Italien-Einigung (Risorgimento)
Cavour, Garibaldi, Mazzini — wie aus Stadtstaaten und Königreichen ein Italien wurde.
Die Italien-Einigung (italienisch: Risorgimento = "Wiederauferstehung") war einer der zentralen Prozesse des 19. Jahrhunderts. In wenigen Jahrzehnten wurde aus einem politisch zersplitterten Italien ein einheitlicher Nationalstaat.
Ausgangslage 1815
Nach dem Wiener Kongress war Italien in 8 Staaten geteilt:
- Königreich Sardinien-Piemont (Haus Savoyen)
- Lombardo-Venetisches Königreich (Österreich)
- Großherzogtum Toskana (Habsburg-Lothringen)
- Herzogtümer Parma, Modena (Habsburg)
- Kirchenstaat (Papst)
- Königreich beider Sizilien (Bourbonen)
Österreich dominierte ganz Italien. Metternich nannte es: "Italien ist nur ein geographischer Ausdruck."
Die drei Strömungen
1. Republikanisch-demokratisch (Mazzini)
Giuseppe Mazzini (1805-1872): Begründer der Bewegung "Junges Italien" (1831). Ziel: einheitliche, demokratische Republik. Mehrere gescheiterte Aufstände.
2. Monarchisch-liberal (Cavour)
Camillo Benso von Cavour (1810-1861): Ministerpräsident Sardinien-Piemonts. Ziel: konstitutionelle Monarchie unter Sardinien.
3. Neoguelfisch (Gioberti)
Föderation unter dem Papst — verliert nach Pius IX.'s Konservativ-Wende 1848.
1848 — Frühling der Völker
- Aufstände in ganz Italien
- Sardinien-Piemont erklärt Österreich den Krieg
- Verliert bei Custoza (1848) und Novara (1849)
- Kurzfristige Republiken (Venedig, Rom — von Garibaldi verteidigt) niedergeschlagen
- 1848 scheitert — aber das Verlangen nach Einigung bleibt
Cavours Politik (1852-1861)
Cavour ist Realpolitiker. Seine Strategie:
- Industrialisierung Sardiniens, Eisenbahnbau
- Internationale Sichtbarkeit (Teilnahme am Krimkrieg 1855)
- Bündnis mit Frankreich gegen Österreich
2. Italienischer Unabhängigkeitskrieg (1859)
- Cavour provoziert Österreich
- Frankreich (Napoleon III.) verbündet sich
- Schlacht von Magenta (Juni 1859) — französisch-sardinischer Sieg
- Schlacht von Solferino (24. Juni 1859) — französisch-sardinischer Sieg
- Henri Dunant beobachtet die Schlacht — gründet später das Rote Kreuz
- Frieden von Villafranca: Sardinien gewinnt Lombardei, Venetien bleibt österreichisch
1860: Annexionen und Garibaldi
Plebiszite in Mittelitalien — Toskana, Parma, Modena, Bologna schließen sich Sardinien an.
Garibaldis Zug der Tausend (Mai-Oktober 1860)
Giuseppe Garibaldi (1807-1882) — Freiheitsheld, Militärgenie:
- Mai 1860: Landet mit 1.089 Freiwilligen ("die Tausend") in Sizilien
- Schlägt bourbonische Truppen
- Erobert ganz Süditalien innerhalb von Monaten
- Triff bei Teano Cavours Truppen — übergibt das eroberte Land an König Viktor Emanuel II.
Königreich Italien (17. März 1861)
Viktor Emanuel II. von Savoyen wird König von Italien. Erstes Parlament tagt in Turin. Aber: Venetien (österreichisch), Rom (päpstlich-französisch) fehlen noch.
3. Italienischer Unabhängigkeitskrieg (1866)
Im Zuge des deutsch-deutschen Krieges: Italien als Preußens Verbündeter erhält Venetien von Österreich.
Eroberung Roms (1870)
- Rom war noch französisch besetzt
- Mit Beginn des deutsch-französischen Krieges ziehen die Franzosen ab
- 20. September 1870: italienische Truppen erobern Rom (Bresche an der Porta Pia)
- 1871: Rom wird Hauptstadt Italiens
- Papst Pius IX. erklärt sich zum "Gefangenen im Vatikan"
- Papst-Staat-Konflikt ("Römische Frage") wird erst 1929 mit den Lateranverträgen gelöst
Hauptfiguren des Risorgimento
- Giuseppe Mazzini: ideologischer Vater
- Camillo Benso von Cavour: politischer Architekt
- Giuseppe Garibaldi: militärischer Held
- Viktor Emanuel II.: erster König
Schwierige Anfänge
- Brigantenkrieg im Süden (1861-1865): bourbonen-treue Banden vs. neue Regierung
- Wirtschaftliche Ungleichheit Nord-Süd (bleibt bis heute)
- Hohe Steuern für Einigungskosten
- Auswanderung beginnt (bis 1914: 14 Mio. Italiener emigrieren)
- Kirche-Staat-Konflikt
Erbe
- Italien wird zur Großmacht (relativ)
- Imperialismus: Eritrea, Libyen, später Äthiopien
- Tritt 1915 in den 1. Weltkrieg ein (Seitenwechsel von Dreibund zu Entente)
- Aber: 1922 kommt Mussolini, der Faschismus
- Heutige Republik seit 1946
Garibaldi — der internationale Held
Garibaldi war einer der populärsten Männer des 19. Jh. weltweit:
- Hatte schon in Südamerika für die Republik gekämpft (Uruguay, Brasilien)
- Lincoln bot ihm ein Kommando im Bürgerkrieg an (lehnte ab)
- 1864: Begeisterte Empfangsfeiern in London — über 500.000 Menschen
- Sein roter Hemd ("Garibaldini") wurde zur Mode
- Nach ihm benannt: Pizza Margherita? Nein — aber zahlreiche Plätze, Schiffe, Berge
⚜ "Italia fatta, fare gli italiani"
Massimo d'Azeglio: "Italien ist gemacht — jetzt müssen wir die Italiener machen." Die politische Einigung war nur der Anfang. Nord und Süd, Bildung, Dialekte, Wirtschaft — vieles musste noch zusammenwachsen. Manche sagen: Das ist bis heute nicht vollendet.