Themen quer durch die GeschichteRatgeber
Lingua franca: Verkehrssprachen von Akkadisch bis Englisch
Eine Lingua franca ist eine gemeinsame Verkehrssprache, mit der sich Menschen mit verschiedenen Muttersprachen verständigen. Ursprünglich hieß so eine romanische Handelssprache im östlichen Mittelmeer. In der Geschichte erfüllten unter anderem Akkadisch, Aramäisch, Griechisch, Latein, Arabisch und Französisch diese Rolle, heute vor allem Englisch.

Der Duden nennt zwei Bedeutungen für "Lingua franca". Die erste ist eine romanische, vorwiegend auf dem Italienischen beruhende Sprache mit arabischen Elementen, die im Mittelalter im östlichen Mittelmeer für Handel und Seefahrt diente. Die zweite ist allgemein eine Verkehrssprache für ein größeres Gebiet, in dem mehrere Sprachen gesprochen werden [1]. Der Ausdruck stammt aus dem Italienischen und bedeutet wörtlich "fränkische Sprache", zusammengesetzt aus lateinisch lingua (Sprache) und mittellateinisch Francus (Franke) [1]. Im heutigen Sprachgebrauch ist damit eine Sprache gemeint, mit der sich zwei Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache verständigen [10].
Akkadisch: Sprache der Diplomatie im Alten Orient
Akkadisch war eine in Mesopotamien weit verbreitete Sprache und wurde im 2. Jahrtausend v. Chr. nach José Lull zur Lingua franca der ganzen Region, vergleichbar mit Englisch in den heutigen internationalen Beziehungen [2]. Geschrieben wurde es in Keilschrift, die über drei Jahrtausende das vorherrschende Schriftsystem Vorderasiens war und um die Zeitenwende von der aramäischen und der griechischen Schrift verdrängt wurde [13]. Wie diese Schrift entstand, erklärt der Artikel zur Erfindung der Schrift.

Die Amarna-Briefe
1887 fand man die ersten dieser Tontafeln in Tell el-Amarna, dem Ort der ägyptischen Hauptstadt Achet-Aton [3]. Bekannt sind 382 Tafeln aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., aus der Zeit von Amenophis III., Echnaton und vielleicht ihrer Nachfolger [3]. Die Pharaonen schrieben darin mit den Großmächten Babylon, Hatti, Mitanni und Assyrien, außerdem mit kleineren Herrschern in Kanaan wie Byblos und Damaskus und mit den unabhängigen Königreichen Arzawa und Alaschija [3]. J. A. Knudtzon nummerierte 1907 davon 358 Tafeln mit dem Kürzel "EA" [3]. Mehrere Briefe kamen vom Hof von Alaschija, das sicher auf Zypern lag, und handeln vom Tausch von Kupfer, Silber und Elfenbein [18]. Die Briefe sind auf Akkadisch verfasst, obwohl sie an den Hof der Pharaonen gingen oder von dort kamen. José Lull nennt sie die ältesten bisher gefundenen Dokumente der Diplomatie [2]. Auch ein Brief des Königs Abdi-Hepa von Jerusalem, heute im Berliner Pergamonmuseum, ist akkadisch geschrieben und wird auf etwa 1353 bis 1336 v. Chr. datiert [4]. Mehr über das Reich von Akkad steht im Artikel über Akkad.
Aramäisch im Perserreich
Im Perserreich der Achämeniden (539 bis 331 v. Chr.) war Aramäisch die Sprache der Verwaltung [5]. Margaretha Folmer beschreibt, wie es sich im Reich ausbreitete und welche Merkmale dieses "Reichsaramäisch" hatte. Besonders gleichförmig geschrieben sind die amtlichen Briefe des Arsames, eines persischen Statthalters in Ägypten im späten 5. Jahrhundert v. Chr. [5]. Bis zur Arabisierung durch den Islam blieb Aramäisch die Lingua franca des Vorderen Orients, wie Forscher der Ruhr-Universität Bochum schreiben [6]. Die Geschichte des Reiches erklärt der Artikel zum Perserreich.
Griechisch und Latein
Nach den Feldzügen Alexanders des Großen verbreitete sich Griechisch im östlichen Mittelmeerraum. Die gemeinsame Form hieß Koine, "der allgemeine Dialekt", und beruhte vor allem auf dem Attischen, dem Griechisch Athens [7]. In Alexanders Heer aus Makedonen und Griechen mischten sich die Mundarten. Die hellenistischen Königreiche machten Griechisch zur gemeinsamen Sprache auf dem Balkan, in Kleinasien, Syrien, Palästina und im Ägypten der Ptolemäer, bis in die indo-griechischen Reiche Nordindiens diente es als Verwaltungssprache [7]. Das Neue Testament ist in Koine geschrieben, ebenso die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments. Aus der Koine entwickelten sich das mittelalterliche und das heutige Griechisch [7]. Wie die Bibel entstand, erklärt bibel.domain-root.de unter Wie die Bibel entstanden ist.
