Das 20. JahrhundertRatgeber
Die Spanische Grippe 1918: die Pandemie am Ende des Ersten Weltkriegs
Die Spanische Grippe war eine Influenza-Pandemie, die 1918 bis 1920 in mehreren Wellen um die Welt ging. Verursacht wurde sie von einem Virus des Subtyps A(H1N1), am tödlichsten war die Herbstwelle 1918. Schätzungen nennen bis zu 50 Millionen Tote weltweit, für das Deutsche Reich zwischen rund 300.000 und 426.600.

Im letzten Kriegsjahr 1918 breitete sich eine Grippe über alle Kontinente aus, die vermutlich weit mehr Menschen tötete als die Kämpfe des Ersten Weltkriegs [6]. Etwa 500 Millionen Menschen steckten sich an, ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung [5]. Verursacht wurde die Pandemie von einem Influenzavirus des Subtyps A(H1N1) [4, 5]. Das Deutsche Historische Museum nennt weltweit bis zu 50 Millionen Tote [1]. Ungewöhnlich war, wen es traf: Viele Opfer waren junge, zuvor gesunde Erwachsene [1, 2].
Woher der Name kommt
Den Namen verdankt die Krankheit einer Nachricht aus Madrid. Im Mai 1918 berichtete die Londoner "Times" über eine rätselhafte Erkrankung des spanischen Königs und verglich sie mit der Pest. Der spanische Generaldirektor für Gesundheit, Manuel Martín Salazar, erklärte im Juni, eine ähnliche Krankheit gebe es sonst nirgends in Europa. So wurde aus der "Spanischen Krankheit" die "Spanische Grippe" [1]. Dass die Seuche tatsächlich aus Spanien stammt, gilt heute als weitgehend ausgeschlossen [3]. Robert Jütte nennt für den Namen eine andere Erklärung: Die Krankheit sei zuerst im spanischen Ferienort San Sebastián aufgetreten [2]. Wolfgang Kruse verweist darauf, dass im neutralen Spanien offener über sie berichtet werden konnte [6]. Großbritannien sprach schon im Juli 1918 von einer Pandemie [1].
Wo die Pandemie begann
Wo genau die Pandemie ihren Anfang nahm, ist bis heute nicht geklärt [5]. Viele Darstellungen verweisen auf die USA. Nach dem Medizinhistoriker Wilfried Witte erkrankten vermutlich im März 1918 in Kansas zuerst Schüler und Soldaten [3]. Grippefälle gab es dort und in Georgia, während seit Sommer 1917 immer mehr amerikanische Truppen nach Frankreich kamen. Im April 1918 breitete sich die Grippe an der Front in Belgien aus [1]. Die Annahme, die US-Truppen hätten das Virus eingeschleppt, setzte sich erst später durch [1].
Drei Wellen
Die Pandemie verlief nicht gleichmäßig. Sie kam in Wellen, deren Zahl und Zeitpunkt von Land zu Land verschieden waren [1, 4]:

| Welle | Zeitraum | Verlauf |
|---|---|---|
| Erste Welle | Frühjahr und Sommer 1918 | Kurze fiebrige Infekte, viele Kranke, wenige Tote; in Deutschland als "Modekrankheit" verharmlost |
| Zweite Welle | ab August 1918 | Ausgang von Hafenstädten wie Brest, Boston, Freetown und Dakar; viel tödlicher, in Mitteleuropa vor allem im Oktober und November 1918 |
| Dritte Welle | im Deutschen Reich Anfang 1920 | Nicht in allen Ländern; in Deutschland zeitgleich mit Fällen von Encephalitis lethargica |
Die erste Welle nahm kaum jemand ernst. Amerikanische Soldaten nannten die Krankheit "Dreitagefieber", deutsche "flandrisches Fieber" [2]. Die zweite Welle ging von Hafenstädten aus; Truppenschiffe sollen das Virus nach Europa gebracht haben. Besonders betroffen waren Rekruten- und Kriegsgefangenenlager [1, 3]. Die zweite Welle erreichte das Deutsche Reich im Herbst 1918 über die Westfront, die erste war schon im Frühsommer gemeldet worden [2]. Manche Überlebende der Gehirnentzündung von 1920 entwickelten in den folgenden Jahren ein chronisches Parkinson-Syndrom [1].
