Ur- und FrühgeschichteRatgeber
Die ersten Menschen: wie sich die Hominiden entwickelten
Die Linie des Menschen trennte sich vor 8 bis 6 Millionen Jahren von der gemeinsamen Linie mit den afrikanischen Menschenaffen. Auf frühe Arten wie Sahelanthropus und Australopithecus folgten die Gattung Homo mit Homo habilis und Homo erectus und schließlich Neandertaler und Homo sapiens, der vor rund 300.000 Jahren in Afrika entstand.

Der moderne Mensch ist das Ergebnis einer Entwicklung über mehrere Millionen Jahre, die in Afrika begann. Nach dem Smithsonian unterscheiden Fachleute heute etwa 15 bis 20 verschiedene Arten früher Menschen [11]. Sie lebten nicht in einer geraden Linie nacheinander, oft gab es mehrere Arten zur selben Zeit.
Hominiden und Homininen: was die Begriffe bedeuten
In älteren Büchern heißen die Vorfahren des Menschen Hominiden. Fachleute verwenden das Wort heute weiter: Zu den Hominiden zählen alle heutigen und ausgestorbenen Großen Menschenaffen, also Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans samt ihren direkten Vorfahren [12]. Für den Menschen, die ausgestorbenen Menschenarten und unsere unmittelbaren Vorfahren steht der engere Begriff Homininen. Dazu gehören die Gattungen Homo, Australopithecus, Paranthropus und Ardipithecus [12].
Der Wechsel kommt aus der biologischen Systematik. Früher stand der Mensch in einer eigenen Familie Hominidae, die Menschenaffen in anderen Familien. Nach der neueren Einteilung gehören alle Großen Menschenaffen einschließlich des Menschen zur Familie Hominidae, und der Mensch mit seinen ausgestorbenen Vorfahren bildet darin die Gruppe Hominini [12]. Viele Texte nutzen das Wort Hominiden noch in der alten Bedeutung [12].
Die Trennung von den Menschenaffen
Menschen und afrikanische Menschenaffen haben einen gemeinsamen Vorfahren, der vor 8 bis 6 Millionen Jahren lebte [11]. Zu den ältesten Funden, die Fachleute der Linie des Menschen zuordnen, gehört Sahelanthropus tchadensis. Ein Team um den französischen Paläontologen Michel Brunet fand die Fossilien 2001 im Tschad. Sie sind zwischen 7 und 6 Millionen Jahre alt [1]. Bekannt sind neun Schädelfunde, Knochen vom übrigen Körper fehlen [1].
Der Schädel zeigt Merkmale beider Seiten. Das Gehirn war klein, sogar etwas kleiner als das eines Schimpansen, das Gesicht flach abfallend mit kräftigen Überaugenwülsten. Die Eckzähne waren aber klein, und das Hinterhauptsloch, durch das das Rückenmark aus dem Schädel tritt, liegt weiter vorn an der Unterseite. Diese Lage spricht dafür, dass der Kopf auf einem aufrechten Körper saß [1].
Australopithecus und Lucy
Gut bekannt ist Australopithecus afarensis. Die Art lebte vor etwa 3,85 bis 2,95 Millionen Jahren in Ostafrika, Funde stammen aus Äthiopien, Kenia und Tansania [2]. Diese Homininen gingen regelmäßig aufrecht auf zwei Beinen, konnten aber auch noch klettern. Ihr Gehirn hatte meist weniger als 500 Kubikzentimeter, etwa ein Drittel eines heutigen menschlichen Gehirns. Erwachsene Frauen waren im Schnitt rund 105 Zentimeter groß [2].

Das berühmteste Fossil dieser Art ist Lucy. Donald Johanson und Tom Gray entdeckten es am 24. November 1974 in Hadar in Äthiopien [3]. In den folgenden zwei Wochen sammelte das Team mehrere hundert Knochenstücke. 47 davon ergaben ein kleines Skelett, rund 40 Prozent eines einzelnen Individuums [3]. Lucy war eine junge, ausgewachsene Frau und lebte vor knapp 3,18 Millionen Jahren [3]. Ihren Namen bekam sie noch am Abend der Entdeckung bei einer Feier, bei der immer wieder das Beatles-Lied "Lucy in the Sky with Diamonds" lief. Wer den Namen vorschlug, weiß nach Angaben des Institute of Human Origins niemand mehr [3]. Das Original liegt heute im Nationalmuseum von Äthiopien in Addis Abeba [3].
