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Die eurasische Steppe

ca. 3.500 v. Chr. – 1700 n. Chr.

Skythen, Hunnen, Mongolen — die Reiternomaden, die immer wieder die sesshafte Welt erschütterten.

Die eurasische Steppe ist das größte Grasland der Welt — und seit 3.000 Jahren Heimat von Reitervölkern, die immer wieder die sesshaften Reiche erschütterten: Skythen, Hunnen, Türken, Mongolen. Sie sind oft vergessen — aber haben Eurasien geprägt wie kaum eine andere Welt.

Geographie

  • ~8.000 km lang, ~1.000 km breit
  • Vom Karpathenbecken (Ungarn) bis zur Mandschurei (China)
  • Heute: Ukraine, Südrussland, Kasachstan, Mongolei, Innere Mongolei (China)
  • Gras, kaum Bäume
  • Kalte Winter, heiße Sommer
  • Wenig Niederschlag

Pferd und Rad

  • ~3500 v. Chr.: Pferd domestiziert in der Steppe (vermutlich Kasachstan, Kultur Botai)
  • ~2000 v. Chr.: Streitwagen erfunden
  • Hochmobile Nomaden mit Reichweite weit über sesshafte Bauern hinaus
  • Reiterei verändert Kriegsführung weltweit

Yamna-Kultur und Indogermanen

  • ~3300-2600 v. Chr.: Yamna-Kultur in der ukrainischen Steppe
  • Vermutlich Wurzel der indogermanischen Sprachfamilie
  • Migration nach Europa und Indien
  • Indogermanisch heute: Englisch, Deutsch, Russisch, Latein, Persisch, Hindi — und viele mehr
  • Vatikan, Peking, Berlin — alle sprechen heute Sprachen, die hier ihren Ursprung haben

Skythen (~700-200 v. Chr.)

  • Iranischsprachige Reiter
  • Von Donau bis Altai
  • Erste schriftlich überlieferte Steppen-Reiter
  • Herodot beschreibt sie ausführlich
  • Bogen, Pfeil, Kurzschwert
  • Goldene Grabbeigaben (Pasyryk, Tolstaja Mogila)
  • Berühmte Tierornamentik in der Kunst
  • Dareios I. von Persien zieht 513 v. Chr. erfolglos gegen Skythen

Sarmaten (~500 v. Chr. - 400 n. Chr.)

  • Verwandte der Skythen
  • Frauen kämpften — möglicherweise Vorbild für Amazonen-Mythos
  • Dominieren russische Steppe
  • Tauchen in römischen Quellen auf

Hunnen (4.-5. Jh.)

  • Aus Zentralasien
  • Möglicherweise verwandt mit den Xiongnu (Erzfeinde der Chinesen)
  • ~370: erscheinen in Europa
  • Ihre Ankunft löst Völkerwanderung aus
  • Goten und andere fliehen ins römische Reich
  • Attila (~406-453) — "Geißel Gottes"
  • Reich von Rhein bis Wolga
  • 451: Schlacht auf den Katalaunischen Feldern — Niederlage gegen Römer/Goten
  • 453: Attila stirbt in der Hochzeitsnacht
  • Reich zerfällt

Awaren (6.-9. Jh.)

  • Aus Zentralasien
  • Erobern Karpatenbecken
  • Bringen Steigbügel nach Europa — revolutioniert europäische Reiterei
  • Konflikte mit Byzanz, Franken
  • 791-803: Karl der Große zerstört Awarenreich

Bulgaren

  • Aus Zentralasien
  • 5./6. Jh.: bilden Reich nördlich des Schwarzen Meers
  • 670er: Asparuch zieht nach Balkan, gründet Bulgarien
  • Vermischen sich mit Slawen
  • 864: Christianisierung

Magyaren (Ungarn)

  • Aus Ural-Region (finnougrische Sprache)
  • 9. Jh.: Wanderung in Karpatenbecken
  • Plünderzüge in Europa
  • 955: Schlacht auf dem Lechfeld — Otto I. besiegt sie
  • 1000: König Stephan getauft — Ungarn wird christlich

Türken

  • Türk-Kaganate ab 552 — erstes turksprachiges Großreich
  • Kontrollieren Seidenstraße
  • Schamanismus, dann Manichäismus, später Islam
  • Mehrere türkische Reiche: Uiguren, Khasaren, Petschenegen
  • Selschuken erobern Anatolien (11. Jh.) — Vorläufer der Osmanen

Mongolen — Größtes Reich der Geschichte

Dschingis Khan (~1162-1227)

  • Geboren als Temudschin
  • Einigt mongolische Stämme
  • 1206: zum Großkhan ausgerufen
  • Erobert Zentralasien, Persien, Nordchina
  • Größter Eroberer der Geschichte
  • 1227: stirbt — Grab unbekannt bis heute

Mongolenreich

  • Größtes zusammenhängendes Reich aller Zeiten: 24 Mio. km²
  • Korea bis Polen, Sibirien bis Persien
  • 1241: Schlacht bei Liegnitz und Mohi — Polen und Ungarn erobert
  • Großkhan Ögedei stirbt — Mongolen ziehen ab, Europa gerettet
  • 1258: Bagdad erobert, Kalifat beendet

