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Quellenkunde: wie Historiker mit Quellen arbeiten

Historische Quellen sind nach Paul Kirn alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen sich Kenntnis der Vergangenheit gewinnen lässt. Historiker unterscheiden Überreste, die ohne Absicht übrig blieben, von Tradition, die für die Nachwelt geschaffen wurde. In der Quellenkritik prüfen sie Herkunft, Echtheit und Inhalt, bevor sie eine Quelle deuten.

Ein Lesesaal im Archiv mit langen Holztischen, geschlossenen grauen Archivkartons und einer Lupe unter grüner Leselampe
Bild: KI-generiert

Historiker arbeiten mit Quellen [1]. Das Merkblatt zur Quellenrecherche der Universität Rostock zitiert die klassische Definition des Historikers Paul Kirn: "Quellen nennen wir alle Texte, Gegenstände und Tatsachen, aus denen Erkenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann." [1]. Eine Übersicht der Universität Hildesheim gibt den Satz leicht abweichend mit "oder" und "Kenntnis" wieder [2]. Potenziell kann alles zur Quelle werden, nach dem Rostocker Merkblatt vom CD-Cover über Meißner Porzellan bis zur Urkunde, zur Akte oder zum Liebesbrief [1].

Was eine Quelle ist

Erst die Frage eines Forschers macht aus einem Gegenstand, einem Text oder einem Bild eine Quelle. Das Rostocker Merkblatt nennt die Geschichtswissenschaft deshalb eine "fragestellungsorientierte Wissenschaft" [1]. Johann Gustav Droysen fasste den Begriff dagegen eng und verstand unter Quellen nur mündliche oder schriftliche Überlieferung, die historische Kenntnis verschaffen soll [2]. Ernst Bernheim sprach später allgemeiner von "Resultaten menschlicher Betätigung" [2].

Von den Quellen unterscheiden Historiker die Darstellungen. Das ist Literatur, die auf der Grundlage von Quellen vergangene Vorgänge oder Zustände beschreibt [2]. In der Praxis ist die Grenze fließend, denn eine ältere Darstellung kann selbst zur Quelle werden. Ein Buch von 1980 über Karl den Großen ist nach der Hildesheimer Übersicht für Karl eine Darstellung, für die Sicht auf Karl um 1980 aber eine Quelle [2].

Überreste und Tradition

Eine verbreitete Einteilung fragt, wozu eine Quelle entstanden ist [2]. Überreste sind alles, was unmittelbar von den Ereignissen übrig blieb, ohne einen Vermittler, der für die Nachwelt berichten wollte [2]. Dazu zählen Bauwerke, Geräte, körperliche Überreste, Erzeugnisse von Kunst und Handwerk, aber auch Institutionen, Rechtszustände, Sitten und die Sprache selbst [2]. Schriftliche Überreste sind etwa Urkunden, Akten, Rechtstexte, Briefe und Karten, die für die Bedürfnisse ihrer Gegenwart entstanden [2].

Ein Grabungsschnitt mit freigelegten alten Steinfundamenten, Tonscherben auf einem Sieb und kleinen Kellen bei bedecktem Himmel
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Tradition nennt man dagegen Quellen, die eigens geschaffen wurden, um von Geschehenem zu berichten: Erzählungen, Mythen und Lieder in mündlicher Form, Annalen, Chroniken, Biographien und Memoiren in schriftlicher [2]. Weil sie für die Nachwelt geschrieben sind, haben sie eine Tendenz. Der Berichterstatter wählt aus, und er nimmt bewusst oder unbewusst Partei [2]. Die Forderung nach wissenschaftlicher Objektivität ist nach der Hildesheimer Übersicht sehr jung und war dem Mittelalter unbekannt [2]. Die Hildesheimer Übersicht nennt als Beispiel die Chronisten des Mittelalters, die ausführlich über geistliche Vorgänge schrieben und wirtschaftliche oder soziale Zusammenhänge oft übergingen [2].

Überreste gelten insofern als objektiv, als sie nicht bewusst für spätere Leser angelegt wurden [2]. Auch sie verlangen Vorsicht. Eine Urkunde gibt nur in ihrer Erzählung, der Narratio, wieder, was ist oder vorgetragen wurde. Die Verfügung, die Dispositio, hält fest, was künftig gelten soll [2]. Wird in Urkunden immer wieder dasselbe angeordnet, kann das ein Hinweis sein, dass die Regel nicht befolgt wurde [2]. Manche Quellen wie Satire oder Lobreden gehören je nach Verwendungszweck zu beiden Gruppen [2].

Quellenkritik Schritt für Schritt

Am Anfang steht die Suche. Das Rostocker Merkblatt rät zu klären, welche Quellenarten es zu einem Thema geben kann, ob sie erhalten und zugänglich sind und welche Hürden bestehen, etwa Sperrfristen, fehlende Editionen oder Sprachkenntnisse [1]. Findet man nichts Passendes, lohnt es sich, die Frage anzupassen. Wer keine Quellen zu den Folgen des Dreißigjährigen Krieges für Rostock findet, aber auf Flugblätter stößt, kann stattdessen fragen, wie die Medien der Zeit den Krieg darstellten [1].