Wie diese Art ging, zeigen die Fußspuren von Laetoli in Tansania. Sie sind etwa 3,6 Millionen Jahre alt und wurden 1978 entdeckt. Die Spur besteht aus rund 70 Abdrücken in vulkanischer Asche auf fast 27 Metern Länge. Nach Einschätzung des Smithsonian stammen sie höchstwahrscheinlich von Australopithecus afarensis [4].
Homo habilis und die ersten Steinwerkzeuge
Homo habilis wird zur Gattung Homo gezählt. Die Art lebte vor etwa 2,4 bis 1,4 Millionen Jahren in Ost- und Südafrika [5]. Ein Team um Louis und Mary Leakey barg die ersten Fossilien zwischen 1960 und 1963 in der Olduvai-Schlucht in Tansania. 1964 bekam die Art ihren Namen, "geschickter Mensch", weil man sie für den ersten Hersteller von Steinwerkzeugen hielt [5].

Die ältesten Steinwerkzeuge sind etwa 2,6 Millionen Jahre alt und damit etwas älter als die ältesten Belege für die Gattung Homo [5]. Viele Forschende halten frühe Vertreter von Homo für die Hersteller. Das Smithsonian weist aber darauf hin, dass sich diese Annahme schwer prüfen lässt, weil in denselben Gegenden zur selben Zeit mehrere Menschenarten lebten [5].
Homo erectus verlässt Afrika
Homo erectus lebte vor etwa 1,89 Millionen bis 110.000 Jahren [6]. Fachleute halten die Art im Allgemeinen für die erste, die sich über Afrika hinaus ausbreitete [6]. Funde gibt es aus dem Norden, Osten und Süden Afrikas, aus Dmanisi in Georgien sowie aus China und Indonesien [6]. Frühe Menschen zogen wahrscheinlich vor 2 bis 1,8 Millionen Jahren von Afrika nach Asien und erreichten Europa vor 1,5 bis 1 Million Jahren [11].
Die Körperproportionen glichen schon denen heutiger Menschen: relativ lange Beine und kürzere Arme, gut geeignet für lange Strecken zu Fuß [6]. Das vollständigste Fossil dieser Art ist der sogenannte Turkana-Junge, etwa 1,6 Millionen Jahre alt [6]. Um 1,76 Millionen Jahre tauchen große Faustkeile auf, das Acheuléen, nach dem Smithsonian die erste große Neuerung in der Steinbearbeitung. In die Zeit von Homo erectus fallen auch die ältesten Feuerstellen [6]. Bekannt wurde die Art durch Funde in Asien: Auf Java fand man ab den 1890er-Jahren Fossilien, 1891 ein Schädeldach, und in China begannen in den 1920er-Jahren die Funde des sogenannten Peking-Menschen [6].
Die Neandertaler
Die Neandertaler lebten vor etwa 400.000 bis 40.000 Jahren in Europa und in Teilen Südwest- und Zentralasiens [7]. Das Fossil Neanderthal 1, nach dem die Art benannt ist, wurde 1856 im Neandertal in Deutschland gefunden [7]. Ihre kurzen, kräftigen Körper hielten die Wärme gut und waren an die Kälte der Eiszeiten angepasst. Ihr Gehirn war so groß wie unseres oder größer [7].

Die Neandertaler stellten fein bearbeitete Abschläge von vorbereiteten Steinkernen her, das Moustérien, und jagten große Tiere mit Stoßlanzen. Sie bestatteten ihre Toten, gaben ihnen manchmal Beigaben mit und fertigten gelegentlich symbolische oder schmückende Gegenstände [7].
Homo sapiens entsteht in Afrika
Unsere eigene Art, Homo sapiens, entstand in Afrika vor rund 300.000 Jahren, in einer Zeit starker Klimaveränderungen [8]. Wichtige Belege dafür kommen aus Jebel Irhoud in Marokko. Die Funde sind nach Datierung der Fossilien und der umgebenden Schichten über 300.000 Jahre alt. Die bis dahin ältesten vergleichbaren Fossilien aus Äthiopien waren etwa 160.000 bis 200.000 Jahre alt [9]. Die Ergebnisse erschienen im Juni 2017 in zwei Aufsätzen in der Zeitschrift Nature [9].
