Das 21. JahrhundertRatgeber
Die Finanzkrise 2008: vom US-Immobilienmarkt zur Weltrezession
Die Finanzkrise 2008 begann am US-Immobilienmarkt, wo Kredite an Schuldner mit geringer Bonität gebündelt und weiterverkauft worden waren. Nach der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 brachen weltweit die Aktienmärkte ein, und viele Staaten retteten Banken mit Steuergeld. In Deutschland schrumpfte die Wirtschaft 2009 um 5,7 Prozent.

Am 15. September 2008 stellte die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers einen Insolvenzantrag, und an den Börsen der Welt brachen die Kurse ein [4]. In den drei Wochen nach der Insolvenz gingen nach Angaben des Ökonomen Martin Hellwig weltweit Wertpapierwerte von mehr als 20 Billionen US-Dollar verloren [8]. Das Finanzsystem geriet nach einer Bilanz in der Zeitschrift Wirtschaftsdienst in die schwerste Krise seit den 1930er-Jahren [8]. Die Wurzeln lagen allerdings ein paar Jahre früher auf dem Immobilienmarkt der USA.
Immobilienboom und Subprime-Kredite
In den frühen und mittleren 2000er-Jahren vergaben amerikanische Kreditgeber immer mehr Hypotheken an Schuldner mit hohem Ausfallrisiko, sogenannte Subprime-Kredite [1]. Die Kredite wurden gebündelt und als Wertpapiere an Anleger verkauft. Solche privat aufgelegten hypothekenbesicherten Wertpapiere finanzierten den größten Teil der Subprime-Hypotheken [1]. Der Ökonom John V. Duca beschreibt in seinem Aufsatz für die Federal Reserve einen sich selbst verstärkenden Kreislauf: Mehr Kredite trieben die Hauspreise, und steigende Preise weckten die Erwartung weiterer Gewinne [1]. Wie riskant die Papiere waren, verstanden viele Käufer nicht, auch weil die Maßstäbe für die Kreditqualität von erstklassigen Hypotheken stammten [1].

Als die Hauspreise ihren Höhepunkt überschritten hatten, stiegen die Ausfälle. Kreditgeber vergaben keine Subprime-Kredite mehr, die Preise fielen weiter, und Zwangsversteigerungen drückten sie zusätzlich [1]. Im Landesdurchschnitt sanken die Hauspreise in den USA vom ersten Quartal 2007 bis zum zweiten Quartal 2011 um mehr als ein Fünftel [2].
Die ersten Risse 2007
Im April 2007 meldete New Century Financial, einer der großen Subprime-Kreditgeber, Insolvenz an. Kurz darauf schlossen mehrere andere Anbieter solcher Kredite [1]. Am 9. August 2007 setzte die französische Bank BNP Paribas die Rücknahme von Anteilen an drei Investmentfonds aus, die in amerikanische Subprime-Hypotheken investiert hatten. Die Europäische Zentralbank sagte daraufhin zu, Banken über Nacht so viel Geld zu leihen, wie sie verlangten [3]. Zehn Jahre später datierte ein Rückblick der Nachrichtenagentur Bloomberg den Beginn der Erschütterungen auf diesen Tag [3]. Im Frühjahr 2008 übernahm JPMorgan Chase mit Hilfe der Federal Reserve die angeschlagene Investmentbank Bear Stearns [2]. Im Sommer 2008 stellte die US-Regierung die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac nach hohen Verlusten unter staatliche Kontrolle [1].
Der Herbst 2008
Nach der Insolvenz von Lehman Brothers am 15. September 2008 lief die Krise in wenigen Wochen um die Welt [4]. Schon am Tag danach stützte die Federal Reserve den Versicherungskonzern AIG [2]. Der Geldmarktfonds Reserve Primary musste 800 Millionen US-Dollar an Lehman-Krediten abschreiben, sein Anteilswert fiel auf 0,97 Dollar. Innerhalb weniger Tage zogen Anleger aus solchen Fonds insgesamt 300 Milliarden Dollar ab [8].

Am 29. September 2008 lehnte das US-Repräsentantenhaus ein Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar zunächst ab [4]. Die US-Notenbank senkte ihren Leitzins bis Ende 2008 auf eine Spanne von 0 bis 0,25 Prozent [2]. Am 12. Oktober 2008 beschlossen die europäischen Staats- und Regierungschefs in Paris einen "Schutzschirm" für das gesamte Bankensystem [4].
Die Krise erreicht Deutschland
Weil die Banken über die Grenzen hinweg eng verflochten waren, griff die Krise schnell nach Deutschland über. Die Aktienkurse fielen, und einige Geldinstitute standen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit [6]. Für Aufsehen sorgte die staatliche Förderbank KfW. Sie hatte Lehman Brothers noch am 15. September 316 Millionen Euro überwiesen, drei Führungskräfte wurden am 18. September suspendiert [4].
