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Die Säkularisierung: wie Staat und Gesellschaft sich von der Kirche lösten
Säkularisierung ist die Loslösung des Einzelnen, des Staates und gesellschaftlicher Gruppen aus den Bindungen an die Kirche. Mit Säkularisation ist meist der rechtliche Vorgang gemeint, bei dem Kirchengut in weltliche Hand kommt, in Deutschland vor allem durch den Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803. Ob Religion mit der Moderne zwangsläufig zurückgeht, ist in der Forschung umstritten.

Das Wörterbuch DWDS beschreibt Säkularisierung als "Loslösung des Einzelnen, des Staates und gesellschaftlicher Gruppen aus den Bindungen an die Kirche" [1]. Dasselbe Wort steht auch für die Enteignung kirchlichen Besitzes zugunsten des Staates, wofür meist der Begriff Säkularisation gebraucht wird [1]. Der Religionssoziologe Karl Gabriel unterscheidet für die wissenschaftliche Fassung drei Stränge: die Trennung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft von der Religion, den messbaren Rückgang von Kirchgang und Gottesglaube und die Verlagerung der Religion ins Private [4].
Woher der Begriff kommt
Das Adjektiv säkular geht auf lateinisch saecularis zurück, das im Spätlatein auch "weltlich (gesinnt)" bedeutete; im Deutschen ist es seit dem 16. Jahrhundert belegt [2]. Das Substantiv Säkulum kam im 14. Jahrhundert aus lateinisch saeculum mit der Bedeutung Jahrhundert, Zeitalter in die Gelehrtensprache [2]. Das Verb säkularisieren im Sinn von "kirchlichen Besitz in weltliches (vorwiegend staatliches) Eigentum verwandeln" verzeichnet das Wörterbuch für das 17. Jahrhundert [2].
Im Kirchenrecht bezeichnete Säkularisation zunächst den Wechsel eines Ordensgeistlichen in den Stand des Weltgeistlichen [3]. Während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden wurde das Wort auf Güter übertragen: Der französische Gesandte sprach 1646 davon, dass Kirchenbesitz "secularisiret" worden sei [3]. Gabriel nennt als Ort Münster und als Urheber den Gesandten Henry d'Orléans [4]. Die Unterscheidung von Herrschafts- und Vermögenssäkularisation prägte erst im 20. Jahrhundert der Verfassungshistoriker Ernst Rudolf Huber [3]. Wie der Friedensschluss von 1648 zustande kam, beschreibt der Beitrag Der Westfälische Friede von 1648.
Die Säkularisation von 1802/03
In Deutschland verbindet sich der Begriff vor allem mit dem Ende der geistlichen Staaten im Heiligen Römischen Reich. Den Rahmen setzte der Frieden von Lunéville vom 9. Februar 1801 [3]. Die Fürsten, die Gebiete links des Rheins verloren hatten, sollten mit Kirchenbesitz entschädigt werden, und viele Vorentscheidungen fielen schon in Sonderverhandlungen, etwa im Abkommen Preußens vom 23. Mai 1802 [3]. Der Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 regelte in § 34 die Einziehung des Kirchenguts in den geistlichen Territorien [3]. § 35 erlaubte, die Güter zur "Erleichterung" der landesherrlichen Finanzen zu verwenden; er kam vor allem auf Betreiben Bayerns in den Text [3].

Nach der Bilanz von Winfried Müller im Historischen Lexikon Bayerns waren rund 20 Bischofsstaaten und mehr als 40 Reichsabteien betroffen [3]. Insgesamt gingen 1.719 Quadratmeilen mit jährlichen Einkünften von 18,15 Millionen Gulden und etwa 3,2 Millionen Einwohnern an weltliche Herrscher über [3]. Bayern verlor links des Rheins rund 200 Quadratmeilen mit 730.000 Einwohnern und gewann 288 Quadratmeilen mit 843.000 Einwohnern [3]. Zum Reich und seinem Ende 1806 gibt es den Beitrag Das Heilige Römische Reich.
Die Klöster in Bayern
Bayern hatte schon vorher begonnen. Nach dem päpstlichen Schreiben "Dominus ac redemptor noster" vom 21. Juli 1773 hob das Land die Niederlassungen der Jesuiten auf [3]. Max IV. Joseph und sein Minister Maximilian Graf Montgelas strebten ein Staatskirchentum an [3]. Nach ersten Aufhebungen Ende 1801, darunter Paulaner und Theatiner in München, folgten 1802 die Klöster der Bettelorden [3]. Eine Separatkommission, gegründet am 3. November 1802, löste die landständischen Klöster in der Regel ab dem 18. März 1803 auf [3].