Das Gehirn des heutigen Menschen hat im Durchschnitt etwa 1.300 Kubikzentimeter [8]. Schon vor 164.000 Jahren sammelten und kochten Menschen Muscheln, vor 90.000 Jahren hatten sie Werkzeuge zum Fischen [8]. Sie schufen Kunst, Musik, Schmuck und Rituale [8]. Von Afrika aus erreichten moderne Menschen Australien innerhalb der letzten 60.000 Jahre und Amerika innerhalb der letzten rund 30.000 Jahre [11]. Die ältesten Bilder dieser Menschen beschreibt der Artikel über Höhlenmalerei und die früheste Kunst.
Was die Genetik verrät
Viele Fragen lassen sich heute mit altem Erbgut beantworten. Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, erhielt für seine Arbeiten in der Paläogenetik 2022 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin [10]. Sein Team legte 2010 einen ersten Entwurf des Neandertaler-Genoms vor, 2014 war es nahezu vollständig [10].
Der Vergleich zeigte, dass sich Neandertaler und moderne Menschen vor etwa 50.000 Jahren vermischten. Rund 2 Prozent des Erbguts heutiger Menschen außerhalb Afrikas stammen von Neandertalern [10]. Diese Gene stärkten das Immunsystem, tragen aber auch zur Anfälligkeit für einige Krankheiten bei [10]. 2012 entschlüsselte das Team das Genom aus einem kleinen Knochen aus der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge in Sibirien. Die Denisova-Menschen waren mit den Neandertalern verwandt. Bis zu 5 Prozent ihres Erbguts tragen heute Menschen in Papua-Neuguinea, indigene Gruppen Australiens und andere Gruppen in Ozeanien [10].
Die wichtigsten Arten im Überblick
| Art | Zeitraum (vor heute) | Verbreitung |
|---|---|---|
| Sahelanthropus tchadensis | 7 bis 6 Millionen Jahre | Tschad [1] |
| Australopithecus afarensis | 3,85 bis 2,95 Millionen Jahre | Äthiopien, Kenia, Tansania [2] |
| Homo habilis | 2,4 bis 1,4 Millionen Jahre | Ost- und Südafrika [5] |
| Homo erectus | 1,89 Millionen bis 110.000 Jahre | Afrika, Westasien, China, Indonesien [6] |
| Homo neanderthalensis | 400.000 bis 40.000 Jahre | Europa, Südwest- und Zentralasien [7] |
| Homo sapiens | seit rund 300.000 Jahren | zuerst Afrika, heute weltweit [8] |
Die Zeitangaben stammen aus Fossilfunden und verschieben sich mit neuen Funden. Für Homo habilis nennt das Smithsonian an anderer Stelle auch 2,4 bis 1,65 Millionen Jahre, für das Ende von Homo erectus auch etwa 143.000 Jahre [5, 6]. Wie die Menschen der Altsteinzeit lebten und arbeiteten, beschreibt der Artikel Die Steinzeit, den Übergang zu Ackerbau und Dörfern Die Neolithische Revolution. Einen Überblick über den Kontinent, auf dem alles begann, gibt Die Geschichte Afrikas, alle Epochen vor der Schrift fasst Ur- und Frühgeschichte zusammen.
- Organisation Sahelanthropus tchadensis. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Australopithecus afarensis. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Lucy's Story. Institute of Human Origins, Arizona State University. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Laetoli Footprint Trails. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homo habilis. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homo erectus. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homo neanderthalensis. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homo sapiens. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Anthropologist helps push back evolutionary history. University of Kent. Stand 07.06.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Nobelpreis 2022 für Svante Pääbo. Max-Planck-Gesellschaft. Stand 03.10.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Introduction to Human Evolution. Smithsonian National Museum of Natural History, Human Origins Program. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Beth Blaxland: Hominid and hominin, what's the difference?. Australian Museum. Stand 02.10.2020. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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