Themen · Religion

Säkularisierung

1500 bis heute

Verweltlichung von Staat, Gesellschaft und Lebenswelt

Säkularisierung (lateinisch „saeculum" — Zeitalter, weltlich) bezeichnet die Loslösung von Staat, Gesellschaft, Bildung, Wissenschaft und Lebenswelt von religiösen Bindungen. Sie ist eine der zentralen Entwicklungen der Neuzeit, hat aber mehrere unterschiedliche Bedeutungen.

Drei Bedeutungen des Begriffs

Erstens: Die Säkularisation als rechtlicher Akt — die Überführung kirchlichen Eigentums in weltliche Hand. Klassisches Beispiel ist der Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der kirchliche Fürstentümer auflöste. Zweitens: Säkularisierung als politische Trennung von Staat und Kirche. Drittens: Säkularisierung als gesellschaftlicher und kultureller Prozess der Abnahme religiöser Bedeutung im Alltag.

Säkularisation 1803

Der Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 war eine der einschneidendsten Umwälzungen in Deutschland. Zur Entschädigung deutscher Fürsten für ihre Verluste durch die napoleonischen Kriege wurden fast alle geistlichen Fürstentümer — Bistümer, Erzbistümer, Klöster — aufgelöst und ihr Besitz weltlichen Herrschern übergeben. Hunderte Klöster wurden geschlossen, ihre Kunstschätze versteigert oder zerstört. Etwa 3 Millionen Menschen wechselten den Landesherrn.

Wichtige Schritte der Säkularisierung in Deutschland

  • Reformation: 1517 (Beginn der Konfessionalisierung)
  • Westfälischer Friede: 1648 (Anerkennung der Konfessionen)
  • Aufklärung: 18. Jahrhundert (Religion als Privatsache)
  • Reichsdeputationshauptschluss: 1803
  • Trennung Staat/Kirche (Weimar): 1919
  • Religion stark rückläufig in DDR und westlichen Großstädten: ab 1970er

Trennung von Staat und Kirche

Die strikte Trennung von Staat und Kirche entstand erst in der Neuzeit. Die USA verankerten sie 1791 in der Verfassung (First Amendment). Frankreich vollzog sie 1905 (Loi de séparation). Deutschland hat seit der Weimarer Verfassung 1919 keine Staatskirche mehr, kennt aber besondere Formen der Kooperation („hinkende Trennung") — etwa Kirchensteuer, Religionsunterricht und Staatsleistungen, die im Grundgesetz fortgeschrieben sind.

Gesellschaftliche Säkularisierung

In Westeuropa hat die religiöse Bindung seit den 1960er Jahren deutlich nachgelassen. Kirchenaustritte, sinkende Gottesdienstbesuche, weniger kirchliche Trauungen und Beerdigungen — diese Trends sind besonders stark in städtischen, gebildeten Schichten. In Deutschland sind heute (Stand 2020er) weniger als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen. Vor 1900 waren es noch über 95 Prozent.

Säkularisierungsthese und Kritik

Die klassische Säkularisierungsthese (Max Weber, Émile Durkheim, später Peter Berger) sah die Säkularisierung als notwendige Folge von Modernisierung. Diese These wird heute differenzierter gesehen: In den USA, Lateinamerika, Afrika und Asien sind Religionen nicht zurückgegangen, sondern teils gewachsen. Religiöse Bewegungen — Evangelikalismus, politischer Islam, Hindutva — haben sich neu formiert. Säkularisierung ist also eher ein westeuropäisches als ein globales Phänomen.

Folgen

Säkularisierung hat fundamentale Folgen für Gesellschaft, Politik und Recht: Religion wird Privatsache, Toleranz und Pluralismus werden Norm, Religionsfreiheit wird Grundrecht. Gleichzeitig stellen sich neue Fragen — etwa nach religiösen Symbolen im öffentlichen Raum (Kreuze in Schulen, Kopftuch), nach der Rolle religiöser Argumente in der politischen Debatte oder nach dem Umgang mit Religionen, die selbst Säkularisierung ablehnen.