Das 21. JahrhundertRatgeber
Die Globalisierung: vom Freihandel des 19. Jahrhunderts bis heute
Globalisierung ist der weltweit fortschreitende Prozess der internationalen Arbeitsteilung. Eine erste Welle reichte bis zum Ersten Weltkrieg, eine zweite setzte ab Mitte der 1980er-Jahre ein und beschleunigte sich nach 1990. Seit der Finanzkrise 2008 wächst die Verflechtung kaum noch, und Handelskonflikte stellen sie in Frage.

Das Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein beschreibt Globalisierung als den "weltweit fortschreitenden Prozess der internationalen Arbeitsteilung". Weil Handelsschranken fallen, Kapital frei wandern kann und neue Kommunikationstechnik grenzenlos nutzbar ist, wird dort produziert, wo die Kosten am niedrigsten sind, beim Auto bis hinunter zu einzelnen Schrauben [1]. Der Historiker Jürgen Osterhammel fasst den Begriff weiter. Er versteht darunter die Verdichtung weltweiter Ströme von Menschen, Waren, Geld und Informationen [2].
Wann die Globalisierung begann
Über den Anfang sind sich Historiker und Ökonomen nicht einig. Der Wirtschaftshistoriker Nikolaus Wolf von der Humboldt-Universität Berlin setzt den Beginn der ersten Globalisierung um 1870 an. Erst damals habe der Fernhandel mit Alltagswaren wie Getreide das Leben gewöhnlicher Menschen spürbar verändert [3]. Osterhammel bezeichnet die beiden Jahrzehnte vor Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 als erste große Welle der Globalisierung [2]. Einig sind sich beide darin, dass diese Phase mit dem Krieg endete [2, 3].
Freihandel im 19. Jahrhundert
Beim Freihandel ging Großbritannien voran. Nach den Napoleonischen Kriegen hatte das Land 1815 die Getreidezölle erhöht, die sogenannten Corn Laws. 1839 gründeten Richard Cobden und John Bright die Anti-Corn Law League, und 1846 setzte Premierminister Robert Peel die Aufhebung der Getreidezölle durch, voll wirksam ab 1849 [2]. 1860 schaffte Großbritannien seine Zölle einseitig bis auf wenige Steuerzölle auf Tabak, Tee oder Wein ab [2].

Im selben Jahr schlossen Großbritannien und Frankreich den Cobden-Chevalier-Vertrag. Ihm folgten innerhalb weniger Jahre 56 weitere zweiseitige Handelsverträge, die über die Meistbegünstigungsklausel miteinander verknüpft waren [2]. Freihandel kam allerdings nicht überall freiwillig. Osterhammel erinnert daran, dass er teils mit Gewalt durchgesetzt wurde, etwa im Opiumkrieg gegen China [2]. Ende der 1870er-Jahre kehrten fast alle europäischen Staaten außer Großbritannien zu Schutzzöllen zurück, weil billiges Getreide aus Nordamerika und Russland die eigene Landwirtschaft unter Druck setzte [2].
Die erste Globalisierung bis 1914
Wolf nennt mehrere Gründe für den Aufschwung nach 1870. Eisenbahnen und Dampfschiffe senkten die Frachtkosten für billige Massengüter. 1869 wurden die erste transkontinentale Eisenbahn der USA und der Suezkanal eröffnet [3]. Über London verbreitete sich ab etwa 1870 der Goldstandard, der die Landeswährungen über einen festen Goldpreis aneinander band [3]. Gemeinsame Normen kamen hinzu: An der Meterkonvention von 1875 beteiligten sich 17 Staaten, an der Meridiankonferenz in Washington 1884 waren es 26 [3].
Die Arbeitsteilung folgte einem klaren Muster. Europa stellte Industriegüter her, die Kolonien und zunächst auch die USA lieferten Rohstoffe und Agrarprodukte. Baumwolle aus den Südstaaten der USA wurde in England verarbeitet [3]. 1913 erwirtschaftete Europa nach Schätzungen 45 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, obwohl dort knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung lebten [3]. Die Zölle lagen vor 1914 im Durchschnitt deutlich niedriger als nach dem Ersten Weltkrieg, und die Weltwirtschaft zerfiel noch nicht in Blöcke [2]. Wie die europäischen Mächte ihre Kolonialreiche ausbauten, schildert der Artikel über den Imperialismus.
