Ur- und FrühgeschichteRatgeber
Höhlenmalerei und die früheste Kunst der Menschheit
Die ältesten bekannten Höhlenbilder stammen aus Indonesien: Eine Szene mit Menschen und einem Wildschwein auf Sulawesi ist mindestens 51.200 Jahre alt. In Europa gehören die Bilder von Chauvet (vor rund 36.000 Jahren), Lascaux (vor rund 21.000 Jahren) und Altamira zu den bekanntesten Beispielen.

Die bekanntesten bemalten Höhlen liegen in Frankreich und Spanien. Die älteste bekannte Zeichnung stammt dagegen aus Südafrika, das älteste sicher datierte Höhlenbild aus Indonesien [5, 8].
Die älteste Zeichnung aus Südafrika
In der Blombos-Höhle an der Südküste Südafrikas, rund 300 Kilometer östlich von Kapstadt, fand ein Team um den Archäologen Christopher Henshilwood von der Universität Bergen ein kleines Stück Silcrete-Gestein. Darauf sind rote, sich kreuzende Linien zu sehen, gezogen mit einem Stift aus Ocker [8]. Die Zeichnung ist 73.000 Jahre alt. Die Ergebnisse erschienen in der Zeitschrift Nature [8].

Nach Angaben der Universität Bergen ist die Zeichnung mindestens 30.000 Jahre älter als die bis dahin bekannten Zeichnungen aus Afrika, Europa und Südostasien. Henshilwood folgert daraus, dass frühe Vertreter des Homo sapiens solche Fähigkeiten mindestens 30.000 Jahre früher hatten als angenommen [8].
Sulawesi: die ältesten Höhlenbilder
Die ältesten sicher datierten Höhlenbilder mit Figuren liegen auf der indonesischen Insel Sulawesi. In der Kalksteinhöhle Leang Karampuang in der Region Maros-Pangkep im Süden der Insel zeigt ein Bild drei menschenähnliche Figuren, die mit einem Wildschwein zu tun haben. Es entstand vor mindestens 51.200 Jahren [5]. Ein indonesisch-australisches Team veröffentlichte das Ergebnis im Juli 2024 in Nature [5].

Datiert wurde das Bild mit einer neuen Methode: Die Forschenden maßen mit einem Laser das Uran in dünnen Kalkschichten, die sich über der Farbe gebildet hatten. Die Kalkschicht ist jünger als das Bild, das Ergebnis ist also ein Mindestalter [5]. Mit derselben Methode wurde ein Bild in der Höhle Leang Bulu' Sipong 4 neu datiert. Es zeigt Figuren, die Warzenschweine und Zwergbüffel jagen, und ist mindestens etwa 48.000 Jahre alt statt der früher angenommenen 44.000 Jahre [5]. Die Forschenden schreiben, keine der berühmten europäischen Eiszeitbilder sei annähernd so alt, mit Ausnahme einiger umstrittener Funde in Spanien [5].
Chauvet: Pferde und Riesenhirsche in der Ardèche
Die Grotte Chauvet im Süden Frankreichs entdeckten Jean-Marie Chauvet, Éliette Brunel und Christian Hillaire am Sonntag, dem 18. Dezember 1994, bei einer privaten Höhlenerkundung [1]. Die Bilder entstanden nach Angaben des französischen Kulturministeriums vor 36.000 Jahren [1]. Zu den bekanntesten Teilen gehören die Wand mit den Pferden und eine Galerie mit Darstellungen von Riesenhirschen [1].
Besucher sehen die Bilder heute in der Nachbildung Grotte Chauvet 2 Ardèche [1].
Lascaux und seine Nachbildungen
Die Höhle von Lascaux in der Dordogne fanden vier Jugendliche am 12. September 1940 [2]. Ihre Bilder sind etwa 21.000 Jahre alt, also deutlich jünger als die von Chauvet [2]. Für Besucher gibt es die Nachbildungen Lascaux II und Lascaux III, seit 2016 auch Lascaux IV [2]. Zwischen den Bildern von Chauvet und Lascaux liegen rund 15.000 Jahre [1, 2].