Krankheitsbild
Die Krankheit begann wie eine gewöhnliche Grippe mit hohem Fieber und Schüttelfrost [2]. Bei schweren Verläufen verfärbte sich die Haut dunkelblau, Ärzte sprechen von Zyanose [1, 3]. Der Tod kam teils plötzlich, teils nach einer Lungenentzündung. Fast immer starben die Kranken an akutem Lungenversagen bei einer zusätzlichen bakteriellen Lungenentzündung. Selten trat ein blutiges Lungenödem auf, an dem die Betroffenen erstickten [1].
Gewöhnliche Grippewellen treffen vor allem Säuglinge und alte Menschen. 1918 starben überproportional viele, die als kräftig galten. Die Sterblichkeit hatte eine Spitze bei den 25- bis 40-Jährigen [1]. Die CDC nennt drei Gruppen mit besonders hoher Sterblichkeit: Kinder unter fünf Jahren, Erwachsene zwischen 20 und 40 und Menschen ab 65 [5].
Ärzte ohne Mittel
Die Medizin von 1918 stand der Seuche hilflos gegenüber. Seit 1892 galt das nach Richard Pfeiffer benannte Bakterium, heute Haemophilus influenzae, als Erreger der Grippe. Pfeiffer, ein Schüler Robert Kochs, setzte diese Lehre im Deutschen Reich durch, obwohl es den Begriff des Virus damals schon gab [1]. Erst 1933 isolierte eine englische Forschergruppe das Grippevirus [1, 2].

Ein Impfstoff gegen das Virus fehlte ebenso wie Antibiotika gegen die Lungenentzündungen [5]. Ärzte probierten aus, was greifbar war. Empfohlen wurden etwa Kalzium oder Rote Bete. Serum von Genesenen war in Deutschland und Italien begehrt, aber knapp, und seine Wirkung war eher behauptet als belegt. Bakterielle Impfstoffe kamen in Deutschland nur vereinzelt zum Einsatz, in angelsächsischen Ländern systematisch [1]. In Heidelberg bekam die Bevölkerung Kalziumchlorid, um die Abwehr zu stärken [2].
Maßnahmen und ihre Wirkung
Wo Behörden Schulen schlossen, Versammlungen verboten und Kranke isolierten, half das. Das Deutsche Historische Museum nennt St. Louis in Missouri als Beispiel. In Philadelphia fand dagegen am 28. September 1918 eine Siegesparade statt, nach der sich die Grippe rasch ausbreitete [1]. Landesweite Quarantäne verhängten nur wenige Staaten, allen voran Australien. Gesichtsmasken waren in den USA teils vorgeschrieben und umstritten, in Japan wurden sie 1918 üblich, im Deutschen Reich kaum getragen [1].

Die deutschen Behörden verharmlosten die Grippe und unternahmen wenig [1]. Sie wollten nach Darstellung des Medizinhistorikers Robert Jütte keine Panik auslösen. In Nürnberg gab es die erste Meldung am 29. Juni 1918. Zwischen dem 12. und 18. Oktober erkrankten dort über 3.000 Menschen, Statistiken wurden nicht veröffentlicht. Das öffentliche Leben kam weitgehend zum Stillstand, die Krankenhäuser waren überfüllt [2].
Ratschläge an die Bevölkerung fielen je nach Ort sehr verschieden aus. Zürich empfahl, Besuche in Wirtschaften einzuschränken, Turin warnte vor übertriebener Diät. In Konstanz riet ein Merkblatt, beim Husten die Hand oder ein Tuch vor den Mund zu halten [1]. Die Historikerin Sarah Weber beschreibt die Influenza in der Wahrnehmung der deutschen Behörden als ein Phantom [1]. Auch die Ärzteschaft hielt sich zurück: Das "Aerztliche Vereinsblatt" befasste sich kaum mit der Epidemie [3].
Die Grippe in Tagebüchern und Literatur
Viele Zeitgenossen erlebten die Pandemie im eigenen Haus. Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer erkrankte im Oktober 1918 und behandelte sich selbst mit Aspirin [2]. Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen, bei Kriegsende zwölf Jahre alt, verarbeitete die Grippe später in seinem Prosastück "Jugend" von 1976 [2]. In den USA schilderte Victor C. Vaughan, Vorsitzender der American Medical Association, das Sterben in seinen Erinnerungen [2].
Der Molekularbiologe Jeffery Taubenberger wurde durch ein Buch von Alfred W. Crosby auf die Pandemie aufmerksam [2]. Zum 100. Jahrestag erschien 2018 auf Deutsch das Buch "1918. Die Welt im Fieber" der Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney [3].
