seit 2017
  • Sri Lanka: Konflikt mit Tamilen
  • Tibet: chinesische Unterdrückung
  • Auch Buddhisten können fundamentalistisch sein

Buddhistische Werte

  • Mitgefühl (Karuna)
  • Liebende Güte (Metta)
  • Achtsamkeit (Sati)
  • Mitfreude (Mudita)
  • Gleichmut (Upekkha)
  • Gewaltlosigkeit (Ahimsa)

Berühmte Buddhisten

  • Ashoka der Große
  • Dalai Lama
  • Thich Nhat Hanh (vietnamesischer Zen-Meister)
  • Steve Jobs (Zen-praktizierend)
  • Aung San Suu Kyi (umstritten nach Rohingya-Krise)
  • Richard Gere
  • Leonard Cohen

Beitrag zur Welt

  • Vegetarismus und Tierschutz
  • Meditationspraktiken
  • Psychologie (Achtsamkeit)
  • Philosophie des Selbst
  • Vorbild gewaltfreien Widerstands

Wachstum oder Schrumpfen?

  • Stabil oder leicht wachsend in Asien
  • Wachsend im Westen
  • Aber langsamer als Christentum oder Islam
  • Geburtenrate in buddhistischen Ländern oft niedrig

Der Weg in die Mitte

2.500 Jahre alt — und doch erstaunlich modern. Der Buddhismus ist die einzige Weltreligion ohne Schöpfergott im engeren Sinn. Er ist Philosophie, Psychologie und Religion in einem. Im Westen oft idealisiert als "die friedliche Religion", aber so komplex wie alle Religionen. Sein zentraler Beitrag zur Menschheit: die Erkenntnis, dass Leiden zum Leben gehört — und dass es Wege gibt, damit umzugehen. Eine Lehre, die nichts an Aktualität verloren hat.