Eine Restaurierungswerkbank mit gefaltetem Pergamentblatt von der leeren Rückseite, weißen Baumwollhandschuhen und Lupenleuchte
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Bevor eine Quelle gedeutet wird, wird sie geprüft. Eine Handreichung von Johannes Löhr vom Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Mannheim gliedert die Arbeit so [3]:

  1. Quellenbeschreibung: Gattung, Material, Erhaltungszustand, Lesbarkeit und Überlieferung, also Fundort, Aufbewahrungsort, Übersetzung und Veröffentlichung.
  2. Äußere Quellenkritik: Herkunft mit Entstehungsort, Entstehungszeit, Verfasser und Adressat, dazu die Echtheit (Original, Abschrift oder Fälschung) und die Frage, worauf sich der Verfasser stützt.
  3. Innere Quellenkritik: unbekannte Wörter und nicht mehr geläufige Begriffe klären, sprachliche Besonderheiten erkennen, unbekannte Orte, Personen und Ereignisse erschließen.
  4. Interpretation: Kernaussagen zusammenfassen, Absicht und Stellung von Verfasser und Adressat klären, die Quelle zeitlich und örtlich einordnen, andere Quellen hinzuziehen und ihren Wert für die Fragestellung bestimmen.

Liegt eine Quelle in einer kritischen Edition vor, soll man nach dem Rostocker Merkblatt diese in jedem Fall heranziehen. Nur die Arbeit mit dem Original oder einem Digitalisat davon kann die Edition ersetzen [1]. Das Merkblatt unterscheidet dabei Handschrift oder Druck, Digitalisat, Faksimile, Neuausgabe und kritische Edition. Vorsicht gilt bei Neuausgaben in modernisierter Sprache [1].

Ranke und Ibn Khaldun

Leopold von Ranke schrieb 1824 in der Vorrede zu seinen "Geschichten der romanischen und germanischen Völker", sein Werk wolle "blos zeigen, wie es eigentlich gewesen" [4]. Als Grundlage nannte er "Memoiren, Tagebücher, Briefe, Gesandtschaftsberichte und ursprüngliche Erzählungen der Augenzeugen" [4]. Die Herausgeber von German History in Documents and Images heben hervor, dass Ranke im Gegensatz zu Hegels Lehre von der Einheit des Wissens vor allem detailliertes Quellenstudium empfahl [4].

Lange vor ihm kritisierte der Gelehrte Ibn Khaldun (1332 bis 1406) in seiner Muqaddima von 1377 die Geschichtsschreiber seiner Zeit [5]. Nach einer Darstellung von Mohammad Akram Nadwi bemängelte er, dass sie Berichte wegen des Ansehens oder Standes des Berichterstatters annahmen und einseitig für eine Dynastie, eine religiöse Richtung oder eine Volksgruppe Partei ergriffen [5]. Ibn Khaldun verlangte, jeden Bericht über die Vergangenheit auf seine Plausibilität zu prüfen [5]. Als Beispiel zweifelte er an der Angabe, die Israeliten hätten ein Heer von 600.000 Mann aufgestellt. Das große Perserreich derselben Zeit habe höchstens etwa 200.000 Mann aufbringen können [5].

Berühmte Fälschungen

Die Konstantinische Schenkung gab sich als Urkunde Kaiser Konstantins aus, der von 306 bis 337 herrschte. Nach dem Haus der Europäischen Geschichte sollte sie die Macht des Papstes stärken [6]. Lorenzo Valla wies 1440 in einer Abhandlung nach, dass der Text viele Jahrhunderte später entstanden war. Er fand sprachliche Ungereimtheiten und Anachronismen, etwa das Wort "Satrap" und den Namen Konstantinopel, den die Stadt erst nach Konstantins Tod erhielt [6]. Zudem stützte kein anderes zeitgenössisches Dokument den Inhalt [6]. Vallas Schrift regte später Martin Luthers Angriffe auf den Papst an [6]. Heute datieren Fachleute die Fälschung nach dem Haus der Europäischen Geschichte auf die Zeit nach der Mitte des 8. oder den Anfang des 9. Jahrhunderts [6]. Mehr über den Kaiser steht im Beitrag über Konstantin den Großen.