Die Grippe und das Kriegsende
Die Herbstwelle fiel in die letzten Kriegsmonate. Die deutsche Heeresleitung klagte über sinkende Kampfmoral, General Erich Ludendorff sah in der Grippe eine Begleiterscheinung des Krieges [2]. Wie der Krieg im November 1918 endete, schildert der Artikel über den Ersten Weltkrieg.
Wie viele Menschen starben
Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Krankheit oft nicht gemeldet und die Todesursache selten als Influenza eingetragen wurde [1, 4]. Ende der 1920er-Jahre schätzte man 21,5 Millionen Tote weltweit, spätere Forschungen kamen auf rund 50 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation nannte 2013 eine Spanne von 20 bis 50 Millionen [4]. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC geht von mindestens 50 Millionen aus [5]. Für einzelne Länder gibt das Deutsche Historische Museum diese Schätzungen an [1]:
| Land oder Region | geschätzte Todesopfer |
|---|---|
| Indischer Subkontinent | 10 bis 20 Millionen |
| USA | rund 675.000 |
| Italien | über 450.000 |
| Deutsches Reich | über 300.000 |
| Polen | bis zu 300.000 |
Für das Deutsche Reich lauten die Angaben unterschiedlich: Das Deutsche Ärzteblatt nannte 2006 fast 300.000 Tote [2], das Deutsche Historische Museum mehr als 300.000 [1]. Eine Arbeitsgruppe des Robert Koch-Instituts hat die Zahl 2016 neu berechnet. Sie kommt für 1918/19 auf 426.600 zusätzliche Todesfälle, das waren 0,69 Prozent der Bevölkerung [4].
Unter den Toten waren der Dichter Guillaume Apollinaire und Edith Schiele, die drei Tage vor ihrem Mann, dem Maler Egon Schiele, in Wien starb [1]. Auch Egon Schiele überlebte die Grippe nicht [2].
Das Virus aus dem Eis
Lange war unklar, wie das Virus von 1918 aussah. Der Pathologe Johan Hultin suchte 1951 in Alaska in gefrorenen Leichen nach Spuren, zunächst ohne Erfolg. 1997 brachte er bei einem zweiten Besuch neues Gewebe mit [2]. Taubenberger hatte Anfang der 1990er-Jahre in der Pathologiesammlung der US-Armee nach Proben von 1918 verstorbenen Soldaten gesucht. Mit seinem Team rekonstruierte er das Erbgut des Virus [2]. Die CDC beschreibt das Virus heute als H1N1-Virus mit Genen aus Vögeln [5].
Was spätere Pandemien zeigen
Seit 1918 gab es drei weitere Grippepandemien: 1957 mit dem Subtyp A(H2N2), 1968 mit A(H3N2) und 2009 mit A(H1N1)pdm09 [4]. Für Deutschland schätzt das Robert Koch-Institut 29.100 zusätzliche Todesfälle für 1957/58, 46.900 für 1968 bis 1970 und 350 für 2009 [4]. Silke Buda vom Robert Koch-Institut hielt 2018 eine Lage wie 1918 für nicht mehr möglich. Als Risiken nannte sie Antibiotikaresistenzen, den weltweiten Reiseverkehr und eine älter werdende Bevölkerung [3]. Wie Seuchen die Geschichte seit der Antike geprägt haben, zeigt der Überblick Medizin und Seuchen in der Geschichte. Die Pandemie unserer Zeit beschreibt der Artikel über die COVID-19-Pandemie, die große Pest des 14. Jahrhunderts der Artikel über den Schwarzen Tod.
- Organisation Wilfried Witte: Spanische Grippe (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 24.03.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Robert Jütte: Geschichte der Medizin: Verzweifelter Kampf gegen die Seuche (Deutsches Ärzteblatt, Heft 1-2/2006). Deutscher Ärzteverlag. Stand 01.2006. abgerufen am 29.10.2026
- Spanische Grippe jährt sich zum 100. Mal. Deutsches Ärzteblatt. Stand 04.01.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Udo Buchholz, Silke Buda, Annicka Reuß, Walter Haas, Helmut Uphoff: Todesfälle durch Influenzapandemien in Deutschland 1918 bis 2009 (Bundesgesundheitsblatt 59, S. 523 bis 536). Robert Koch-Institut. Stand 17.03.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde 1918 Pandemic (H1N1 virus). Centers for Disease Control and Prevention. Stand 20.03.2019. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg als totaler Krieg. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 23.02.2026. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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