Altamira und die Höhlen Nordspaniens
Die Höhle von Altamira in Kantabrien entdeckte nach Angaben des Museums von Altamira der Jäger Modesto Cubillas um 1868 [3]. Der Gelehrte Marcelino Sanz de Sautuola besuchte sie 1875 zum ersten Mal. 1879 kehrte er mit seiner Tochter María zurück, und sie sah als Erste die Figuren an der Decke [3]. Das Museum weist darauf hin, dass die wissenschaftliche Entdeckung Sautuola und seiner Schrift von 1880 zukommt. Darin ordnete er die Bilder der Altsteinzeit zu [3].
Seine Zeitgenossen blieben skeptisch [3]. Erst 1902 erschien ein Aufsatz des französischen Forschers Émile Cartailhac mit dem Untertitel "Mea culpa d'un sceptique", also "Mea culpa eines Skeptikers" (eigene Übersetzung) [3]. Die Figuren von Altamira sind nach Angaben des spanischen Kulturministeriums zwischen 35.000 und 13.000 Jahre alt. Einzelne Teile ordnet das Ministerium verschiedenen Abschnitten der Altsteinzeit zu: dem Aurignacien vor etwa 36.000 Jahren, dem Gravettien vor über 22.000 Jahren und dem Magdalénien vor etwa 15.000 bis 13.000 Jahren [4].
Die Maler kombinierten Zeichnungen mit Holzkohle, Gravuren und Malerei in rötlichem Ocker und Schwarz. Manche Figuren nutzen die Wölbungen, Risse und die Oberfläche des Felsens, um Körper plastisch wirken zu lassen [4]. Die große Decke im Saal der mehrfarbigen Bilder, das Gran Techo, fasst nach Angaben des Ministeriums viel von dem zusammen, was die Kunst der Altsteinzeit ausmacht [4]. Altamira steht seit 1985 auf der Welterbeliste der UNESCO. 2008 kamen 17 weitere Fundstellen mit Kunst der Altsteinzeit hinzu: fünf in Asturien, neun in Kantabrien, darunter vier Höhlen am Monte Castillo, und drei im Baskenland [4]. Die Felskunst dieser Region an der Nordküste Spaniens entstand nach Angaben des Ministeriums zwischen 35.000 und 11.000 Jahren vor heute [4].
Malten auch Neandertaler?
Ein Team um Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchte Handumrisse und geometrische Formen in drei spanischen Höhlen: La Pasiega in Kantabrien, Maltravieso und Ardales [10]. Wie auf Sulawesi datierten die Forschenden Kalkkrusten über der Farbe, hier mit der Uran-Thorium-Methode. Das Ergebnis war ein Mindestalter von 64.000 Jahren, rund 20.000 Jahre bevor Homo sapiens nach Europa kam [10]. Daraus schließt das Team, dass Neandertaler diese Zeichen anbrachten. Vorher galten die ältesten bekannten Höhlenbilder als etwa 40.000 Jahre alt. Sie stammten aus Indonesien und Europa und wurden dem Homo sapiens zugeschrieben [10]. Datiert wurden nur die Handumrisse und Linien, die Tierbilder in denselben Höhlen können jünger sein [10].
Eine zweite Studie beschreibt durchbohrte Muscheln und Farbstoffe aus einer vierten Höhle, die 115.000 Jahre alt sind. Die Autoren vermuten, dass schon der gemeinsame Vorfahr von Neandertalern und modernen Menschen, der vor mindestens 500.000 Jahren lebte, symbolisch denken konnte [10]. Der Anthropologe Jean-Jacques Hublin, der an den Studien nicht beteiligt war, warnt davor, die Neandertaler deshalb dem modernen Menschen gleichzusetzen [10]. Die Forschenden aus Sulawesi zählen die spanischen Funde zu den umstrittenen Datierungen [5].
Figuren und Flöten von der Schwäbischen Alb
Zur frühesten Kunst gehören auch kleine Figuren. Viele der ältesten stammen aus Höhlen im Ach- und im Lonetal auf der Schwäbischen Alb. Das Welterbekomitee der UNESCO nahm die "Höhlen und Eiszeitkunst im Schwäbischen Jura" am 9. Juli 2017 in Krakau in die Welterbeliste auf [6]. Die Objekte sind zwischen 32.000 und 43.000 Jahre alt [6]. Dazu gehören ein Mammut aus Elfenbein aus der Vogelherdhöhle, die Venus vom Hohle Fels, der Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel und acht Flöten [6].