Pax Mongolica

  • Sicherer Handel auf Seidenstraße
  • Marco Polo (1271-95) reist nach China
  • Wissens- und Krankheitsaustausch
  • Möglicher Übertragungsweg der Pest

Vier Khanate

  • Yuan-Dynastie (China) — Kublai Khan
  • Goldene Horde (Russland, Steppe)
  • Ilchanate (Persien)
  • Tschagatai-Khanat (Zentralasien)

Goldene Horde

  • 1242 gegründet
  • Russische Fürsten zahlen Tribut ("Tatarenjoch")
  • 1380: Schlacht bei Kulikowo — erste Niederlage
  • 1480: Iwan III. weigert sich, Tribut zu zahlen — Befreiung Russlands
  • Zerfällt in mehrere Khanate

Timur (Tamerlan) (1336-1405)

  • Türkisch-mongolisch
  • Aus Samarkand
  • Erobert Persien, Zentralasien, Indien (Delhi 1398)
  • ~17 Mio. Tote geschätzt
  • Hauptstadt Samarkand prächtig
  • Stirbt auf Marsch gegen China

Tatarenkhanate

  • Krim, Kasan, Astrachan, Sibir
  • Krim-Khanat (1441-1783): Vasall der Osmanen
  • Russland erobert nach und nach
  • Iwan IV. (der Schreckliche): Kasan 1552, Astrachan 1556
  • Krim erst 1783 durch Katharina die Große

Russische Expansion

  • 16.-17. Jh.: Russland erobert Steppe
  • Sibirien (Yermak ab 1582)
  • Steppe-Reiter weichen sesshaften Bauern
  • Kosaken als Grenzwächter
  • Ende der Reiternomaden-Macht

Manchu/Qing

  • Mandschuren — semi-nomadisch aus Nordostchina
  • 1644: erobern China, gründen Qing-Dynastie
  • Letzte nicht-chinesische Dynastie
  • Bis 1912

Warum verloren die Reiter?

  • Schießpulver: macht Reiterei weniger entscheidend
  • Befestigte Städte und Kanonen
  • Sesshafte Reiche organisieren sich besser militärisch
  • Pocken töten Nomaden überproportional
  • Russland und China teilen Steppe untereinander auf

Steppenkultur

  • Jurten (Zelte) — bis heute in Mongolei genutzt
  • Stutenmilch (Kumys)
  • Reiten, Bogenschießen, Ringen — "Drei männliche Spiele" der Mongolen
  • Schamanismus, später Buddhismus oder Islam
  • Mündliche Heldenepen

Seidenstraße

  • Handelsroute Ost-West
  • ~200 v. Chr. bis 18. Jh.
  • Seide, Gewürze, Porzellan von China
  • Gold, Wolle, Pferde aus Westen
  • Kulturaustausch: Buddhismus von Indien nach China, Papier von China nach Europa
  • Steppen-Reiter dominierten oder kontrollierten den Handel oft

Heute

  • Mongolei: ~3 Mio. Einwohner, demokratisch, Kupfer-Bergbau
  • Kasachstan: größtes ehemaliges Sowjetland nach Russland
  • Innere Mongolei: chinesische Provinz
  • Kalmücken (Wolga-Mongolen): europäisches Volk in Russland — letzte buddhistische Nation Europas
  • Steppe-Tourismus, Reiterspiele

Mongolei nach 1990

  • 1924-90: Volksrepublik (Satellit der UdSSR)
  • 1990: friedlicher Übergang zur Demokratie
  • Wiederentdeckung Dschingis Khans als Nationalheld
  • Pferderennen, Bogenschießen, Ringen (Naadam-Fest)

Genetisches Erbe

  • ~8% der asiatischen Männer (oder ~0,5% weltweit) tragen Y-DNA möglicherweise von Dschingis Khan
  • Geschätzte 16 Mio. Nachkommen
  • Größter genetischer Fußabdruck eines einzelnen Mannes

Wirkung auf Welt

  • Indogermanische Sprachen verbreitet
  • Reiterei, Steigbügel
  • Hunnen lösen Völkerwanderung aus
  • Mongolen verändern China, Russland, Persien
  • Pax Mongolica verbindet Eurasien
  • Pest reist mit nach Europa
  • Türken erobern Anatolien

Wahrnehmung

  • Sesshafte Quellen sahen Nomaden als "Barbaren"
  • Plünderer, Zerstörer
  • Aber: auch Händler, Vermittler, Reichsgründer
  • Neuere Geschichtsschreibung würdigt sie ausgewogener
  • Mongolen z.B. ermöglichten beispiellosen Wissensaustausch

Vergessene Mitte der Welt

Während im Westen die Geschichte oft als europäische Geschichte erzählt wird, war die eurasische Steppe jahrtausendelang die Drehscheibe Eurasiens. Hier wurden Pferde domestiziert, Räder erfunden, Indogermanen geboren. Hier zogen die Hunnen los, die Rom zerstörten. Hier startete Dschingis Khan, der ein Viertel der Welt eroberte. Die "Welthistorie" ohne die Steppe ist nur ein halbes Bild.