Themen · Nachkriegszeit

Flucht und Vertreibung 1944 bis 1950

1944 bis 1950

Zwangsmigration von 12 bis 14 Millionen Deutschen

Als „Flucht und Vertreibung" wird vor allem die Zwangsmigration von etwa 12 bis 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches und aus Ost- und Südosteuropa am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Sie war Teil großer Bevölkerungsverschiebungen, die ganz Europa erfassten.

Hintergrund

Die nationalsozialistische Aggression hatte in Osteuropa massive Verbrechen verursacht — Völkermord, Versklavung, gezielte Vernichtung. Nach Kriegsende stellte sich die Frage nach der Zukunft der deutschen Minderheiten in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien. Stalin und die polnische Exilregierung trieben ihre Aussiedlung voran; die Westalliierten stimmten in Jalta und Potsdam zu.

Drei Phasen

Die Vertreibungen verliefen in drei Phasen. Die erste — Flucht und Evakuierung — begann im Herbst 1944 vor der vorrückenden Roten Armee. Bis Anfang 1945 flohen oder wurden Hunderttausende aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien evakuiert. Tausende starben in eisiger Kälte, andere wurden Opfer von Übergriffen sowjetischer Soldaten. Die zweite Phase — wilde Vertreibung von Mai bis August 1945 — war von chaotischer, oft brutaler Gewalt geprägt. In der dritten Phase ab 1946 wurden die Aussiedlungen auf Grundlage des Potsdamer Abkommens „geordnet" durchgeführt.

Eckdaten

  • Flucht und Evakuierung: Herbst 1944 bis Mai 1945
  • Wilde Vertreibungen: Mai bis August 1945
  • Geordnete Aussiedlungen: 1946 bis 1949 (Ausläufer bis 1950er)
  • Potsdamer Konferenz: 17. Juli bis 2. August 1945
  • Gesamtzahl Vertriebene: 12 bis 14 Millionen
  • Todesopfer: 500.000 bis 2 Millionen (Schätzungen)

Aus welchen Gebieten

Vertrieben wurden Deutsche aus den ehemals deutschen Ostgebieten (Ostpreußen, Pommern, Schlesien, östliches Brandenburg) — etwa 7 Millionen. Aus dem Sudetenland (Tschechoslowakei) etwa 3 Millionen, aus Ungarn und Jugoslawien jeweils einige Hunderttausend, dazu aus Rumänien und den baltischen Staaten. Hinzu kamen die deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa, die schon vor 1945 unter deutscher Besatzung „heim ins Reich" gebracht worden waren.

Integration in Deutschland

Die Vertriebenen kamen in ein zerstörtes, von Hunger geplagtes Deutschland. Sie wurden auf alle Besatzungszonen verteilt — etwa 7,9 Millionen in der späteren Bundesrepublik, 4 Millionen in der späteren DDR. Die Integration war eine enorme Leistung, dauerte aber Jahrzehnte und war von sozialen Spannungen, Vorbehalten und Verlust geprägt. 1952 schuf der Lastenausgleich in der Bundesrepublik einen partiellen finanziellen Ausgleich.

Andere Vertreibungen 1945 ff.

Die Deutschen waren nicht die einzige vertriebene Gruppe. Polen wurden aus den an die Sowjetunion fallenden Ostgebieten in die ehemals deutschen Westgebiete umgesiedelt — etwa 1,5 Millionen Menschen. Ukrainer und Polen wurden im Rahmen der „Aktion Weichsel" 1947 umgesiedelt. Insgesamt erfassten die Bevölkerungsverschiebungen 1945 bis 1950 etwa 20 Millionen Europäer.

Erinnerung

Die Vertreibungen blieben in der Bundesrepublik politisch präsent. Der „Bund der Vertriebenen" (BdV) wurde 1957 gegründet, das Bundesvertriebenengesetz 1953 verabschiedet. Die DDR thematisierte Flucht und Vertreibung kaum öffentlich. Heute steht in Berlin das „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung" (eröffnet 2021), das die Geschichte der Vertreibung im europäischen Kontext darstellt.

Vertreibung als globales Phänomen

Vertreibung gehört zu den dunkelsten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und ist nicht auf Europa beschränkt. Der Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei 1923, die Teilung Indiens 1947 (10 bis 12 Millionen), die Vertreibung der Palästinenser 1948 (etwa 750.000), die Vertreibungen während des Jugoslawien-Krieges 1991 bis 1995 und die heutigen Fluchtbewegungen aus Syrien, der Ukraine und vielen anderen Konfliktregionen zeigen die anhaltende Tragik dieses Phänomens.