Der Löwenmensch ist eine 31,1 Zentimeter hohe Figur aus Mammutelfenbein, geschnitzt aus dem rechten Stoßzahn eines Tieres. Das Museum Ulm datiert sie auf 40.000 bis 35.000 Jahre vor heute [7]. Otto Völzing fand die Bruchstücke am 25. August 1939 in der Stadel-Höhle. Wegen des Krieges wurde die Grabung abgebrochen und die Teile verpackt [7]. Ab 1969 setzten Mitarbeiter des Museums über 200 Elfenbeinstücke zusammen, 1987 und 1988 folgte die erste fachliche Restaurierung. 2012 und 2013 wurde die Figur im Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen mit neu gefundenen Stücken ergänzt, wodurch sich Kopf, Schnauze und Schulter veränderten [7].
Womit gemalt wurde
Für die Farben nutzten die Menschen Stoffe aus ihrer Umgebung. Mit einem Stift aus rotem Ocker entstand schon die Zeichnung von Blombos [8]. In Altamira kommen Holzkohle für schwarze Linien und rötlicher Ocker hinzu [4]. In Altamira sind manche Figuren zusätzlich in den Fels geritzt [4].

Was die frühe Kunst über die Menschen verrät
Kunst, Musik, Schmuck und Rituale gehören zu den Merkmalen, die das Smithsonian für den Homo sapiens nennt [9]. Zwischen der Zeichnung von Blombos und den jüngsten Bildern von Altamira liegen rund 60.000 Jahre [4, 8]. Die ältesten Belege kommen aus Afrika und Südostasien, die meisten bekannten bemalten Höhlen aus Frankreich und Spanien [1, 2, 4, 5, 8]. Die Funde aus Blombos, Sulawesi und von der Schwäbischen Alb zeigen, dass Menschen auf mehreren Kontinenten Bilder und Figuren schufen.
Was die Bilder bedeuteten, bleibt offen. Die Figuren in Leang Bulu' Sipong 4 deuten die Forschenden als Mischwesen aus Mensch und Tier, das Bild von Leang Karampuang als die älteste bekannte Bildgeschichte [5].
| Fundort | Land | Alter (vor heute) |
|---|---|---|
| Blombos-Höhle (Zeichnung) | Südafrika | 73.000 Jahre [8] |
| Leang Karampuang | Indonesien | mindestens 51.200 Jahre [5] |
| Leang Bulu' Sipong 4 | Indonesien | mindestens etwa 48.000 Jahre [5] |
| Löwenmensch, Hohlenstein-Stadel | Deutschland | 40.000 bis 35.000 Jahre [7] |
| Grotte Chauvet | Frankreich | 36.000 Jahre [1] |
| Altamira | Spanien | 35.000 bis 13.000 Jahre [4] |
| Lascaux | Frankreich | 21.000 Jahre [2] |
Wer die Menschen waren, die diese Werke schufen, und woher sie kamen, beschreibt der Artikel Die ersten Menschen. Ihr Alltag als Jäger und Sammler ist Thema von Die Steinzeit. Wie sich die Kunst nach der Eiszeit weiterentwickelte, zeigt Kunstgeschichte: die Epochen im Überblick, und die Bauten der ersten Bauern stellt Megalithkultur vor.
- Behörde Grotte Chauvet-Pont d'Arc. Ministère de la Culture (Frankreich). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Grotte de Lascaux. Ministère de la Culture (Frankreich). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde El descubrimiento de Altamira. Museo Nacional y Centro de Investigación de Altamira, Ministerio de Cultura (Spanien). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Cueva de Altamira y Arte Rupestre Paleolítico de la Cornisa Cantábrica. Ministerio de Cultura (Spanien), Patrimonio Mundial. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Cave painting in Indonesia is the oldest known picture story. Griffith University. Stand 04.07.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Staatsministerin Böhmer: Höhlen und Eiszeitkunst im schwäbischen Jura sind Welterbe. Auswärtiges Amt. Stand 09.07.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Löwenmensch (Inv. P 1939/2013). Museum Ulm, museum-digital:baden-württemberg. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation UiB archaeologists find the world's oldest drawing. Universität Bergen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homo sapiens. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Neandertaler schufen älteste Höhlenkunst. Forschung & Lehre, Deutscher Hochschulverband. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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