Am stärksten traf es den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE). Am 29. September 2008 verhinderte die Bundesregierung den Zusammenbruch der Bank mit einem Hilfsprogramm über 35 Milliarden Euro [4]. Ende September hielt die Bundesregierung die HRE nach der Darstellung im Wirtschaftsdienst noch für solvent, ihre Bilanz zum 31. Dezember 2008 wies dann eine Überschuldung von mehr als 5 Milliarden Euro aus [8].
Anfang Oktober 2008 trat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Presse und erklärte eine Staatsgarantie für private Spar- und Termingeldeinlagen sowie für Girokonten [4]. Das Lebendige Museum Online beziffert die Bürgschaft für private Sparguthaben auf 568 Milliarden Euro [6]. Im selben Monat beschlossen Bundestag und Bundesrat das Finanzmarktstabilisierungsgesetz. Das LeMO nennt dafür 500 Milliarden Euro für die betroffenen Banken [6]. Der Rettungsfonds SoFFin war nach Angaben der Deutschen Finanzagentur mit 480 Milliarden Euro ausgestattet, davon 400 Milliarden Euro als Garantierahmen und höchstens 80 Milliarden Euro für Kapitalbeteiligungen und Risikopositionen [11]. Als erste große deutsche Bank nahm die Commerzbank am 3. November 2008 den neuen Rettungsfonds SoFFin in Anspruch, mit 8,2 Milliarden Euro Kapital und einer Staatsgarantie über 15 Milliarden Euro [4]. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählte "Finanzkrise" zum Wort des Jahres 2008 [4].
Von der Bankenkrise zur Rezession
Aus der Bankenkrise wurde eine Wirtschaftskrise. In den USA dauerte die Rezession von Dezember 2007 bis Juni 2009. Die Wirtschaftsleistung sank vom Höchst- zum Tiefpunkt um 4,3 Prozent, es war die tiefste und mit achtzehn Monaten die längste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg [2]. Die Arbeitslosenquote stieg von unter 5 auf 10 Prozent [2].
In Deutschland warnte Merkel am 14. Januar 2009 in einer Regierungserklärung vor einer der schwersten Wirtschaftskrisen, die das Land seit Jahrzehnten erlebt habe [5]. Am 23. Februar 2009 fiel der DAX auf 3.936,45 Punkte, den niedrigsten Stand seit Oktober 2004 [5]. Das Bruttoinlandsprodukt ging 2009 preisbereinigt um 5,7 Prozent zurück [9].
Konjunkturpakete und Abwrackprämie
Die Bundesregierung reagierte mit dem nach LeMO-Darstellung größten Konjunkturprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik. 2008 und 2009 flossen rund 78 Milliarden Euro in Straßenbau, Gebäudesanierung und Steuererleichterungen [6]. Außerdem erleichterte die Regierung den Unternehmen die Kurzarbeit [6].

Das Konjunkturpaket II trat am 6. März 2009 in Kraft und hatte ein Gesamtvolumen von 50 Milliarden Euro [5]. Am 7. März folgte die Abwrackprämie: Wer seinen Altwagen verschrotten ließ und ein neues Auto kaufte, erhielt bis zu 2.500 Euro. Am 8. April stockte das Kabinett den Fördertopf von 1,5 auf 5 Milliarden Euro auf [5]. "Abwrackprämie" wurde das Wort des Jahres 2009, zum Unwort des Jahres 2008 war schon im Januar 2009 "notleidende Banken" gewählt worden [5].
| Datum | Ereignis in Deutschland |
|---|---|
| 29.09.2008 | Hilfsprogramm über 35 Milliarden Euro für die Hypo Real Estate |
| 03.11.2008 | Commerzbank nimmt als erste große Bank den SoFFin in Anspruch |
| 08.01.2009 | Teilverstaatlichung der Commerzbank nach weiteren 10 Milliarden Euro Hilfe |
| 06.03.2009 | Konjunkturpaket II mit 50 Milliarden Euro tritt in Kraft |
| 07.03.2009 | Abwrackprämie von bis zu 2.500 Euro tritt in Kraft |
| 08.04.2009 | Gesetz ermöglicht die Enteignung und Verstaatlichung angeschlagener Banken |
| 05.10.2009 | Vollständige Verstaatlichung der Hypo Real Estate |
Die Tabelle folgt den Jahreschroniken 2008 und 2009 des Lebendigen Museums Online [4, 5].
Banken in Staatshand
Am 8. Januar 2009 wurde die Commerzbank teilverstaatlicht, nachdem sie erneut 10 Milliarden Euro Hilfe vom Bund benötigt hatte [5]. Am 8. April 2009 trat das Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz in Kraft, das die Enteignung und Verstaatlichung maroder Banken möglich machte. Ein Jahr nach der ersten Rettung war die HRE am 5. Oktober 2009 vollständig in Staatshand, Hilfen und Garantien summierten sich auf mehr als 100 Milliarden Euro [5]. Den Altaktionären zahlte der Bund am Ende 1,30 Euro je Aktie [8]. Der Ökonom Martin Hellwig schätzt, dass die HRE den Bund 10 bis 20 Milliarden Euro gekostet hat, ein Teil davon entstand erst durch den griechischen Schuldenschnitt 2012 [8].