Am 25. April 1983 stellte die Illustrierte "Stern" in Hamburg angebliche Tagebücher Adolf Hitlers vor, für die sie 9,3 Millionen Mark gezahlt hatte [7, 12]. Am 6. Mai 1983 gab das Bundesarchiv auf einer Pressekonferenz bekannt, dass die Tagebücher gefälscht waren [12]. Das Bundeskriminalamt sprach von einer "grotesk oberflächlichen Fälschung" [7]. Nach DAMALS stellte das BKA fest, dass das Papier nicht aus der NS-Zeit stammen konnte [8]. Der Fälscher Konrad Kujau erhielt im Juli 1985 vier Jahre und sechs Monate Haft, der Reporter Gerd Heidemann vier Jahre und acht Monate [12]. 2013 übergab der "Stern" die Bände dem Bundesarchiv in Koblenz [7].

In der Naturwissenschaft wurde der "Piltdown-Mensch" berühmt. Arbeiter fanden 1911 und 1912 in Piltdown in England Teile eines Schädels, einen Kiefer und einige Zähne und gaben sie dem Anwalt und Hobbygeologen Charles Dawson. Die Stücke galten als Fossilien [9]. Joseph Weiner, Kenneth Oakley und Wilfrid Le Gros Clark wiesen 1953 nach, dass der Kiefer von einem heutigen Menschenaffen stammte, wahrscheinlich einem Orang-Utan. Die Zähne waren abgeschliffen, Knochen eingefärbt [9]. Ein Fluortest von 1949 hatte noch ähnliche Werte für alle Stücke ergeben, sie aber viel jünger datiert als angenommen. Erst Oakleys verbesserter Test zeigte, dass Kiefer und Zähne nicht so alt waren wie der Schädel [9]. Eine Untersuchung mit der Radiokarbonmethode datierte die Schädeldecke 1959 auf ein Alter von 520 bis 720 Jahren [9]. Fälschungen gibt es bis heute, etwa als Stimmen und Videos, die mit KI erzeugt werden. Wie man sie erkennt, erklärt betrug.domain-root.de im Beitrag Betrug mit KI-Stimmen und Deepfakes.

Hilfswissenschaften

Um Quellen überhaupt lesen und einordnen zu können, nutzen Historiker die historischen Grund- oder Hilfswissenschaften. Die Universität Heidelberg nennt sie handwerkliche oder methodische Werkzeuge, mit denen sich historisches Quellenmaterial aufbereiten und erforschen lässt [10]. Das Institut in Bamberg betont, dass diese Fächer der Geschichtswissenschaft wichtige Quellengruppen erst zugänglich machen, etwa durch Editionen von Urkunden oder Kataloge von Siegeln, Münzen und Inschriften [11]. Die Heidelberger Übersicht ordnet den Fächern diese Gegenstände zu [10]:

Reihen alter roter und brauner Wachssiegel auf dunklem Samt in einer gläsernen Museumsvitrine
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FachGegenstand
PaläographieSchriftgeschichte
DiplomatikUrkundenlehre
KodikologieHandschriftenkunde
EpigraphikInschriftenkunde
ChronologieZeitrechnung
GenealogiePersonen- und Familienforschung
HeraldikWappenkunde
SphragistikSiegelkunde
NumismatikMünzkunde
Akten- und ArchivkundeAkten und Archive

Die Universität Heidelberg zählt außerdem Editionskunde, Historische Geographie und eine "Neue Medien-Kunde" dazu [10]. Wie die Ägyptologie mit Inschriften und Funden arbeitet, zeigt der Beitrag Ägyptologie. Einen schnellen Überblick über Daten und Epochen bietet die Zeitleiste der Weltgeschichte.

  1. Quellenrecherche: Ein Leitfaden mit ausgewählten Ressourcen (Merkblatt). Universität Rostock, Historisches Institut. Stand 10.10.2018. abgerufen am 29.10.2026
  2. Quellen und Darstellungen: Überblick (Studienmaterial). Universität Hildesheim, Institut für Geschichte. Stand 04.07.2017. abgerufen am 29.10.2026
  3. Johannes Löhr: Handreichung zur Quellenkritik und Quelleninterpretation. Universität Mannheim, Lehrstuhl für Zeitgeschichte. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Leopold von Ranke: Auszüge aus seinen Schriften (1824 bis 1881) (German History in Documents and Images). Deutsches Historisches Institut Washington. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  5. Mohammad Akram Nadwi: The Muqaddimah of Ibn Khaldun. Al-Salam Institute. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Lorenzo Valla: Abhandlung gegen die Konstantinische Schenkung, Druck Basel 1520 (Objekt C.2019.012.001). Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  7. Gefälschte Hitler-Tagebücher gehen ans Bundesarchiv. evangelisch.de. Stand 23.04.2013. abgerufen am 29.10.2026
  8. Hitler-Tagebücher als Fälschung entlarvt. DAMALS, Das Magazin für Geschichte. Stand 02.05.2003. abgerufen am 29.10.2026
  9. Piltdown Man Hoax Exposed (A Science Odyssey). PBS, WGBH. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  10. Historische Grundwissenschaften (Studienfach). Universität Heidelberg. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  11. Die Historischen Grundwissenschaften (Profil). Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
  12. Behörde Auftakt des Prozesses um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Bundesarchiv. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.