Polytheismus
Vielgötterei in Antike, Mittelalter und Gegenwart
Polytheismus ist die Verehrung mehrerer Götter und war über Jahrtausende die vorherrschende Form religiöser Praxis. Ägyptische, mesopotamische, griechische, römische, germanische, keltische, slawische, indische, chinesische und mesoamerikanische Religionen waren polytheistisch — bis monotheistische Religionen wie Judentum, Christentum und Islam ihn weitgehend zurückdrängten.
Charakteristika
Polytheistische Religionen kennen eine Vielzahl von Göttern, die meist spezialisierte Zuständigkeiten haben — für Krieg, Liebe, Ernte, Tod, Meer, Sturm, Handwerk. Götter werden mit Tempeln, Opfern, Festen, Mythen und Bildern verehrt. Sie sind oft in komplexen Pantheons mit Verwandtschaftsbeziehungen und Hierarchien organisiert.
Mesopotamien und Ägypten
Die sumerische Religion kannte Götter wie Anu (Himmel), Enlil (Sturm), Enki (Wasser) und Inanna (Liebe, Krieg). Die ägyptische Religion verehrte Re (Sonne), Osiris (Totenwelt), Isis, Horus, Anubis und viele andere. Pharaonen galten als göttlich. Der kurzlebige Versuch Echnatons (um 1350 v. Chr.), nur den Sonnengott Aton zu verehren, war eine frühe Form von Monotheismus, scheiterte aber.
Wichtige polytheistische Religionen
- Sumerisch-akkadisch (ab 3. Jt. v. Chr.)
- Ägyptisch (3000 v. Chr. bis Spätantike)
- Griechisch und römisch (Antike bis 4. Jh. n. Chr.)
- Germanisch, keltisch, slawisch (bis christianisiert)
- Hinduismus (bis heute, etwa 1,2 Milliarden Anhänger)
- Shintō in Japan (bis heute)
- Indigene Religionen weltweit
Griechische und römische Religion
Die griechische Religion mit ihren olympischen Göttern (Zeus, Hera, Poseidon, Athene, Apollon, Artemis, Ares, Aphrodite, Hermes, Hephaistos, Demeter, Dionysos, Hestia) prägte die antike Welt. Die Römer übernahmen weitgehend das griechische Pantheon (Jupiter, Juno, Neptun, Minerva). Der römische Staatskult mit Kaiserverehrung war ein zentrales Element der Reichsidee.
Germanische und nordische Religion
Die Germanen verehrten Götter wie Wodan/Odin, Donar/Thor, Tiwaz/Tyr, Freyr und Freya. Wochentage wie Mittwoch (Wodanstag, im Englischen Wednesday), Donnerstag (Donars Tag) und Freitag (Freya) tragen bis heute ihre Namen. Mit der Christianisierung verschwand die Religion offiziell, lebte aber in Bräuchen, Folklore und Ortsnamen fort.
Hinduismus — lebendiger Polytheismus
Der Hinduismus ist die größte heute bestehende polytheistische Religion mit etwa 1,2 Milliarden Anhängern, vor allem in Indien. Er kennt Hauptgötter wie Brahma, Vishnu und Shiva sowie zahllose weitere Götter und Göttinnen — wobei viele Hindus die Vielfalt der Götter als Erscheinungsformen einer übergeordneten göttlichen Wirklichkeit (Brahman) verstehen.
Konflikt mit Monotheismus
Mit dem Aufstieg des Christentums und später des Islam wurde der Polytheismus systematisch zurückgedrängt. Tempel wurden zerstört oder umgewidmet, Götterbilder verbrannt, Bräuche verboten oder christlich umgedeutet. Mit der Christianisierung Europas (4. bis 12. Jahrhundert) verschwand der antike Polytheismus weitgehend. In Lateinamerika wurden indigene polytheistische Religionen nach der Konquista unterdrückt; oft überlebten sie synkretistisch im Volkskatholizismus.
Polytheismus heute
Neben dem Hinduismus existieren polytheistische Religionen im Shintō, in afrikanischen und amerikanischen indigenen Religionen und in afrobrasilianischen Religionen wie Candomblé. Im westlichen Raum gibt es seit dem 20. Jahrhundert neuheidnische Bewegungen (Wicca, Ásatrú), die antike polytheistische Religionen wiederbeleben wollen.