Latein nach dem Römischen Reich
Im Westen breitete sich Latein aus, während Griechisch im Osten seine Bedeutung behielt [7]. Um 630 wurde Griechisch die einzige Amtssprache des Byzantinischen Reiches [7]. Latein überlebte das Ende des weströmischen Reiches. Der Lehrstuhl für Mittellatein der Universität Erlangen-Nürnberg nennt es für das folgende Jahrtausend "das wichtigste Kommunikationsmedium der Literatur und der Wissenschaft im Abendland". Es behauptete sich bis in die Neuzeit hinein [8].
Arabisch: Sprache von Religion und Wissenschaft
Nach den arabischen Eroberungen errichteten die Muslime eine städtische Kultur auf den alten Kulturen Westasiens und des Mittelmeerraums [6]. 761 gründete der Abbasidenkalif al-Mansur die neue Hauptstadt Bagdad [6]. Arabisch war nach den Bochumer Arabisten die Sprache der islamischen Offenbarung und die Herrschaftssprache des Reiches und blieb die Sprache von Religion, Recht, Literatur und Wissenschaften [6]. Durch seine Rolle in der Verwaltung und durch zunehmende Übertritte zum Islam wurde es die Sprache aller, die mitreden wollten [6]. Je mehr die Kenntnis der alten Volkssprachen zurückging, also des Aramäischen, des Persischen im Iran und des Koptischen in Ägypten, desto dringender wurden Übersetzungen [6]. Im 8. Jahrhundert übertrugen Gelehrte zunächst auch Werke aus dem Mittelpersischen ins Arabische, etwa Tafelwerke sassanidischer Hofastrologen [6].

Vom 8. bis zum 10. Jahrhundert übersetzten Gelehrte die Werke der griechischen Mathematik, Astronomie, Medizin, Mechanik, Logik und Philosophie aus dem Griechischen und Syrisch-Aramäischen ins Arabische, darunter Schriften von Aristoteles, Euklid, Ptolemäus und Galen. Die Übersetzer schufen dabei die Sprache der arabischen Wissenschaften [6]. Aramäischsprachige Christen waren nach dem Bochumer Beitrag die wichtigsten Träger der angewandten Wissenschaften aus Medizin und Mathematik. Christliche Ärzte aus Gondeschapur im Süden Persiens wurden an das erste Krankenhaus Bagdads berufen. Bald standen sie im Wettstreit mit christlichen Gelehrten aus Mesopotamien, Syrien, Palästina und Ägypten [6]. Wie sich das Reich ausdehnte, beschreibt der Artikel zur islamischen Expansion.
Die mittelalterliche Lingua franca im Mittelmeer
Die Sprache, die dem Begriff ihren Namen gab, war eine Kontaktsprache des Mittelmeerraums, die auch Sabir genannt wird. Sie war vom 11. bis zum 19. Jahrhundert in Gebrauch und ist heute ausgestorben [14]. Ihre ersten Sprecher lebten nach dem Jahr 1000 in den Handelskolonien Genuas und Venedigs im östlichen Mittelmeer. Ihr Wortschatz stammte vor allem aus norditalienischen Mundarten wie dem Venezianischen und dem Genuesischen, später kamen an der nordafrikanischen Küste mehr spanische und portugiesische Wörter hinzu [14]. Benutzt wurde sie von Händlern, Diplomaten und Seeleuten, aber auch von Gefangenen und Korsaren im vorkolonialen Algier. Der Name geht darauf zurück, dass in spätbyzantinischer Zeit alle Westeuropäer "Franken" hießen [14].
Quechua in den Anden
In Südamerika war Quechua die Verwaltungssprache des Inkareiches [15]. Nach dem ersten Kontakt der Andenkulturen mit dem Christentum 1532 entschied sich die katholische Kirche dafür, in den einheimischen Sprachen zu missionieren, unter denen Quechua die wichtigste war [15]. Wie das Dritte Konzil von Lima 1582 und 1583 diese Entscheidung umsetzte, untersucht William Mitchell in seiner Doktorarbeit an der Universität Edinburgh von 1991 [15]. Er beschreibt außerdem, wie die Kirche sich die Sprache aneignete und wie die Menschen in den Anden den christlichen Glauben in ihre eigene Vorstellungswelt aufnahmen [15]. Wie die Reiche Amerikas vor der Eroberung aussahen, beschreibt der Artikel zu Maya, Azteken und Inka.
