Themen quer durch die GeschichteRatgeber
Recht und Justiz in der Geschichte: von Ur-Nammu bis heute
Die älteste erhaltene Gesetzessammlung stammt von Ur-Nammu, einem König aus Ur um 2100 v. Chr. Über den Codex Hammurabi, das römische Recht, den chinesischen Tang-Kodex, das islamische Recht und den Sachsenspiegel führt der Weg zu den Gesetzbüchern des 19. Jahrhunderts. Seit 1948 setzt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte den Maßstab, und seit 2002 verfolgt der Internationale Strafgerichtshof schwerste Verbrechen.

Rechtsgeschichte untersucht, wie Menschen Regeln für ihr Zusammenleben festlegten, wer sie durchsetzte und wie Gerichte urteilten. Die ältesten erhaltenen Rechtstexte stammen aus Mesopotamien [1]. Eigene Rechtsordnungen entwickelten auch Rom, China, Japan, die islamische Welt und das mittelalterliche Europa. Wie das Recht in einem Rechtsstaat heute gebunden ist, erklärt demokratie.domain-root.de im Beitrag Der Rechtsstaat.
Die ersten Gesetze in Mesopotamien
Als älteste erhaltene Gesetzessammlung der Welt gilt nach Joshua J. Mark der Kodex des Ur-Nammu, des Gründers der III. Dynastie von Ur, der etwa von 2112 bis 2094 v. Chr. regierte [1]. Mark datiert den Kodex auf etwa 2100 bis 2050 v. Chr. Manche Forscher schreiben ihn Ur-Nammus Sohn Schulgi zu [1]. Ein noch älterer Kodex des Urukagina ist nur aus Erwähnungen bekannt [1].

Viele Strafen waren Zahlungen. Wer einem anderen einen Zahn ausschlug, sollte zwei Schekel Silber zahlen [1]. Mark stellt dem die härteren Vergeltungsregeln im Sinne von "Auge um Auge" bei Hammurabi gegenüber [1].
Hammurabi regierte als König der I. Dynastie von Babylon von 1792 bis 1750 v. Chr. Aus seiner Zeit stammt die bekannteste Gesetzesstele, ein 225 Zentimeter hoher Basaltblock, der heute im Louvre steht [2]. Gefunden wurde sie 1901/1902 in Susa im heutigen Iran [2]. Oben zeigt ein Relief den Sonnengott Schamasch vor Hammurabi, darunter steht der Text in Keilschrift und altbabylonischer Sprache [2]. Die Szene soll nach der Beschreibung des Louvre die Herrschaft des Königs und die eingemeißelten Rechtsentscheidungen beglaubigen [2]. Mehr dazu steht im Beitrag über den Codex Hammurabi.
Rom, China und Japan
In Rom entstand um 450 v. Chr. in den Kämpfen zwischen Patriziern und Plebejern das Zwölftafelgesetz [3]. Wie sich das römische Recht bis zu Kaiser Justinian entwickelte und später weiterwirkte, zeigt der Beitrag Das römische Recht.
In China entstand unter der Tang-Dynastie ein Gesetzbuch, das die Princeton University Press auf 653 n. Chr. datiert. Es ist nach dieser Darstellung das früheste chinesische Gesetzbuch, das vollständig erhalten ist [5]. Der Tang-Kodex beeinflusste alle späteren Gesetze Chinas und diente als Vorbild für Gesetzbücher in Japan, Korea und Vietnam [5].
In Japan stellte der Prinzregent Shōtoku (573 bis 621) im Jahr 604 nach der Chronik Nihongi eine Ordnung in 17 Artikeln auf [4]. Sie gilt als frühes Zeugnis dafür, dass die Herrscher von Yamato ihren Staat nach chinesischem Vorbild umbauten, mit konfuzianischen und buddhistischen Grundsätzen [4]. Der erste Artikel verlangt, Eintracht zu schätzen und Streit zu vermeiden (eigene Übersetzung nach der englischen Fassung) [4]. Der zweite Artikel fordert Ehrfurcht vor den "drei Kostbarkeiten" Buddha, Lehre und Mönchsgemeinde, der sechste, das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen [4].
Das islamische Recht
Im Islam ist der Koran die erste Quelle religiöser Normen, die Sunna die zweite [6]. Sunna heißt wörtlich etwa "gewohnte Handlung, eingeführter Brauch" und meint die Überlieferung von Worten und Taten des Propheten und seiner Gefährten [6]. Seit dem 9. Jahrhundert wurden die großen Hadith-Sammlungen maßgeblich [6]. Sunniten erkennen die ersten vier "Rechtgeleiteten Kalifen" an, Schiiten sehen nur Ali als rechtmäßigen Nachfolger des Propheten [6].
