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Die Neolithische Revolution: wie die Menschen sesshaft wurden

Neolithische Revolution nennt man den Übergang vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau, Viehzucht und festen Dörfern. Im Fruchtbaren Halbmond im Vorderen Orient begann die Landwirtschaft vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren, unabhängig davon auch in China, Neuguinea und Amerika. Nach Mitteleuropa kamen die ersten Bauern vor etwa 7.500 Jahren.

Ein kleines Feld mit reifendem Weizen und Gerste auf einem Hügel im Abendlicht, daneben einfache Sicheln mit Feuersteinklingen
Bild: KI-generiert

Die längste Zeit ihrer Geschichte lebten Menschen vom Jagen, Fischen und Sammeln. Erst in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, begannen sie Pflanzen anzubauen, Tiere zu halten und in festen Dörfern zu wohnen. Weil dieser Wandel die Lebensweise grundlegend änderte, spricht man von der Neolithischen Revolution. Er verlief aber über Jahrtausende und an verschiedenen Orten der Welt unabhängig voneinander.

Der Fruchtbare Halbmond

Als älteste Region der Landwirtschaft gilt der Fruchtbare Halbmond im Vorderen Orient. Nach einer Pressemitteilung der Universität Mainz entstand die Landwirtschaft dort vor etwa 10.000 Jahren [6]. Die World History Encyclopedia gibt einen Zeitraum von 12.000 bis 8.000 Jahren vor heute an, in dem sie im Nahen Osten aufkam. Im 9. Jahrtausend v. Chr. waren Gemeinschaften dort zum sesshaften Ackerbau übergegangen [1].

Angebaut wurden Gerste, Emmer, Weizen, Erbsen, Linsen, Feigen und Datteln. Als Haustiere kamen Schafe, Ziegen, Schweine und möglicherweise Rinder dazu [1]. Hunde wurden vermutlich vor allem für die Jagd domestiziert [1]. Zur Zeit des Übergangs lebten auf der ganzen Welt nach Schätzungen vielleicht nur 4 bis 8 Millionen Menschen [1].

Landwirtschaft an vielen Orten der Welt

Der Vordere Orient war nicht der einzige Ort, an dem Menschen zu Bauern wurden. Auf anderen Kontinenten züchteten sie andere Pflanzen, oft zu ganz anderen Zeiten. Die World History Encyclopedia nennt mehrere Zentren, in denen Landwirtschaft unabhängig entstand [1]:

  • China: Reis im Tal des Jangtse, wo die ältesten Reste der Pflanze etwa 13.900 Jahre alt sind, und Hirse am Gelben Fluss, zusammen mit Hunden, Schweinen und Geflügel [1].
  • Neuguinea: Taro, Yams und Bananen. Am Kuk-Sumpf im Hochland gab es vor etwa 10.000 Jahren eine erste Phase mit Anbauaktivitäten, über deren Einstufung als Landwirtschaft die Fachleute streiten. Als frühester eindeutiger Beleg gilt eine Phase vor 6.950 bis 6.440 Jahren [11].
  • Mesoamerika: Mais, gezüchtet aus der Wildpflanze Teosinte in Oaxaca vor etwa 9.000 Jahren, Bohnen vor etwa 4.000 Jahren [1].
  • Anden: die Kartoffel im Süden Perus vor etwa 7.000 Jahren [1].
  • Amazonien: Maniok und Kürbis in Bolivien vor etwa 10.000 Jahren [1].
  • Afrika: In Nabta Playa in Ägypten gibt es vor 10.000 bis 8.000 Jahren Spuren von Vieh, im Niltal entwickelte sich der Ackerbau um 5000 v. Chr. Afrikanischer Reis wurde vor etwa 2.500 Jahren am Niger gezüchtet [1].
  • Osten Nordamerikas: Gänsefuß, Kürbis und Sonnenblume vor 5.100 bis 3.800 Jahren [1].

Manche Datierungen sind noch offen. Für Limabohnen und Gartenbohnen in den Anden, die vor etwa 6.000 Jahren angebaut worden sein könnten, hält die World History Encyclopedia weitere Prüfungen für nötig [1].

Göbekli Tepe: Steinkreise vor dem Ackerbau

Ein Fundort in Südostanatolien hat die Vorstellungen vom Ablauf der Neolithischen Revolution verändert. Auf dem Hügel Göbekli Tepe in der Provinz Şanlıurfa entdeckte ein Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts tonnenschwere Steinpfeiler, die in Kreisen aufgestellt und mit Tierfiguren verziert sind [2]. Die Funde sind mehr als 10.000 Jahre alt [2]. Das türkische Außenministerium nennt ein Alter von etwa 11.000 Jahren und bezeichnet Göbekli Tepe als das älteste bekannte Megalithbauwerk der Welt [3].