Neue Regeln für die Finanzmärkte
Am 2. April 2009 einigten sich die wichtigsten Wirtschaftsnationen auf dem G20-Gipfel in London auf strengere Regeln für die Finanzmärkte [5]. In den USA schuf der Dodd-Frank Act von 2010 neue Regeln für große Finanzinstitute [2].
Die Bankenregeln nach Basel III verlangen eine harte Kernkapitalquote von mindestens 4,5 Prozent, dazu einen Kapitalerhaltungspuffer von 2,5 Prozent. In der EU führte eine Richtlinie 2014 die Gläubigerbeteiligung bei Bankpleiten ein, seit dem 1. Januar 2016 gibt es im Euroraum einen einheitlichen Abwicklungsmechanismus [8].
Von der Finanzkrise zur Eurokrise
Infolge der Banken- und Wirtschaftskrise gerieten 2010 einige Euroländer in finanzielle Schieflage, darunter Griechenland, das kaum noch Kredite von Banken erhielt [7]. Im Mai 2010 beschlossen die Euro-Staaten einen zeitweiligen "Rettungsschirm". Gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds liehen sie Krisenländern Geld, die dafür ihre Haushalte sanieren mussten. Seit 2012 gibt es mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus eine dauerhafte Einrichtung [7]. Deutschland stellte für den Rettungsschirm mehr als 211 Milliarden Euro bereit und für den ESM 190 Milliarden Euro [7]. Wie die Europäische Union entstand, erzählt der Artikel Die Geschichte der Europäischen Union.
Wie die Krise gedeutet wird
In den USA untersuchte eine Kommission des Kongresses, die Financial Crisis Inquiry Commission, die Ursachen. Ihr Bericht vom Januar 2011 kam zu dem Schluss, die Krise sei vermeidbar gewesen. Die Verantwortlichen der Finanzbranche und die öffentlichen Aufseher hätten Warnungen ignoriert. Sechs der zehn Mitglieder, die von der demokratischen Führung des Kongresses benannt worden waren, stimmten dem Bericht zu. Die vier von der republikanischen Führung benannten Mitglieder legten abweichende Stellungnahmen vor [10].
Zehn Jahre nach Lehman fielen die Urteile deutscher Ökonomen im Wirtschaftsdienst unterschiedlich aus. Hellwig hielt die neuen Abwicklungsregeln im Ernstfall nicht für funktionsfähig, ein Fall wie die HRE würde nach seiner Einschätzung wieder die Steuerzahler treffen. Hans-Peter Burghof sah dagegen eine überdimensionierte Regulierung, die Risiken in den Kapitalmarkt verlagere [8]. Weltweit protestierten laut LeMO Menschen gegen die Verantwortungslosigkeit der Banken und kritisierten, dass Steuerzahler für die Fehler der Banker einstehen [6]. Den Vergleich mit dem Börsenkrach von 1929 zieht der Artikel Die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Längere Linien zeigen Wirtschaft und Handel in der Geschichte und Die Geschichte des Geldes, das weltweite Netz, über das sich die Krise ausbreitete, beschreibt Die Globalisierung.
- Studie John V. Duca: Subprime Mortgage Crisis, 2007 bis 2010. Federal Reserve History. Stand 22.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Studie John Weinberg: The Great Recession and Its Aftermath. Federal Reserve History. Stand 22.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Financial crisis: Ten years ago today the tremors started (Bloomberg). The Irish Times. Stand 09.08.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Regina Haunhorst, Antoinette Lepper-Binnewerg: Jahreschronik 2008 (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 12.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Diana Marschner: Jahreschronik 2009 (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 12.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Markus Würz: Banken- und Wirtschaftskrise (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 20.11.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Markus Würz: Europäische Schuldenkrise (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 11.03.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite: Finanzmärkte stabil? (Beiträge von Martin Hellwig, Zimmermann, Mechthild Schrooten, Hans-Peter Burghof, Stephan Schulmeister; Wirtschaftsdienst 98, Heft 8). ZBW Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Stand 08.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Pressemitteilung Nr. 020: Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 5,0 % gesunken. Statistisches Bundesamt. Stand 14.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde The Financial Crisis Inquiry Report: Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States. Financial Crisis Inquiry Commission, U.S. Government Publishing Office. Stand 01.2011. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Fonds zur Stabilisierung der Finanzmärkte in Deutschland nimmt Arbeit auf. Deutsche Finanzagentur. Stand 27.10.2008. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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