Wettrüsten
Vom Flottenwettlauf 1900 zum Atomzeitalter und heute
Als Wettrüsten bezeichnet man die wechselseitige Aufrüstung rivalisierender Mächte mit dem Ziel, militärisch überlegen oder zumindest gleichwertig zu bleiben. Wettrüsten ist ein Phänomen der modernen Geschichte und hat im 20. Jahrhundert mit dem Atomwaffenwettlauf eine existenzbedrohende Dimension erreicht.
Wettrüsten vor 1914
Im späten 19. Jahrhundert begann das deutsch-britische Flottenwettrüsten. Großbritannien hatte als Inselreich eine starke Flotte als Lebensader. Deutschland unter Tirpitz' Flottenpolitik baute ab 1898 ebenfalls eine Hochseeflotte auf — was die Beziehungen zu Großbritannien dauerhaft belastete. Die Entwicklung des Schlachtschiff-Typs „Dreadnought" 1906 löste eine neue Runde aus. Ähnlich verlief die landgebundene Aufrüstung in Europa — Frankreich, Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn verstärkten ihre Heere; der Erste Weltkrieg war auch eine Konsequenz dieser Spirale.
Zwischenkriegszeit
Der Versailler Vertrag begrenzte die deutsche Aufrüstung; Deutschland durfte nur 100.000 Mann Reichswehr halten. Ab 1933 brach die NS-Regierung diese Begrenzungen offen — Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935, Aufbau der Luftwaffe, der Panzerwaffe und einer modernen Marine. Großbritannien und Frankreich reagierten zögernd; erst nach 1938 setzten sie eigene Aufrüstungsprogramme in Gang. Die Industrieproduktion für Rüstung war im Zweiten Weltkrieg ein entscheidender Faktor — die USA und die UdSSR übertrafen das Dritte Reich um ein Vielfaches.
Wichtige Wettrüsten
- Deutsch-britisches Flottenwettrüsten: 1898 bis 1914
- NS-Aufrüstung: 1933 bis 1939
- Atomwaffen-Wettrüsten USA/UdSSR: 1945 bis 1991
- Mittelstreckenraketen-Krise: 1979 bis 1987
- Star Wars/SDI (Reagan): 1983 bis 1993
- Neue Rüstungsspirale Russland/USA/China: 2010er bis heute
Atomares Wettrüsten im Kalten Krieg
Nach dem amerikanischen Atombombenmonopol 1945 zog die Sowjetunion 1949 nach. Beide Seiten entwickelten in den 1950ern die Wasserstoffbombe (USA 1952, UdSSR 1953), interkontinentale Raketen (ab 1957), atomgetriebene U-Boote mit Atomraketen und immer ausgefeiltere Trägersysteme. Das strategische Konzept war die „Mutually Assured Destruction" (MAD) — gegenseitige garantierte Vernichtung als Abschreckung. Höhepunkt war die Kubakrise im Oktober 1962, in der die Welt am Rand eines Atomkrieges stand.
Rüstungskontrolle
Ab den 1960ern versuchten beide Seiten, das Wettrüsten zu regulieren. Wichtige Verträge waren der Atomteststopp-Vertrag (PTBT) 1963, der Atomwaffensperrvertrag (NPT) 1968, SALT I (1972) und SALT II (1979), der ABM-Vertrag (1972, von USA 2002 gekündigt), START I (1991) und der INF-Vertrag (1987) zur Abschaffung der Mittelstreckenraketen. Diese Verträge brachten begrenzte, aber wichtige Erfolge.
Mittelstreckenraketen-Krise
1977 begann die UdSSR mit der Aufstellung der SS-20-Mittelstreckenraketen. Die NATO antwortete 1979 mit dem Doppelbeschluss — Verhandlungsangebot bei gleichzeitiger Aufstellung von Pershing-II- und Cruise-Missiles ab 1983. Massive Protestbewegungen in Westeuropa (vor allem Bundesrepublik) waren die Folge. Der INF-Vertrag 1987 zwischen Reagan und Gorbatschow beendete die Krise und ließ alle landgestützten Mittelstreckenraketen verschrotten.
Wettrüsten heute
Nach einer Phase der Abrüstung in den 1990ern und 2000ern (START-Verträge, Reduzierung der Atomwaffenarsenale) hat eine neue Rüstungsspirale eingesetzt. Die USA, Russland und China modernisieren ihre nuklearen Arsenale. Wichtige Verträge sind gekündigt (ABM 2002, INF 2019) oder ausgesetzt (New START 2023). Hyperschallraketen, Cyber-Waffen, autonome Waffensysteme und Weltraumrüstung sind neue Dimensionen. Auch das Wettrüsten zwischen Indien und Pakistan, zwischen Iran und Israel/Saudi-Arabien sowie um Nordkoreas Atomprogramm prägt die Gegenwart.
Bedeutung
Wettrüsten verschlingt enorme Ressourcen — der Kalte Krieg kostete weltweit Billionen Dollar — und schafft die Gefahr von Eskalationen. Es ist umstritten, ob es als Abschreckung Frieden sichert (so die klassische These) oder durch Spannungsdynamik Konflikte produziert. Die Geschichte gibt für beide Lesarten Belege.