Das 20. JahrhundertRatgeber
Die Russische Revolution 1905 bis 1917: vom Blutsonntag zum Oktober
Die Russische Revolution begann mit dem Petersburger Blutsonntag am 22. Januar 1905 und erreichte 1917 ihren Höhepunkt. Im März 1917 stürzte die Februarrevolution den Zaren Nikolaus II., im November 1917 übernahmen die Bolschewiki unter Lenin die Macht. Dazwischen lagen ein Scheinparlament, der Erste Weltkrieg und acht Monate Doppelherrschaft.

Zwischen 1905 und 1917 verlor die Zarenherrschaft in Russland Schritt für Schritt ihren Halt. Die erste Revolution von 1905 erzwang Grundrechte und ein Parlament, die Duma, ohne den Zaren zu stürzen. Zwölf Jahre später, mitten im Ersten Weltkrieg, dankte Nikolaus II. ab, und im November 1917 übernahmen die Bolschewiki die Macht [1, 3]. Arbeiter- und Soldatenräte, Sowjets genannt, gab es nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung schon seit der gescheiterten Revolution von 1905 [3]. Sie spielten 1917 eine entscheidende Rolle.
Das Zarenreich um 1900
Russland war um die Jahrhundertwende eine Autokratie. Der Zar regierte ohne Verfassung und ohne gewähltes Parlament. Alexander II. schaffte 1861 die Leibeigenschaft ab. In den 1890er-Jahren beschleunigte sich die Industrialisierung, und die Städte wuchsen rasch: Moskau hatte 1867 etwa 350.000 Einwohner, 1914 waren es 1,7 Millionen [6]. Wie es dazu kam, beschreibt der Artikel über Russland im 19. Jahrhundert.
Zu den Kräften, die die Revolutionen trugen, gehörten die Sozialdemokraten, die sich 1903 in Bolschewiki unter Lenin und Menschewiki spalteten [7], und die liberalen Kadetten, die eine Begrenzung der Macht des Zaren forderten [10]. Der Russisch-Japanische Krieg begann Anfang Februar 1904, die Quellen nennen den 8. oder den 9. Februar, mit einem Angriff japanischer Torpedoboote auf die russische Flotte vor Port Arthur [2, 8].
Der Blutsonntag 1905
Am 22. Januar 1905 zogen in Sankt Petersburg Zehntausende Arbeiter mit ihren Familien zum Winterpalais. Sie wollten dem Zaren eine Bittschrift über ihre Not und ihre politische Lage übergeben. Die Truppen eröffneten das Feuer auf die friedliche Menge [1]. Die Zahlen gehen auseinander: Die Jahreschronik des Deutschen Historischen Museums nennt rund 140.000 Demonstranten, etwa 1.000 Tote und über 2.000 Verletzte [1]. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg spricht dagegen von über 100 Toten [10]. Der Tag ging als Petersburger Blutsonntag in die Geschichte ein und löste Unruhen aus, die bis 1907 anhielten [1].
Streiks, Meuterei und Generalstreik
Nach dem Blutsonntag breiteten sich die Unruhen im Reich aus [1]. Am 27. Juni 1905 meuterte die Besatzung des Panzerkreuzers "Potemkin" und landete in Odessa. Das verschärfte die Unruhen am Schwarzen Meer [1]. Gleichzeitig verlor Russland den Krieg gegen Japan. Im Frieden von Portsmouth vom 5. September 1905 musste es den südlichen Teil Sachalins und Port Arthur abgeben und Korea als japanisches Interessengebiet anerkennen [1].

Am 24. Oktober mündete die Krise in einen politischen Generalstreik, der den Sturz der Zarenherrschaft und eine demokratische Republik forderte [1]. 1905 entstanden die ersten Sowjets, Räte von Arbeitervertretern und Soldaten [3]. Nach einem Aufruf des Sowjets der Arbeiterdeputierten begann am 20. Dezember in Moskau erneut ein Generalstreik. Am 23. Dezember ging er in einen bewaffneten Aufstand über, den die Truppen innerhalb einer Woche niederschlugen [1, 10].
Oktobermanifest und Duma
Unter dem Druck des Generalstreiks gab Nikolaus II. am 30. Oktober 1905 das Oktobermanifest heraus. Er versprach bürgerliche Grundrechte und die Wahl einer gesetzgebenden Versammlung, der Duma. Die Liberalen waren damit zufrieden, die revolutionären Sozialisten verlangten weiter das Ende der Monarchie [1]. Die Liberalen sammelten sich in der Partei der Kadetten [10].
