Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Der Imperialismus: wie Europa ab 1880 die Welt aufteilte

Als Imperialismus bezeichnet man vor allem die Zeit von etwa 1880 bis 1914, in der europäische Mächte, die USA und Japan ihre Herrschaft über große Teile der Welt ausdehnten. Bis 1914 war Afrika bis auf Liberia und Abessinien unter Kolonialmächten aufgeteilt. Die Rivalität um Kolonien und Flotten verschärfte die Spannungen vor dem Ersten Weltkrieg.

Ein Hafen des späten 19. Jahrhunderts mit Dampfschiffen und Segelschiffen, Kisten und Säcke auf dem Kai
Bild: KI-generiert

Europäische Staaten besaßen schon seit dem 16. Jahrhundert Kolonien. In den 1880er-Jahren trat die Eroberung der Welt aber in eine neue Phase. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verdichteten und formalisierten die Kolonialmächte ihre Herrschaft, viele Gebiete wurden in kurzer Zeit förmlich in Besitz genommen [1]. Diese Zeit nennt die Forschung Hochimperialismus. Hier erfährst du, welche Motive dahinterstanden, wie Afrika und Asien unter die Mächte gerieten, was das Deutsche Reich tat und warum die Konkurrenz um Kolonien die Lage in Europa verschärfte.

Was Imperialismus bedeutet

Der Begriff bezeichnet das Streben eines Staates, seinen wirtschaftlichen, militärischen, politischen und kulturellen Macht- und Einflussbereich weit über die eigenen Grenzen hinaus auszudehnen [8]. Der Kolonialismus ist enger gefasst. Er meint ein territorial bestimmtes Herrschaftsverhältnis, während der Imperialismus auch informelle Formen der Steuerung ohne Gebietsherrschaft einschließt [9]. Wie die Kolonialherrschaft in den Gebieten selbst aussah, beschreibt der Artikel über den Kolonialismus.

Schon Zeitgenossen versuchten, das Phänomen zu erklären. Der Brite John Atkinson Hobson sah 1902 die Triebkraft der britischen Expansion im Zwang, Anlagemöglichkeiten für Kapital zu finden. Rosa Luxemburg und Wladimir Iljitsch Lenin sahen im Kapitalismus die Haupttriebkraft des Imperialismus [1].

Die Motive der Großmächte

Die Historikerin Gabriele Metzler nennt mehrere Antriebe, die zusammenwirkten [1]. Wirtschaftlich ging es um Kapitalexport, vor allem aus Großbritannien, und um Rohstoffe wie Kupfer, Kautschuk und Erdöl, die die Industrialisierung verlangte. Innenpolitisch sollten koloniale Erfolge von Konflikten zu Hause ablenken; der Historiker Hans-Ulrich Wehler sprach deshalb von "Sozialimperialismus". Gerechtfertigt wurde die Herrschaft mit einer angeblichen Pflicht, die Bevölkerung der Kolonien zu "zivilisieren". Die aufkommende Rassenlehre teilte Menschen in eine Rangordnung von "Rassen" ein und lieferte damit eine weitere Begründung [1].

Reihen von Kautschukbäumen auf einer tropischen Plantage, an der Rinde hängen kleine Becher für den Milchsaft
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Der Politikwissenschaftler Stefan Mair hebt für Afrika die national aufgeheizte Stimmung in den meisten Ländern Europas hervor. Dazu kamen Mission, Handelsinteressen und Forschungsreisen. Fortschritte in Militärtechnik und Medizin senkten außerdem die Kosten der Eroberung [7].

Der Wettlauf um Afrika

Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte in Berlin auf Einladung Otto von Bismarcks die sogenannte Kongo-Konferenz. Ihr Ergebnis war die Kongo-Akte. Sie legte fest, dass eine koloniale Inbesitznahme "effektiv" sein musste, um von den anderen Mächten anerkannt zu werden [1]. Anders als oft behauptet, teilten die Teilnehmer Afrika in Berlin nicht untereinander auf. Der Wettlauf um den Kontinent war zu diesem Zeitpunkt schon im Gang [1]. Bis 1914 hatten die Europäer die afrikanische Landmasse unter sich aufgeteilt. Frei von europäischem Zugriff blieben nur Liberia und Abessinien, das heutige Äthiopien und Eritrea [1].

