Stellvertreterkrieg
Vom Korea- und Vietnamkrieg bis Syrien und Jemen
Ein Stellvertreterkrieg (englisch „proxy war") ist ein Konflikt, in dem Großmächte nicht direkt gegeneinander kämpfen, sondern lokale Akteure unterstützen, die ihre Interessen vertreten. Stellvertreterkriege waren die typische Form militärischer Auseinandersetzung im Kalten Krieg — und sie kehren in der Gegenwart in neuer Form zurück.
Konzept
Der Begriff bezeichnet einen Krieg, in dem äußere Mächte ein lokales Geschehen instrumentalisieren — durch Waffenlieferungen, Geld, Geheimdienstunterstützung, Berater oder verdeckt operierende Spezialeinheiten — ohne offiziell selbst Kriegspartei zu sein. Damit lassen sich Konflikte austragen, ohne direkte Konfrontation der Großmächte zu riskieren. Im Atomzeitalter wurde dies wegen der gegenseitigen Abschreckung ein zentrales Strategiemuster.
Kalter Krieg als Zeitalter der Stellvertreterkriege
Nach 1945 lieferten sich USA und Sowjetunion (und seit den 1960ern auch China) eine globale Auseinandersetzung — jedoch nie direkt mit eigenen Truppen gegeneinander. Stattdessen unterstützten sie kämpfende Parteien in regionalen Konflikten. Dadurch verschob sich die Kriegführung in die „Dritte Welt", die zum Hauptschauplatz der ideologischen Auseinandersetzung wurde.
Wichtige Stellvertreterkriege im Kalten Krieg
- Koreakrieg 1950 bis 1953
- Vietnamkrieg 1955 bis 1975
- Bürgerkrieg in Angola 1975 bis 2002
- Sowjetisch-Afghanischer Krieg 1979 bis 1989
- Iran-Irak-Krieg 1980 bis 1988
- Bürgerkrieg in Nicaragua/Contra-Affäre 1980er
- Bürgerkrieg in Mosambik 1977 bis 1992
Koreakrieg 1950 bis 1953
Der Koreakrieg gilt als erster großer Stellvertreterkrieg. Nord-Korea (unterstützt von der UdSSR und ab 1950 von China) griff Süd-Korea an, das von einer UN-geführten Koalition unter US-Führung verteidigt wurde. Etwa 3 Millionen Menschen starben. Der Krieg endete 1953 mit einem Waffenstillstand — formal ist er bis heute nicht beendet.
Vietnamkrieg
Der Vietnamkrieg war der prägende Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges. Nord-Vietnam (unterstützt von UdSSR und China) kämpfte gegen Süd-Vietnam, das von den USA mit zeitweise über 500.000 Soldaten unterstützt wurde. Über 1 Million Vietnamesen und 58.000 US-Soldaten starben. Der Krieg endete 1975 mit dem Sieg Nord-Vietnams und der Wiedervereinigung des Landes unter kommunistischer Führung.
Afghanistan-Konflikt
1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, um eine sozialistische Regierung zu stützen. Die USA unterstützten die Mudschaheddin mit Waffen — über die pakistanischen Geheimdienste und mit saudischer Finanzierung. Nach zehn Jahren zog die UdSSR 1989 ab. Der Krieg trug zum Zusammenbruch der Sowjetunion bei. Die Mudschaheddin-Strukturen wurden später teilweise zur Grundlage von al-Qaida und Taliban — was die langfristigen Folgen von Stellvertreterkriegen anschaulich macht.
Stellvertreterkriege heute
Auch nach dem Ende des Kalten Krieges existieren Stellvertreterkriege weiter — oft mit mehreren beteiligten Mächten. Der Syrische Bürgerkrieg ab 2011 ist ein Beispiel: Iran und Russland unterstützen das Assad-Regime, die USA, Türkei, Saudi-Arabien und Katar verschiedene Oppositionsgruppen. Im Jemen kämpfen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate gegen die von Iran unterstützten Huthi. Im Sudan, in Libyen, in Mali sind ähnliche Muster zu beobachten. Russlands Wagner-Söldner und westliche private Militärfirmen verschieben die Grenze zwischen Stellvertreterkrieg und direkter Beteiligung.
Kritik und Bewertung
Stellvertreterkriege ermöglichen Großmächten, Macht zu projizieren, ohne eigene Soldaten zu verlieren. Für die betroffenen Regionen sind die Folgen jedoch katastrophal — sie zerstören Gesellschaften, lassen sich oft nicht mehr einhegen und produzieren Nachfolgekonflikte. Außerdem führen sie zu einer Aufrüstung lokaler Akteure, die sich später auch gegen ihre Unterstützer wenden können — der „Blowback".