Große T-förmige Kalksteinpfeiler mit Tierreliefs im Kreis auf einem trockenen Hügel in Südostanatolien
Bild: KI-generiert

Geschaffen hat die Anlage nach Darstellung der Bundesregierung eine Gesellschaft von Jägern und Sammlern [2]. Bis dahin galten große Kultbauten als Werk von Bauerngesellschaften, und als Auslöser für Ackerbau und Viehzucht sah man vor allem Trockenheit. Die Funde zwingen die Forschung, diese Annahmen zu überdenken [2]. Seit 2011 stand die Anlage auf der türkischen Vorschlagsliste, 2018 nahm die UNESCO Göbekli Tepe auf ihrer 42. Sitzung in Manama in die Welterbeliste auf [3].

Çatalhöyük: Häuser Wand an Wand

Wie das Leben in einer frühen Bauernsiedlung aussah, zeigt Çatalhöyük in Zentralanatolien. Der Ostteil des Siedlungshügels besteht aus 18 Schichten aus der Zeit zwischen 7400 und 6200 v. Chr. Nachdem er um 6200 v. Chr. verlassen wurde, entstand daneben der Westhügel, der bis etwa 5200 v. Chr. bewohnt war [4]. Seit 2012 steht Çatalhöyük auf der Welterbeliste der UNESCO [4].

Nachgebaute Lehmziegelhäuser mit flachen Dächern dicht an dicht, aus den Dachöffnungen ragen Holzleitern
Bild: KI-generiert

Die rechteckigen Häuser standen dicht an dicht, Rücken an Rücken. Hinein ging man durch eine Öffnung im Dach [4]. Die Toten bestatteten die Bewohner unter den Fußböden ihrer Häuser, und neue Häuser entstanden über den alten [4]. Erhalten sind Wandmalereien, Reliefs, Figuren und Siegel aus Ton, deren Bedeutung vielleicht nie ganz geklärt wird [4]. Diese Wandbilder stammen aus dem Osthügel, im jüngeren Westhügel fehlen sie [4]. Weil die Häuser keine Rangordnung erkennen lassen, sehen die türkischen Museen in der Anlage der Siedlung ein Zeichen dafür, dass Gleichheit und Zusammenhalt das Zusammenleben prägten [4].

Die ersten Bauern in Europa

Lange stritten Fachleute darüber, ob sich die Landwirtschaft in Europa als Wissen verbreitete oder mit Menschen, die einwanderten. Genetische Untersuchungen sprechen für Einwanderung. Ein Team um den Mainzer Paläogenetiker Joachim Burger untersuchte das Erbgut früher Bauern aus Griechenland und der Türkei. Danach stammen die frühen Bauern in ganz Europa von Menschen aus der Ägäis ab [9]. Der Mitautor Mark Thomas vom University College London sagte, damit sei diese Debatte beendet [5].

Ein nachgebautes jungsteinzeitliches Langhaus aus Holz mit Strohdach am Rand einer Waldlichtung, davor Ziegen
Bild: KI-generiert

Nach einer Mitteilung der Universität Mainz erreichte die jungsteinzeitliche Lebensweise Südosteuropa etwa 2.000 Jahre nach ihrem Beginn im Fruchtbaren Halbmond [6]. Die frühesten Bauern aus dem Zagros-Gebirge im Iran waren nach einer Studie in Science keine Vorfahren der ersten Bauern Europas [10]. Deren Spur lässt sich bis in den Nordwesten Anatoliens zurückverfolgen [9, 6]. Die Landwirtschaft erreichte Europa vor etwa 8.500 Jahren von der heutigen Türkei aus, Mitteleuropa vor etwa 7.500 Jahren und Britannien vor etwa 6.100 Jahren [5]. Die Siedler aus Nordgriechenland und der Gegend am Marmarameer zogen auf zwei Wegen: über den Balkan nach Mitteleuropa und am Mittelmeer entlang bis zur Iberischen Halbinsel [9, 5]. Mit den Jägern und Sammlern, die schon in Europa lebten, vermischten sie sich anfangs nur wenig. Burger fasste das so zusammen: Sie tauschten Kultur und Wissen aus, aber selten Ehepartner (eigene Übersetzung) [5]. Eine frühere Studie desselben Teams ergab, dass beide Gruppen in Mitteleuropa etwa 2.000 Jahre lang nebeneinander lebten [6].

War der Wandel ein Fortschritt?

Lange galt der Übergang zur Landwirtschaft selbstverständlich als Fortschritt. Jared Diamond stellte das 1987 in einem Essay in der Zeitschrift Discover in Frage. Er nannte die Landwirtschaft dort den schlimmsten Fehler in der Geschichte der Menschheit (eigene Übersetzung) [7].