Die Zusagen hielten nicht lange. Vor dem ersten Zusammentreten der Duma am 10. Mai 1906 [9] erließ der Zar ein Staatsgrundgesetz (die Biografie in Quelle 2 nennt den 25. April, die Jahreschronik des Deutschen Historischen Museums den 6. Mai [9]): Militär- und Hofausgaben blieben der Kontrolle des Parlaments entzogen [2]. Das Wahlrecht war nach Klassen gestaffelt. Eine Stimme eines Gutsbesitzers wog so viel wie die von 3,5 Städtern, 15 Bauern oder 45 Arbeitern [4]. Der Zar löste die Duma am 21. Juli 1906 [9] und im Juni 1907 [2] wieder auf. Am 3. Juni 1907 änderte er zusätzlich das Wahlrecht zugunsten der besitzenden Schichten [2, 4]. Gleichzeitig verübten Sozialrevolutionäre bis 1907 Anschläge mit rund 9.000 Opfern, 1911 wurde Ministerpräsident Pjotr Stolypin ermordet [4].
Russland im Ersten Weltkrieg
Am 30. Juli 1914 befahl Nikolaus II. die Gesamtmobilmachung, am 1. August erklärte Deutschland Russland den Krieg [2, 4]. Was in diesen Tagen in ganz Europa geschah, erzählt der Artikel über den Ersten Weltkrieg. Bis Anfang 1917 verlor Russland über 1,7 Millionen Soldaten, fast 5 Millionen wurden verwundet [3]. Schon 1914 ließ die Armee 500.000 bis 1 Million Menschen aus dem Frontgebiet deportieren. Nach dem Rückzug im Mai 1915 waren 3,3 Millionen Flüchtlinge auf sich gestellt [4].
Am 5. September 1915 übernahm der Zar selbst den Oberbefehl über die Armee [2]. Die Duma-Abgeordneten wandten sich ab 1915 zunehmend gegen die Kriegführung [3]. In den Städten fehlten Lebensmittel, die Preise stiegen durch die Inflation um rund 400 Prozent [3]. Im Dezember 1916 wurde Grigori Rasputin ermordet [4].
Die Februarrevolution 1917
Am Internationalen Frauentag 1917 begannen in der Hauptstadt Petrograd Streiks und Proteste. Arbeiterinnen der Putilow-Werke und Soldatenmütter gingen voran, die Menge wuchs auf etwa 200.000 Menschen [3, 4]. Innerhalb einer Woche brach die Zarenherrschaft zusammen [3]:

| Datum (gregorianisch) | Ereignis |
|---|---|
| 08.03.1917 | Streiks und Demonstrationen in Petrograd, zugleich Frauentag |
| 09.03.1917 | Ein Garderegiment schießt auf Demonstrierende, danach wechseln ganze Regimenter die Seite |
| 11.03.1917 | Der Zar befiehlt die Auflösung der Duma, die sich widersetzt |
| 12.03.1917 | Die Petrograder Garnison schließt sich an, Duma und Petrograder Sowjet übernehmen gemeinsam die Macht |
| 14.03.1917 | Der Sowjet befiehlt den Soldaten, nur noch seinen Anordnungen zu folgen |
| 15.03.1917 | Nikolaus II. dankt zugunsten seines Bruders Michail ab, der die Krone einen Tag später ablehnt |
Für die Abdankung nennen die Quellen zwei Daten: den 15. März [2, 3] und den 16. März [4]. Damit endete eine Zarenherrschaft von rund 370 Jahren, 300 davon unter den Romanows [3]. Nikolaus II. wurde am 21. März 1917 inhaftiert und mit seiner Familie nach Sibirien verbannt. Bolschewiki ermordeten die Familie in der Nacht zum 17. Juli 1918 in Jekaterinburg [2, 4].
Die Doppelherrschaft
Aus Duma und Sowjet ging eine Provisorische Regierung unter Fürst Georgi Lwow hervor [3, 5]. Die Regierung stützte sich auf die Duma, der Sowjet auf die Straße [4]. Ihr Programm vom 14. März ließ vier Fragen offen: die künftige Staatsform, die Verteilung des Landes, den Frieden und die Selbstbestimmung der Völker [4]. Lwow führte den Krieg gegen Deutschland weiter und gab den Bauern kein Land [5]. Zwischen März und Oktober wurde die Regierung viermal neu gebildet, ab Mai mit Menschewiki und Sozialrevolutionären [3].