Die Ordensleute erhielten Pensionen, Konventualen zum Beispiel 400 Gulden im Jahr [3]. Etwa ein Drittel der rund 1.200 Patres arbeitete danach in Seelsorge und Schule [3]. Die Klosterwälder, ungefähr 97.000 Hektar, wurden verstaatlicht [3]. Weil 28 Prozent aller Bauernhöfe in Bayern unter klösterlicher Grundherrschaft gestanden hatten, flossen deren Abgaben nun an den Staat [3]. Mit den Klöstern fielen auch Klosterapotheken, ärztliche Betreuung und ihre Rolle im ländlichen Kreditwesen weg [3]. Wie die Klöster zuvor lebten und wirtschafteten, zeigt der Beitrag Klöster im Mittelalter.
Bücher, Handschriften und Kunst
Die Bibliotheken waren groß; das Augustiner-Chorherrenstift Polling besaß über 80.000 Bände [3]. Johann Christoph von Aretin sicherte für die Münchner Hofbibliothek über 500.000 Bücher und über 18.000 Handschriften, Doppelstücke und aszetische Schriften wurden dagegen verramscht oder makuliert [3]. Bei der Kunst kam es zu Verlusten, weil Barockkunst damals wenig geschätzt wurde [3]. Die Versteigerungen begannen 1803; Musikinstrumente, Bilder und Sakralgegenstände fanden kaum Käufer [3].
Staat und Kirche werden getrennt
Eine zweite Linie betrifft das Verhältnis von Staat und Religion. Sie lässt sich an drei Rechtstexten verfolgen, die bis heute gelten [5, 6, 7].

Vereinigte Staaten
Am 25. September 1789 schlug der erste Kongress der Vereinigten Staaten zwölf Verfassungsänderungen vor, am 15. Dezember 1791 waren zehn davon ratifiziert und bildeten die Bill of Rights [5]. Der erste Zusatzartikel beginnt mit den Worten "Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof" [5]. In eigener Übersetzung: Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das eine Religion zur Staatsreligion macht oder ihre freie Ausübung verbietet [5].
Frankreich
Frankreich trennte Staat und Kirchen mit dem Gesetz vom 9. Dezember 1905 [6]. Artikel 1 beginnt mit dem Satz "La République assure la liberté de conscience", die Republik sichert also die Gewissensfreiheit [6]. Artikel 2 lautet am Anfang "La République ne reconnaît, ne salarie ni ne subventionne aucun culte", in eigener Übersetzung: Die Republik erkennt keine Religionsgemeinschaft an, bezahlt und bezuschusst keine [6]. Ausgenommen blieben Seelsorgedienste in Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen [6].
Deutschland
Die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 legte in Artikel 137 fest: "Es besteht keine Staatskirche." [7] Dieselbe Vorschrift sichert jeder Religionsgesellschaft zu, ihre Angelegenheiten innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes selbst zu ordnen [7]. Religionsgesellschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, dürfen nach Absatz 6 auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten Steuern erheben [7]. Artikel 138 sieht vor, dass die Länder die Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften ablösen und der Bund dafür die Grundsätze aufstellt [7]. Artikel 140 des Grundgesetzes übernahm die Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der Weimarer Verfassung [7]. Mehr zur Verfassung der Bundesrepublik steht auf Das Grundgesetz einfach erklärt.
Säkularisierung als gesellschaftlicher Wandel
Die wissenschaftliche Fassung des Begriffs entstand nach Gabriel um 1900 [4]. Als Schlüsselfigur gilt Max Weber, der im westlichen Christentum den Weg einer "Entzauberung der Welt" sah, die Rationalisierung möglich machte [4]. Émile Durkheim und Weber gelten als Begründer der Religionssoziologie [4]. Im 20. Jahrhundert wurde die Säkularisierungsthese, vor allem unter europäischen Intellektuellen, zu einer vorherrschenden Deutung der eigenen Zeit [4].