Diamond stützte sich auf Skelettfunde. In Griechenland und der Türkei waren Männer am Ende der Eiszeit im Durchschnitt etwa 1,75 Meter groß, Frauen etwa 1,65 Meter. Um 3000 v. Chr. lag der Durchschnitt bei etwa 1,60 Metern für Männer und 1,52 Metern für Frauen. Die heutigen Griechen und Türken haben nach Diamond die Körpergröße ihrer Vorfahren aus der Zeit vor dem Ackerbau noch nicht wieder erreicht [7]. Bei Dickson Mounds im Tal des Illinois, wo Forschende rund 800 Skelette ausgruben und wo um 1150 n. Chr. Jäger und Sammler zum intensiven Maisanbau übergingen, zeigten die Skelette der Bauern rund 50 Prozent mehr Zahnschmelzschäden durch Mangelernährung, viermal so viel Blutarmut durch Eisenmangel und dreimal so viele Knochenschäden durch Infektionen. Die Lebenserwartung bei der Geburt sank nach Schätzungen des Teams um George Armelagos von etwa 26 auf 19 Jahre [7].

Diamond verglich das auch mit heutigen Jägern und Sammlern. Eine Gruppe der San in der Kalahari brauchte nach seinen Angaben 12 bis 19 Stunden in der Woche, um Nahrung zu beschaffen, die Hadza in Tansania 14 Stunden oder weniger [7].

Was sich mit den Dörfern änderte

Mit den Dörfern rückten die Menschen enger zusammen. In Çatalhöyük lagen die Toten unter den Fußböden der Häuser, in denen die Lebenden wohnten, und neue Häuser entstanden über den alten [4]. In Mitteleuropa lebten Bauern sowie Jäger und Sammler etwa 2.000 Jahre nebeneinander [6]. Vor etwa 5.000 Jahren kamen Menschen aus der östlichen Steppe nach Mitteleuropa. Die meisten heutigen Europäer stammen nach der Mainzer Forschung von einer Mischung dieser drei Gruppen ab [5].

EreignisZeit
Älteste Reste von Reis im Jangtse-Talvor etwa 13.900 Jahren [1]
Steinkreise von Göbekli Tepevor mehr als 10.000 bis etwa 11.000 Jahren [2, 3]
Landwirtschaft im Fruchtbaren Halbmondvor etwa 10.000 Jahren [6]
Mais in Oaxacavor etwa 9.000 Jahren [1]
Landwirtschaft erreicht Europavor etwa 8.500 Jahren [5]
Çatalhöyük, Osthügel7400 bis 6200 v. Chr. [4]
Erste Bauern in Mitteleuropavor etwa 7.500 Jahren [5]
Kartoffel im Süden Perusvor etwa 7.000 Jahren [1]
Landwirtschaft erreicht Britannienvor etwa 6.100 Jahren [5]

Wie die Menschen vor der Sesshaftigkeit lebten, erklärt Die Steinzeit. Die großen Steinbauten der ersten Bauern stellt Megalithkultur vor. Wie aus Dörfern später Städte und Reiche wurden, zeigt Der Alte Orient, und wie sich der Alltag über die Jahrtausende wandelte, Alltag und Gesellschaft im Wandel der Zeit.

  1. Raffaele Testolin: First Agricultural Revolution. World History Encyclopedia. Stand 18.02.2025. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde Ältester Tempel gibt Rätsel auf. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Stand 15.12.2015. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde No: 176, Press Release Regarding the inscription of Göbekli Tepe to the UNESCO World Heritage List. Außenministerium der Republik Türkei. Stand 01.07.2018. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation UNESCO Sites of Türkiye: Çatalhöyük Neolithic Site. Turkish Museums. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Early farmers from across Europe were direct descendants of Aegeans (nach Pressemitteilung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz). ScienceDaily. Stand 06.06.2016. abgerufen am 29.10.2026
  6. Genomes from Zagros mountains reveal different Neolithic ancestry of Europeans and South Asians (Pressemitteilung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz). EurekAlert!. Stand 14.07.2016. abgerufen am 29.10.2026
  7. Jared Diamond: The Worst Mistake in the History of the Human Race. Discover Magazine. Stand Mai 1987. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation The body. Südtiroler Archäologiemuseum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Studie Early farmers from across Europe directly descended from Neolithic Aegeans. Hofmanová, Z. et al., Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Stand 2016. abgerufen am 29.10.2026
  10. Studie Early Neolithic genomes from the eastern Fertile Crescent. Broushaki, F. et al., Science (Repositorium White Rose, Universität Leeds). Stand 14.07.2016. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Ten Thousand Years of Cultivation at Kuk Swamp in the Highlands of Papua New Guinea, Kapitel 1. ANU Press. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.