Französisch: Sprache der Diplomatie
Der Friede von Rastatt von 1714, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete, war in französischer Sprache abgefasst [9]. Danach war Französisch die alleinige Amtssprache der westlichen Diplomatie. Erst der Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 erschien auf Druck der USA und Großbritanniens auf Französisch und Englisch, wobei beide Fassungen gleich verbindlich sind. Damit endete das Monopol des Französischen [9].
Kiswahili in Ostafrika
Kiswahili hat nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 200 Millionen Sprecher und ist die am weitesten verbreitete Sprache Afrikas südlich der Sahara. In mehr als 14 afrikanischen Ländern dient es als Lingua franca [11]. Zu seiner Entstehung gibt es zwei Ansätze: Nach dem einen ist es vor allem eine Bantusprache, die an der ostafrikanischen Küste entstand, der andere betont den Einfluss des Arabischen [11]. Kiswahili ist Amtssprache der Afrikanischen Union, der Entwicklungsgemeinschaft SADC und der Ostafrikanischen Gemeinschaft EAC. Im November 2025 wurde es siebte Amtssprache der UNESCO-Generalkonferenz, neben Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch [11]. Jedes Jahr am 7. Juli begehen die Vereinten Nationen den Welttag der Sprache Kiswahili [11]. Mehr zur Geschichte des Kontinents steht im Artikel über Afrika.

Plansprachen
Plansprachen sind nach der Österreichischen Nationalbibliothek Sprachen, die nach bestimmten Kriterien bewusst geschaffen wurden [17]. Sie nennt Volapük, 1879 veröffentlicht von Johann Martin Schleyer, und das 1887 von Ludwik Lazar Zamenhof begründete Esperanto als erste Plansprachen mit einer größeren Sprechergemeinschaft [16]. Ihre Sammlung für Plansprachen in Wien dokumentiert rund 500 solcher Sprachen [17].
Englisch als Weltsprache
Der British Council schätzt, dass mehr als 1,75 Milliarden Menschen Englisch sprechen, etwa jeder vierte Mensch auf der Welt. Immer häufiger dient es als Lingua franca zwischen zwei Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache [10]. Für viele dieser Sprecher ist es nach dem British Council wichtiger, sich zu verständigen, als wie ein Muttersprachler zu klingen [10]. Bei den Vereinten Nationen ist es eine von sechs Amtssprachen, neben Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch und Spanisch [12].
- Lingua franca (Rechtschreibung, Bedeutungen, Herkunft). Duden online. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- José Lull: These pharaohs' private letters expose how politics worked 3,300 years ago. National Geographic. Stand 08.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Priscila Scoville: Amarna Letters. World History Encyclopedia. Stand 06.11.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Jona Lendering: Amarna, Letter from King Abdi-Hepa of Jerusalem. Livius.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Margaretha Folmer: Imperial Aramaic as an administrative language of the Achaemenid period, in: The Semitic Languages. An International Handbook, S. 587 bis 598. Vrije Universiteit Amsterdam, De Gruyter Mouton. Stand 23.12.2011. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Rüdiger Arnzen, Yury Arzhanov, Gerhard Endreß: Griechische Wissenschaft in arabischer Sprache, in: RUBIN Frühjahr 2012. Ruhr-Universität Bochum. Stand 2012. abgerufen am 29.10.2026
- Koine. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Lehrstuhl für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Le traité de Versailles (1919) (L'aménagement linguistique dans le monde, Histoire du français). Université Laval, CEFAN. Stand 08.03.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation English Language Day (LearnEnglish, Magazine zone). British Council. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde World Kiswahili Language Day, 7 July. Vereinte Nationen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Official Languages. Vereinte Nationen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Assyriologie (Studienfach). Universität Heidelberg. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Mediterranean Lingua Franca. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie William Mitchell: Appropriation of the Quechua language by the church and the Christianisation of Peru in the sixteenth and early seventeenth centuries (Dissertation). University of Edinburgh, Edinburgh Research Archive. Stand 1991. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Über das Esperantomuseum. Österreichische Nationalbibliothek. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Sammlung für Plansprachen. Österreichische Nationalbibliothek. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Jona Lendering: Enkomi. Livius.org. Stand 11.08.2020. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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