Aus regionalen Lehrtraditionen gingen im sunnitischen Islam vier Rechtsschulen hervor: Hanafiten, Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten [6]. Lange Zeit galten sie als anerkannte Instanzen für die Auslegung. Seit dem 17. Jahrhundert wurde die Bindung an die Schulen zunehmend kritisiert, und heute ist ihre Autorität nicht mehr unumstritten [6].
Der Sachsenspiegel
Eike von Repgow, der um 1180 geboren wurde und nach 1233 starb, verfasste den Sachsenspiegel [7]. Das Rechtsbuch entstand zwischen 1220 und 1235. Der Rechtshistoriker Heiner Lück nennt ihn das "wirkmächtigste deutsche Rechtsbuch des Mittelalters" [7]. Nach Eikes eigener Aussage bat ihn Graf Hoyer von Falkenstein, eine lateinische Fassung ins Deutsche zu übertragen. Die lateinische Vorlage gilt als verloren, die deutsche Fassung ist die älteste erhaltene [7]. Eine Urschrift von Eikes Hand ist nicht überliefert [7].

Das Buch besteht aus dem Landrecht und dem Lehnrecht. Das Landrecht regelt vor allem Verfassung, Verfahren, Strafrecht, Sachen-, Familien- und Erbrecht, mit dem Schwerpunkt auf dem Leben auf dem Dorf. Stadtrecht enthält es nicht [7]. Mehr als 470 Handschriften sind erhalten, dazu vier Bilderhandschriften aus Heidelberg, Oldenburg, Dresden und Wolfenbüttel aus der Zeit von etwa 1300 bis 1375 [7]. Zusammen mit dem Magdeburger Stadtrecht verbreitete sich der Sachsenspiegel in großen Teilen Ostmitteleuropas, und er beeinflusste den Schwabenspiegel [7]. In Teilen Norddeutschlands galt er bis ins 19. Jahrhundert, das Reichsgericht berief sich noch 1932 auf ihn [7].
Magna Carta
In England setzte König Johann am 15. Juni 1215 auf der Wiese von Runnymede sein Siegel unter einen Entwurf der Magna Carta und nahm damit ihre Bedingungen an [8]. Die Barone hatten ihm im Mai 1215 die Gefolgschaft aufgekündigt [8]. Schon am 24. und 25. August 1215 erklärten päpstliche Bullen die Urkunde für nichtig [8]. Neu ausgegeben wurde sie am 12. November 1216 und 1217 im Namen des jungen Heinrich III., der 1225 die endgültige Fassung in eigenem Namen erließ [8]. Die Gewährungen richteten sich an "alle freien Männer unseres Königreichs" (eigene Übersetzung) [8]. Die Hintergründe erklärt der Beitrag über die Magna Carta.
Folter und Hexenprozesse
Seit dem Spätmittelalter war die Folter in Strafverfahren üblich. Sie galt als Mittel, die Wahrheit zu finden, nicht als Strafe [9]. Die Halsgerichtsordnung Carolina wurde 1532 im ganzen Reich veröffentlicht. Sie baute auf der Bambergischen Halsgerichtsordnung von 1507 auf, und mit ihr war der Tatbestand der Hexerei nach dem Historiker Andreas Flurschütz da Cruz vollständig ausgebildet [9].
Die meisten Hexenprozesse fanden zwischen 1580 und 1630 statt [9]. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands wurden nach dem Historischen Lexikon Bayerns etwa 25.000 Menschen hingerichtet, etwa die Hälfte aller bekannten Opfer in Europa [9]. Den Höhepunkt bildeten die Jahre 1626 und 1630 in den fränkischen Hochstiften. In dieser Schlussphase starben in Bamberg und Würzburg jeweils rund 900 bis 1.200 Menschen [9]. Männer stellten in vielen Teilen Europas 20 bis 25 Prozent der Opfer [9]. Als letzte Hinrichtung wegen Hexerei in Bayern nennt das Lexikon die der Veronika Zerritsch 1756 in Landshut [9]. Mehr dazu steht im Beitrag über die Hexenverfolgung.
In Preußen schaffte Friedrich II. die gerichtliche Folter in Schritten 1749 und 1754 ab [10]. Maria Theresia folgte ihm darin nicht. Ihre Constitutio Criminalis Theresiana von 1769 hielt an älteren Formen der Strafjustiz fest. Im Habsburgerreich wurde die Folter 1777 abgeschafft, auch auf Betreiben von Joseph von Sonnenfels [10].