Zusammenbruch zwischen 1914 und 1945
Mit dem Ersten Weltkrieg brach das Gleichgewicht der europäischen Großmächte zusammen, und der Handel ging stark zurück [4]. New York löste London als führender Finanzplatz ab [3]. In den 1920er-Jahren lebte die Globalisierung mit amerikanischem Kapital kurz wieder auf [3]. Der Ökonom Henrik Müller sieht einen Grund für das Scheitern der Wiederherstellung darin, dass die USA keine entsprechende Verantwortung übernahmen [4].
1930 lösten die USA mit den Smoot-Hawley-Zöllen einen Handelskrieg aus, in dessen Folge der internationale Austausch nach und nach zusammenbrach [4]. Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 gaben die Staaten den Goldstandard auf, bildeten Währungsblöcke und schränkten Kapitalverkehr und Migration ein [3]. Den Verlauf dieser Krise beschreibt der Artikel Die Weltwirtschaftskrise ab 1929.
Neue Ordnung nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die USA eine neue Ordnung auf. Der Internationale Währungsfonds verwaltete feste Wechselkurse, und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT sollte Zölle abbauen [4]. 23 Staaten unterzeichneten das GATT am 30. Oktober 1947, die Zollsenkungen traten bis zum 30. Juni 1948 in Kraft [5]. Der Osten gründete 1949 den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe mit Planwirtschaften und nicht frei tauschbaren Währungen [3]. Von 1950 bis in die 1970er-Jahre wuchsen die Volkswirtschaften real um etwa 4 bis 5 Prozent im Jahr. In dieser Zeit, die Wolf "Golden Age of Growth" nennt, erreichte die Industrialisierung Japan, Teile Ostasiens und frühere Kolonien, und immer mehr Menschen zogen vom Land in die Städte [3].

In den 1970er-Jahren endete das System von Bretton Woods, und die Wechselkurse wurden freigegeben. Die Ölkrisen von 1973 und 1979/80 trafen die Industrieländer [4]. Nach Müllers Darstellung blieben die Staaten in den Nachkriegsjahrzehnten wirtschaftlich noch weitgehend abgeschottet [4].
Die zweite Globalisierung
In den 1980er-Jahren wurde die Liberalisierung zum wirtschaftspolitischen Ziel, und ab Mitte des Jahrzehnts wuchs der Welthandel schneller als die Weltwirtschaft [4]. Die Uruguay-Runde des GATT dauerte von 1986 bis 1994, an ihr nahmen 123 Länder teil [5]. Aus ihr ging die Welthandelsorganisation WTO hervor, die am 1. Januar 1995 entstand [5]. 1993 öffnete der EU-Binnenmarkt [4].
Am 10. November 2001 billigte die Ministerkonferenz der WTO nach fast 15 Jahren Verhandlungen den Beitritt Chinas [6]. Nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes verbreiteten sich laut Wolf Computer, Mobiltelefone und genormte Container über die ganze Welt. Unternehmen verteilten einzelne Arbeitsschritte auf die jeweils günstigsten Standorte und behielten Forschung und Design im eigenen Land. Die Finanzkrise von 2008 zeigte nach Wolfs Urteil, dass weltweit tätige Unternehmen und Finanzdienstleister Krisen auslösen können, mit denen einzelne Staaten kaum noch fertig werden [3]. Über die vernetzten Finanzmärkte erfasste die in den USA ausgelöste Bankenkrise damals auch Deutschland [9]. Das Haus der Geschichte beschreibt die Jahre ab 2001 als Zeit, in der höhere Mobilität und dichtere Kommunikation Politik, Wirtschaft und Alltag der Deutschen weltweit vernetzten [9]. Welche Rolle China dabei spielte, zeigt der Artikel Der Aufstieg Chinas, die technische Seite der Vernetzung Geschichte des Internets und der Digitalisierung.