Am 16. April 1917 kehrte Wladimir Iljitsch Lenin aus dem Schweizer Exil zurück. In seinen Aprilthesen forderte er "Alle Macht den Sowjets" [4]. Am 22. April griff er in der "Prawda" das Nebeneinander von Regierung und Räten unter dem Titel "Über Doppelherrschaft" an [5]. Noch war seine Partei klein: Auf dem ersten Allrussischen Sowjetkongress im Juni stellten die Bolschewiki nur etwa 10 Prozent der Delegierten [3]. Mehr über ihn steht im Lebensbild Lenin.
Vom Juliaufstand zum Kornilow-Putsch
Am 16. Juli weigerte sich ein Maschinengewehrregiment, an die Front zu gehen. Daraus wurde ein Aufstand, dem sich rund 500.000 Arbeiter und 10.000 Matrosen aus Kronstadt anschlossen [5]. Er scheiterte nach vier Tagen. 800 Bolschewiki wurden verhaftet, gegen Lenin erging Haftbefehl mit dem Vorwurf, er arbeite für die deutsche Regierung. Er floh nach Finnland [4, 5]. Am 21. Juli wurde Alexander Kerenski Ministerpräsident [4, 5].
Im September putschte Oberbefehlshaber Lawr Kornilow gegen die Regierung. Kerenski schlug den Putsch am 14. September nieder, gewann dadurch aber keinen neuen Rückhalt [4]. Im Herbst errangen die Bolschewiki die Mehrheit in den Sowjets von Petrograd und Moskau. Ihr Programm "Brot, Land und Frieden" fand breite Unterstützung [3].
Der Weg in den Oktober
Am 23. Oktober beschloss das Zentralkomitee der Bolschewiki den bewaffneten Aufstand, Lew Kamenew und Grigori Sinowjew stimmten dagegen [4, 5]. Lew Trotzki organisierte den Umsturz über das Militärische Revolutionskomitee. Am 7. November 1917, nach russischem Kalender am 25. Oktober, besetzten bewaffnete Bolschewiki Brücken und Bahnhöfe und stürmten den Winterpalast. Kerenski floh [4, 5]. Der Historiker Manfred Hildermeier schreibt, der Umsturz sei "militärisch schon vollzogen, bevor er politisch überhaupt begonnen hatte" [5].
Am 8. November beschloss der Zweite Allrussische Sowjetkongress die Dekrete über den Frieden und über Grund und Boden, Lenin wurde Vorsitzender des Rates der Volkskommissare [5]. Bei der Wahl zur Konstituierenden Versammlung im Dezember erhielten die Bolschewiki nur 23,8 Prozent, die Sozialrevolutionäre über 40 Prozent. Als die Versammlung im Januar 1918 die Macht nicht abgab, lösten die Bolschewiki sie mit Waffengewalt auf [4]. Wie es weiterging, vom Frieden von Brest-Litowsk bis zum Bürgerkrieg, beschreibt der Artikel über die Oktoberrevolution.
Was 1905 und 1917 verbindet
Viele Einrichtungen von 1917 stammen aus der ersten Revolution. Die Sowjets und die Duma entstanden 1905 [3]. Die Spaltung der Sozialdemokraten in Bolschewiki und Menschewiki lag 1905 schon zwei Jahre zurück [7]. Die Duma hatte sehr begrenzte Rechte, Max Weber nannte das einen "Scheinkonstitutionalismus" [6]. Auch die Bilanz der Gewalt reicht über 1917 hinaus. Der Bürgerkrieg dauerte bis 1922, Pogrome kosteten etwa 200.000 Jüdinnen und Juden das Leben, und in der Hungersnot 1921/22 starben schätzungsweise fünf Millionen Menschen [4]. Die lange Linie der russischen Geschichte bis heute zeigt der Überblick Die Geschichte Russlands.
- Organisation Dorlis Blume, Andreas Michaelis: Jahreschronik 1905 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 07.11.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Gabriel Eikenberg: Nikolaus II. (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Vor 100 Jahren: Februarrevolution stürzt russischen Zaren. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 08.03.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Susanne Schattenberg, Maike Lehmann, Alexandra Oberländer: Der Sieg der Bolschewiki (Informationen zur politischen Bildung). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 05.08.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Ernst Piper: Russische Revolution (Informationen zur politischen Bildung aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 24.08.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Gesellschaftliche Spannungen und Sturz des Zaren (1850 bis 1917), Dossier Russland. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Wladimir I. Lenin 1870 bis 1924 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Jahreschronik 1904 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Jahreschronik 1906 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Mathias von Hofen: Zarenreich und Februarrevolution 1904 bis 1916. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Stand 08.2024. abgerufen am 29.10.2026
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