Themen · Zeitgeschichte

Die Wende 1989/90

1989 bis 1990

Friedliche Revolution, Mauerfall und Wiedervereinigung

Als „Wende" wird der friedliche Umbruch in der DDR und in Mittel- und Osteuropa 1989/90 bezeichnet, der zum Ende des Kommunismus, zum Fall der Berliner Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung führte. Sie war eine der größten politischen Veränderungen Europas seit 1945.

Hintergrund

Mehrere Faktoren bereiteten die Wende vor: Die wirtschaftliche Krise des Ostblocks, die ideologische Erschöpfung des Realsozialismus, die Reformpolitik Michail Gorbatschows in der Sowjetunion („Glasnost" und „Perestroika" ab 1985), der Helsinki-Prozess mit der KSZE-Schlussakte 1975 und die wachsende Bedeutung von Bürgerrechts- und Friedensbewegungen. In Polen kämpfte die Solidarność-Bewegung seit 1980 für Reformen; im Frühjahr 1989 führte der Runde Tisch zu freien Wahlen.

Ungarns Grenzöffnung — Mai/September 1989

Ein entscheidender Schritt war die Grenzöffnung Ungarns nach Österreich. Ab 2. Mai 1989 begann der Abbau des Grenzzauns; am 19. August fand das „Paneuropäische Picknick" statt, bei dem rund 700 DDR-Bürger in den Westen flohen. Am 11. September öffnete Ungarn die Grenze offiziell für DDR-Bürger — ein Bruch des Warschauer Pakts und der Beginn einer Massenflucht.

Wichtige Stationen

  • Reformpolitik Gorbatschow: ab 1985
  • Polen Runder Tisch: Februar bis April 1989
  • Ungarn Grenzöffnung: 11. September 1989
  • Montagsdemonstration Leipzig 70.000: 9. Oktober 1989
  • Mauerfall: 9. November 1989
  • Letzte DDR-Volkskammerwahl: 18. März 1990
  • Währungsunion: 1. Juli 1990
  • Wiedervereinigung: 3. Oktober 1990

Montagsdemonstrationen

In Leipzig versammelten sich seit September 1989 jeden Montag immer mehr Menschen zu Demonstrationen — beginnend in der Nikolaikirche mit dem Friedensgebet. Am 9. Oktober 1989 marschierten 70.000 Menschen unter dem Ruf „Wir sind das Volk" friedlich durch Leipzig. Die SED-Führung wagte den Einsatz von Gewalt nicht. Diese Nacht gilt als entscheidender Moment der Wende.

Mauerfall — 9. November 1989

Nach der Flucht zehntausender Menschen über Ungarn und die deutschen Botschaften in Prag und Warschau geriet die DDR-Führung in eine schwere Krise. Erich Honecker wurde am 18. Oktober abgesetzt. Eine neue Reise-Regelung sollte am 9. November verkündet werden. Auf der historischen Pressekonferenz erklärte Günter Schabowski auf eine Frage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman irrtümlich, die neue Regelung trete „sofort, unverzüglich" in Kraft. Daraufhin strömten Berliner zu den Grenzübergängen — die Mauer fiel.

Weg zur Wiedervereinigung

Bundeskanzler Helmut Kohl präsentierte am 28. November 1989 ein 10-Punkte-Programm für eine deutsche Konföderation. Die DDR-Volkskammerwahlen am 18. März 1990 brachten der „Allianz für Deutschland" mit Kohl-Unterstützung einen klaren Sieg — die ostdeutsche Bevölkerung wollte die schnelle Wiedervereinigung. Am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark in der DDR eingeführt. Am 12. September 1990 wurde der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet, der die internationale Anerkennung der Wiedervereinigung sicherte. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei.

Wende in anderen Ländern

Die DDR war nicht allein. 1989 endete der Kommunismus in fast ganz Mittel- und Osteuropa — überwiegend friedlich: in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei („Samtene Revolution"), Bulgarien, in Rumänien gewaltsam (Sturz Ceaușescus, etwa 1.100 Tote). 1991 zerfiel die Sowjetunion selbst.

Folgen und Bewertung

Die Wende und die Wiedervereinigung waren für viele Ostdeutsche mit Brüchen verbunden — Massenarbeitslosigkeit, Treuhand-Privatisierungen, Entwertung ostdeutscher Lebensläufe. Politisch entstand ein Gefälle, das in der politischen Landschaft bis heute spürbar ist. Trotzdem bleibt 1989/90 als „glücklicher Augenblick" der deutschen Geschichte unbestritten — die einzige Revolution in Deutschland, die sich friedlich vollzog und ihre Ziele erreichte.