Gesetzbücher des 19. Jahrhunderts
In Frankreich wurde am 21. März 1804, dem 30. Ventôse des Jahres XII nach dem Revolutionskalender, der Code civil des Français verkündet [11]. Er hat 2.281 Artikel in drei Teilen: Personen, Sachen und die Beziehungen zwischen Privatleuten [11]. Er löste ein Zivilrecht ab, das auf Gewohnheitsrecht beruhte. Das Gesetz regelte nun alle gesellschaftlichen Beziehungen bis hin zum Familienrecht, und die Richter sollten es anwenden [11]. Zu seinen Verfassern zählt die Fondation Napoléon Portalis, Tronchet, Bigot de Préameneu und Maleville [11].
In Deutschland trat das Bürgerliche Gesetzbuch am 1. Januar 1900 in Kraft, gleichzeitig mit mehreren Begleitgesetzen zu Gerichtsverfassung, Zivilprozess und Grundbuch [12].
Menschenrechte und Völkerstrafrecht
Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof [13]. Das Londoner Statut legte drei Anklagepunkte fest: Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit [13]. Neu war der Straftatbestand, einen Angriffskrieg zu planen und zu führen, den es im Völkerrecht vorher nicht gab [13]. Verhandelt wurde gegen 21 anwesende Angeklagte. Am 30. September und 1. Oktober 1946 fielen zwölf Todesurteile und drei Freisprüche, die übrigen Angeklagten erhielten Haftstrafen [13]. Nach der bpb wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit damit zum ersten Mal vor einem internationalen Gericht verhandelt [13]. Mehr dazu steht im Beitrag Die Nürnberger Prozesse.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen nahm am 10. Dezember 1948 in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte an [14]. Artikel 1 beginnt mit dem Satz, alle Menschen seien frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Artikel 5 verbietet Folter und grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (eigene Übersetzungen) [14]. Wie es dazu kam, erzählt der Beitrag Die Geschichte der Menschenrechte.
Seit dem 1. Juli 2002 gilt das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, das am 17. Juli 1998 angenommen worden war [15]. Der Gerichtshof verfolgt Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und in begrenztem Umfang das Verbrechen der Aggression. Die Todesstrafe ist ausgeschlossen [15]. Das Gericht ergänzt die nationalen Gerichte und ersetzt sie nicht [15].
- Joshua J. Mark: Ur-Nammu: Founder of the Sumerian Renaissance. World History Encyclopedia. Stand 21.04.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Code de Hammurabi (Inventarnummer Sb 8). Musée du Louvre, Département des Antiquités orientales. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Donald L. Wasson: Roman Republic. World History Encyclopedia. Stand 07.04.2016. abgerufen am 29.10.2026
- The Constitution of Prince Shōtoku (Primary Source Document, nach W. G. Aston: Nihongi, 1896). Asia for Educators, Columbia University. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Wallace Johnson (Übers.): The T'ang Code, Volume II (Verlagsbeschreibung). Princeton University Press. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Stefan Reichmuth: Sunna, in: Ralf Elger, Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung (Lizenzausgabe). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Heiner Lück: Repgow, Eike von (NDB-online). Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Stand 01.04.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Magna Carta, 1214 to 1225 (Teaching resource). The National Archives, Vereinigtes Königreich. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Andreas Flurschütz da Cruz: Hexenverfolgung (Historisches Lexikon Bayerns). Bayerische Staatsbibliothek. Stand 20.01.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Tortur durch Feuer (1769) (German History in Documents and Images). Deutsches Historisches Institut Washington. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation La promulgation du Code civil des Français, 21 mars 1804. Fondation Napoléon. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz Einführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuche, Art. 1. Bundesministerium der Justiz (gesetze-im-internet.de). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde 20. November 1945: Beginn der Nürnberger Prozesse (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Universal Declaration of Human Rights. Vereinte Nationen. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Völkerstrafrecht und der Internationale Strafgerichtshof. Auswärtiges Amt. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Death Penalty. Amnesty International. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
ThemenStaatsformen in der GeschichteStaatsformen im Wandel: die sechs Verfassungen des Aristoteles, Athen und Rom, das Himmelsmandat in China, Gewaltenteilung …
ThemenDie MonarchieWas eine Monarchie ist, welche Formen es gibt und wie sich die Königsherrschaft von Sumer, Ägypten, China und Mali bis in …
ThemenDie Republik als StaatsformWas eine Republik ausmacht, woher das Wort res publica kommt und wie Rom, Venedig, die USA, Frankreich, China, die Türkei …