Porajmos — Völkermord an Sinti und Roma
Der oft vergessene Genozid 1939 bis 1945
Als Porajmos („Verschlingen") oder Samudaripen („Massenmord") bezeichnen Sinti und Roma den nationalsozialistischen Völkermord an etwa 220.000 bis 500.000 Angehörigen ihrer Volksgruppen während des Zweiten Weltkriegs. Lange Zeit war dieser Genozid in der historischen Aufarbeitung kaum präsent.
Sinti und Roma vor 1933
Sinti und Roma lebten seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Sie waren von Anfang an Diskriminierung, Verfolgung und Vorurteilen ausgesetzt. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden sie polizeilich registriert, ausgegrenzt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt — vorbereitende Strukturen, an die der Nationalsozialismus später anknüpfen konnte.
NS-Verfolgung ab 1933
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte sich die Verfolgung dramatisch. Sinti und Roma wurden unter den Begriff „Zigeuner" gefasst und als „rassisch minderwertig" eingestuft. Die Nürnberger Gesetze von 1935 wurden auf sie ausgeweitet. Ab 1936 wurden sie in „Zigeunerlagern" am Stadtrand interniert — etwa in Berlin-Marzahn vor den Olympischen Spielen.
Auschwitz-Erlass 1942
Am 16. Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler die Deportation aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau an. Im „Zigeunerlager" Auschwitz-Birkenau (Abschnitt B IIe) wurden zwischen Februar 1943 und August 1944 etwa 23.000 Menschen inhaftiert. Über 19.000 starben durch Hunger, Krankheiten, Misshandlungen oder Vergasung. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden die letzten 2.897 Insassen in den Gaskammern ermordet.
Eckdaten
- Auschwitz-Erlass: 16. Dezember 1942
- Zigeunerlager Auschwitz: Februar 1943 bis August 1944
- Liquidierung „Zigeunerlager": Nacht 2./3. August 1944
- Opfer Sinti und Roma gesamt: 220.000 bis 500.000
- Gedenktag: 2. August (seit 2015 EU-weit)
Ausmaß in Europa
Der Völkermord betraf nicht nur Deutschland. In den besetzten Gebieten Polens, der Sowjetunion, des Baltikums und auf dem Balkan ermordeten SS und Einsatzgruppen Sinti und Roma in Massenexekutionen. In Kroatien (Ustascha-Regime), Rumänien und der Slowakei beteiligten sich verbündete Regime an der Verfolgung. Die Gesamtzahl der Opfer ist umstritten — Schätzungen reichen von 220.000 bis zu 500.000.
Nach 1945 — späte Anerkennung
Anders als der Holocaust an den Juden wurde der Völkermord an Sinti und Roma nach 1945 in beiden deutschen Staaten lange ignoriert. Überlebende erhielten kaum Entschädigung, ihre Verfolgung galt vielen Behörden als „kriminalpräventiv" — die Täter blieben oft im Amt. Erst 1982 erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den Völkermord offiziell an. 2012 wurde in Berlin das „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas" eingeweiht.
Erinnerung und Gegenwart
Seit 2015 ist der 2. August offizieller europäischer Gedenktag. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, hat seit den 1980er Jahren den Kampf um Erinnerung und Anerkennung geprägt. Antiziganismus bleibt jedoch eine reale Diskriminierungsform in Europa — vom Wohnungs- und Arbeitsmarkt bis hin zu rechtsradikalen Übergriffen.