Eine Schmalspurbahn mit kleiner Dampflok und Güterwagen fährt durch eine weite Savanne mit Akazien
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Wie brutal die Herrschaft sein konnte, zeigte der Kongo-Freistaat. Seit der Berliner Konferenz war er Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. Die Kautschukernte beruhte auf extremer Ausbeutung der Bevölkerung. Die internationale Empörung über die "Kongo-Gräuel" führte dazu, dass der belgische Staat die Kolonie 1908 übernahm [1].

Ihre Verwaltung finanzierten die Kolonialmächte in der Regel über Steuern und Zwangsarbeit der Einheimischen. Frankreich, Belgien und Portugal regierten bevorzugt direkt mit eigenen Beamten, Großbritannien setzte eher auf indirekte Herrschaft über einheimische Machthaber, etwa im Norden Nigerias und in Uganda. Eisenbahnen wurden vor allem aus strategischen Gründen gebaut und um Rohstoffe zu den Häfen zu bringen [7].

Großbritannien, Frankreich und die neuen Mächte

Großbritannien beherrschte ab 1870 unter anderem Indien, Burma, Ceylon, Malaya, Singapur und Hongkong und erwarb bis 1914 weitere Gebiete [1]. Frankreich besetzte Algerien seit 1830. 1881 wurde Tunesien Protektorat, 1887 entstand die Union Indochinoise, 1893 kam Laos dazu, 1895 Madagaskar und 1896 Französisch-Somaliland, das heutige Dschibuti [1]. 1898 trafen britische und französische Truppen bei Faschoda am Weißen Nil im Sudan aufeinander. Frankreich wollte ein Reich von West nach Ost durch Afrika, Großbritannien eine Verbindung von Süd nach Nord. Der Konflikt wurde durch einen kolonialen Ausgleich entschärft [1].

Auch außereuropäische Staaten traten als Mächte auf. Mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 wurden die USA zum Gegenspieler der Europäer in der Karibik, und die Philippinen waren von 1902 bis 1946 eine amerikanische Kolonie [1]. In China erzwangen die westlichen Großmächte mit der "Politik der offenen Tür" freien Zugang zum Markt [1]. Wie Japan sich zur selben Zeit modernisierte, beschreibt der Artikel über die Meiji-Restauration.

Das Deutsche Reich als Kolonialmacht

Reichskanzler Otto von Bismarck stand Kolonien skeptisch gegenüber. Trotzdem entstanden die meisten deutschen Kolonien in seiner Amtszeit [2]. Im April 1884 stellte das Reich die Gebiete in Südwestafrika, die der Kaufmann Adolf Lüderitz erworben hatte, unter seinen "Schutz". Im Juli 1884 folgten Togo und Kamerun, im Februar 1885 das von Carl Peters erworbene Gebiet in Ostafrika und im Mai 1885 Nord-Neuguinea und der Bismarck-Archipel [2]. Der 1882 gegründete Deutsche Kolonialverein sah in Kolonien die Grundlage für eine Weltmachtpolitik. Nach Bismarcks Entlassung 1890 verfolgte Kaiser Wilhelm II. eine Kolonialpolitik, die dem Reich "Weltgeltung" sichern sollte [2]. Fläche und Einwohner der Kolonien im Jahr 1912 [3]:

Ein Verwaltungsgebäude der Kolonialzeit mit breiter Veranda und weißen Säulen zwischen Palmen
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KolonieFläche in km²Einwohner 1912davon Deutschedeutsch seit
Deutsch-Ostafrika995.0007,511 Mio.3.5791885
Deutsch-Südwestafrika835.10086.00012.1351884
Kamerun495.0002,540 Mio.1.3591884
Neuguinea240.000601.0006651884/85
Togo87.2001,003 Mio.3161884
Samoa2.57038.0002941899
Kiautschou (China)515keine Angabekeine Angabe1897/98

Als Siedlungsland spielten die Kolonien kaum eine Rolle. Zwischen 1887 und 1906 wanderten etwa eine Million Deutsche in die USA aus, bis zum Ersten Weltkrieg ließen sich nur 23.000 Auswanderer in den deutschen Kolonien nieder [2].