Der Welthandel in Zahlen
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat die Entwicklung des Warenhandels auf Grundlage der Statistik der WTO ausgewertet [7]:

| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Weltweiter Warenexport 1990 | 3.500 Milliarden US-Dollar |
| Weltweiter Warenexport 2008 | 16.200 Milliarden US-Dollar |
| Weltweiter Warenexport 2023 | 23.800 Milliarden US-Dollar |
| Anteil des Warenexports am Welt-BIP 1970 | 9,3 Prozent |
| Anteil des Warenexports am Welt-BIP 2008 | 25,2 Prozent |
| Außenhandelsquote der Welt 1970 und 2023 | 19,0 und 45,8 Prozent |
| Außenhandelsquote Deutschlands, Mittel 2019 bis 2023 | 71,7 Prozent |
Seit 1950 ist der reale Warenexport fast jedes Jahr gestiegen. Die stärksten Rückgänge gab es 1975, 2009 und 2020, der Einbruch in der Finanzkrise 2008/2009 war der stärkste seit 1950 [7]. Pro Kopf stieg der reale Export von 1960 bis 2023 um den Faktor 7,7 [7].
Kritik und Gegenbewegungen
Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Globalisierung haben national und international Gegner auf den Plan gerufen [1]. Das Politiklexikon nennt als Folgen einen wachsenden Wettbewerbsdruck zwischen Unternehmen und Auswirkungen auf die Sicherheit von Arbeitsplätzen [1]. Zu den bekanntesten Gruppen in Deutschland gehört das globalisierungskritische Netzwerk attac. Eine seiner Gründungsforderungen ist eine Steuer auf den Handel mit Finanzprodukten von mindestens 0,05 Prozent, deren Einnahmen gegen Armut und für den Umweltschutz eingesetzt werden sollen [8]. Im Januar 2013 erlaubten die EU-Finanzminister elf Ländern, darunter Deutschland, eine solche Steuer einzuführen [8].
Vom Prozess zum Zustand
Nach Müllers Deutung hat die Finanzkrise 2008 den Charakter der Globalisierung verändert, "vom Prozess zum Zustand". Die Arbeitsteilung nahm seither nicht weiter zu, blieb aber auf hohem Niveau [4]. Ab 2018 begannen die USA unter Präsident Donald Trump Handelskonflikte, und seit Ende 2019 ist die Berufungsinstanz der WTO blockiert [4]. Die Pandemie, Lieferengpässe und der Krieg in der Ukraine führten dazu, dass Unternehmen Produktion in die Nähe verlagerten und sich schrittweise von China und Russland lösten [4].
Müller zieht daraus den Schluss, die von den USA geführte Nachkriegsordnung sei Geschichte und kleinere, ärmere Länder hätten das Nachsehen. Der Handel zwischen den politischen Blöcken nehme ab, während Länder, die einander politisch nahestehen, mehr miteinander handelten. Deutschland sei als besonders offene Volkswirtschaft stark betroffen, zumal China sein größter Handelspartner außerhalb der EU ist [4]. Wolf betont, dass Handel Wohlstand verbreiten kann, ob er es tut, hänge aber vom institutionellen Rahmen ab [3]. Wie die Krise von 2008 um die Welt lief, erzählt der Artikel Die Finanzkrise 2008. Den langen Bogen vom Fernhandel der Antike bis heute schlägt Wirtschaft und Handel in der Geschichte.
- Studie Klaus Schubert, Martina Klein: Globalisierung, in: Das Politiklexikon, 7. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung (Lizenzausgabe, Dietz). Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Jürgen Osterhammel: Zur Geschichte des Freihandels (Aus Politik und Zeitgeschichte 4-5/2018). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 19.01.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Nikolaus Wolf: Kurze Geschichte der Weltwirtschaft (Aus Politik und Zeitgeschichte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 19.12.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Henrik Müller: Einmal Globalisierung und zurück. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 12.06.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation The GATT years: from Havana to Marrakesh. Welthandelsorganisation (WTO). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation WTO ministerial conference approves China's accession (Press/252). Welthandelsorganisation (WTO). Stand 10.11.2001. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Entwicklung des Warenhandels (Zahlen und Fakten: Globalisierung). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 24.03.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Plakat von attac "Finanztransaktionssteuer einführen!" (LeMO-Objekt). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Markus Würz: Globalisierung (LeMO-Kapitel). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 07.06.2022. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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