Zahlen aus Deutschland
Dass die Kirchen in Europa seit den 1960er Jahren an Bindungskraft verloren haben, ist nach Gabriel unbestritten [4]. In der DDR sank die Kirchenmitgliedschaft in wenigen Jahren von über 90 auf unter 30 Prozent, und die ostdeutschen Länder gelten als eine der am stärksten säkularisierten Regionen der Welt [4]. Nach 1989 kehrten dort nur wenige Menschen in die Kirchen zurück [4]. Ende 2025 zählten die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland zusammen noch 36,6 Millionen Mitglieder, davon 19,2 Millionen katholisch und rund 17,4 Millionen evangelisch [8]. Im Jahr 2025 traten 350.000 Menschen aus der evangelischen und rund 307.000 aus der katholischen Kirche aus [8].
Kritik an der Säkularisierungsthese
Dass die Moderne zielgerichtet zum Ende der Religion führt, vertritt nach Gabriel kaum noch jemand [4]. Er hält der These einen eurozentrischen Zug vor, denn in den USA konnte sie sich nie voll entfalten [4]. Der Soziologe José Casanova kritisiert, dass Differenzierung, Glaubensrückgang und Privatisierung unzulässig miteinander verknüpft würden [4]. Als Beispiele für öffentlich wirksame Religion nennt Gabriel die Revolution im Iran, die Befreiungstheologie, die polnische Solidarność und die religiöse Rechte in den USA [4].
Weber selbst schrieb 1917, die alten Götter "entsteigen ihren Gräbern" [4]. Für eine Wiederkehr der Religion führen Forscher das Wachstum pfingstlerischer und charismatischer Gruppen in Ostasien einschließlich Chinas, in Lateinamerika und im südlichen Afrika an, außerdem die Ausbreitung des Islam etwa in Indonesien und in Afrika südlich der Sahara [4]. Habermas spricht von einer "postsäkularen Gesellschaft", Hans Joas wendet ein, diese Rede setze die Säkularisierung voraus [4]. Pippa Norris und Ronald Inglehart halten dagegen an der Säkularisierungsthese fest und erklären religiöses Wachstum mit Armut und Unsicherheit [4]. Gabriel selbst folgt dem Soziologen Shmuel Eisenstadt und dessen Begriff der "multiplen Modernen": Modernisierung ist danach kein einliniger Prozess, und Religion gehört "in und nicht jenseits der Moderne" [4]. Einen Überblick über die Religionen von der Antike bis heute gibt Religionen in der Geschichte.
Konfessionslose weltweit
Eine Auswertung des Pew Research Center von mehr als 2.700 Datenquellen zeigt, wie unterschiedlich die Lage weltweit ist [9]. Die Zahl der Menschen ohne Religionszugehörigkeit stieg von 1,6 Milliarden im Jahr 2010 auf 1,9 Milliarden im Jahr 2020, ein Plus von 17 Prozent [9]. Ihr Anteil an der Weltbevölkerung wuchs von 23 auf 24 Prozent [9]. 2020 stellten Konfessionslose in zehn Ländern und Gebieten die Mehrheit: Uruguay, die Niederlande, Neuseeland, China, Nordkorea, Tschechien, Hongkong, Vietnam, Macau und Japan [9].
Allein in China leben knapp 1,3 Milliarden Konfessionslose, etwa zwei Drittel aller Konfessionslosen der Welt [9]. Ihr Anteil an der Bevölkerung stieg zwischen 2010 und 2020 am stärksten in Australien und Chile, um jeweils 17 Prozentpunkte, in den USA um 13 Punkte [9]. In Afrika südlich der Sahara sank der Anteil leicht, im Nahen Osten und in Nordafrika blieb er gleich [9]. Wie die Aufklärung das Denken über Religion in Europa veränderte, beschreibt der Beitrag Die Aufklärung.
- Organisation Säkularisierung (Wörterbucheintrag). Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation säkular (Wörterbucheintrag mit Etymologie nach Pfeifer). Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Winfried Müller: Säkularisation. Historisches Lexikon Bayerns. Stand 24.08.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Karl Gabriel: Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter (APuZ). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 12.12.2008. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde The Bill of Rights: A Transcription. National Archives (USA). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz Loi du 9 décembre 1905 concernant la séparation des Églises et de l'État. Légifrance, République française. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz Grundgesetz Art. 140 mit Art. 136 bis 139 und 141 der Weimarer Reichsverfassung. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Corinna Buschow (epd): Kirchen verlieren rund 1,2 Millionen Mitglieder. evangelisch.de. Stand 16.03.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Conrad Hackett u. a.: How the Global Religious Landscape Changed From 2010 to 2020, Kapitel Religiously unaffiliated. Pew Research Center. Stand 09.06.2025. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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