Krieg und Völkermord in Südwestafrika

Am 12. Januar 1904 griffen bewaffnete Herero Farmen und Orte der Siedler an und töteten über 120 Menschen. Die Entscheidung fiel am 11. August 1904 am Waterberg; die deutsche Führung hatte die Schlacht als Vernichtungsschlacht geplant. Danach forderte General Lothar von Trotha eine rücksichtslose Fortsetzung des Krieges und kündigte in einer Proklamation an, jeder Herero innerhalb der Grenzen der Kolonie werde getötet [4]. Von schätzungsweise bis zu 80.000 Herero starben bis zur Aufhebung des Kriegszustands am 31. März 1907 zwischen einem und zwei Dritteln [4]. Auch die Nama erhoben sich. Die deutsche "Schutztruppe" wuchs auf 16.000 Mann und führte den Krieg bis Ende 1907 weiter. Etwa die Hälfte der 20.000 Nama kam ums Leben [2].

Das Auswärtige Amt erklärte 2015: "Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord." Im Sommer 2016 stellte die Bundesregierung fest, dass der Begriff Völkermord ihre Position wiedergebe [4].

Der Boxeraufstand in China

Das Deutsche Reich pachtete auch Häfen in China. Sein wichtigster Stützpunkt war Tsingtau in der Bucht von Kiautschou in der Provinz Shandong. Im Frühjahr 1900 begann in Nordchina der Aufstand der sogenannten Boxer gegen die ausländischen Mächte. Im Juni versuchten etwa 25.000 Aufständische, in das Gesandtschaftsviertel von Peking einzudringen, das rund 3.300 Verteidiger hielten. Am 20. Juni 1900 wurde der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler getötet [5]. Ein internationales Entsatzheer von etwa 20.000 Mann erreichte das Viertel im August. Den Oberbefehl über die alliierten Truppen übernahm Alfred Graf von Waldersee, das Deutsche Reich stellte mit rund 20.000 Soldaten das weitaus größte Kontingent. Die deutschen Verbände trafen erst nach der Befreiung Pekings in China ein. Bei der Verabschiedung der deutschen Einheiten hielt Kaiser Wilhelm II. die sogenannte Hunnenrede [5]. Das Boxerprotokoll vom 7. September 1901 beendete sie und legte China Kriegsentschädigungen auf [5].

Flottenbau und der Weg in den Krieg

Die Konkurrenz um Kolonien verband sich mit einem Wettrüsten zur See. 1896 verkündete Wilhelm II.: "Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer." Unter Alfred von Tirpitz, dem Staatssekretär des Reichsmarineamts, baute das Reich eine Schlachtflotte auf, die so stark sein sollte, dass ein Krieg auch für die stärkste Seemacht ein Risiko wäre. Mit der Flottennovelle von 1900 sollte sich die Marine verdoppeln und das Verhältnis deutscher zu britischen Kriegsschiffen von 1:2 auf 2:3 steigen [6]. Das Kaiserreich wurde so nach Großbritannien die zweitstärkste Seemacht der Welt. Großbritannien sah seine Vorherrschaft auf See bedroht. Gespräche über eine Begrenzung der Rüstung zwischen 1909 und 1912 scheiterten, weil das Reich sein Flottenprogramm nicht wesentlich kürzen wollte. Das Wettrüsten verschärfte die Spannungen im europäischen Staatensystem und belastete die Haushalte schwer [6].

Eine große Werft um 1900 mit einem stählernen Schiffsrumpf auf der Helling, Kränen und Gerüsten
Bild: KI-generiert

Wie diese Spannungen 1914 in den Krieg mündeten, beschreibt der Artikel über den Ersten Weltkrieg. Das Ende der Kolonialreiche nach 1945 behandelt der Artikel über die Dekolonisierung.

  1. Studie Gabriele Metzler: Die Epoche des Hochimperialismus, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 338. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Burkhard Asmuss: Kolonialpolitik (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 08.06.2011. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Arnulf Scriba: Statistische Angaben zu den deutschen Kolonien (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 17.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Arnulf Scriba: Der Herero-Krieg 1904 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 04.08.2016. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Christian Preuße: Boxeraufstand (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.02.2015. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Klaus-Peter Merta: Flottenbau (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.10.2004. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Stefan Mair: Ausbreitung des Kolonialismus, aus: Informationen zur politischen Bildung Nr. 264. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 21.05.2005. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Imperialismus, in: Das Politiklexikon. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Studie Sebastian Conrad: Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 44-45/2012. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 23.10.2012. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.