Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Der Kolonialismus: europäische Herrschaft über Afrika und Asien

Kolonialismus ist die Herrschaft einer fremden Macht über ein Gebiet und seine Bevölkerung, bei der eine kleine Minderheit von außen über das Leben der Kolonisierten bestimmt. Europäische Staaten bauten seit dem 15. Jahrhundert Kolonialreiche auf, zwischen 1881 und 1890 teilten sie fast ganz Afrika unter sich auf. Das Deutsche Reich besaß von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg Kolonien in Afrika, China und der Südsee.

Ein altes hölzernes Segelschiff liegt an einem Steinkai vor Speicherhäusern aus Backstein, davor Säcke und Holzkisten
Bild: KI-generiert

Über fünf Jahrhunderte haben europäische Staaten große Teile der Welt beherrscht. Diese Seite erklärt, was Kolonialismus bedeutet, und legt den Schwerpunkt auf das 19. Jahrhundert: die Aufteilung Afrikas, die deutschen Kolonien und die Gewalt, mit der Kolonialherrschaft durchgesetzt wurde. Die frühe Phase mit dem Handel über den Atlantik behandeln die Seiten zum Kolonialhandel und zum atlantischen Sklavenhandel, die Machtpolitik der Großmächte um 1900 die Seite zum Imperialismus.

Was Kolonialismus bedeutet

Der Historiker Jürgen Osterhammel beschreibt Kolonialismus als eine Herrschaftsbeziehung, in der eine kleine, kulturell fremde Minderheit über das Leben der Kolonisierten entscheidet, meist im Interesse einer Macht außerhalb des Landes [1]. Zur Kolonialherrschaft gehörten Begründungen, die sie rechtfertigen sollten. Zuerst berief man sich auf den Gegensatz zwischen Christen und Heiden, später auf biologisch-rassistische Lehren [1].

Die Forschung unterscheidet drei Grundformen von Kolonien [1]:

FormZweckBeispiele
Stützpunktkoloniestrategische Häfen und HandelsplätzeKapstadt, Hongkong
BeherrschungskolonieAusbeutung eines großen Landes durch wenige Beamte und SoldatenBritisch-Indien
SiedlungskolonieEinwanderung aus Europa, Verdrängung der einheimischen BevölkerungUSA, Australien

Daneben gab es informellen Einfluss ohne förmliche Kolonie, etwa auf China [1].

Fünf Jahrhunderte europäischer Expansion

Der Kolonialismus begann mit der Ausdehnung Portugals und Spaniens im 15. Jahrhundert. Als Beginn der Globalisierung gilt oft die Rückkehr der Flotte Magellans nach Sevilla im Jahr 1522 [1]. Wie die Europäer nach Amerika und Asien kamen, behandeln die Seiten zur Frühen Neuzeit.

In Afrika blieb die europäische Herrschaft lange auf die Küsten beschränkt. Vor 1880 waren dort nur Algerien in französischer und Südafrika und Lagos in britischer Hand. Portugal war in Angola und Mosambik nur schwach vertreten [2]. Das änderte sich innerhalb eines Jahrzehnts.

Der Wettlauf um Afrika

Zwischen 1881 und 1890 geriet der größte Teil Afrikas unter europäische Kontrolle [2]. Ein Schritt zog den nächsten nach sich: 1881 machte Frankreich Tunesien zum Protektorat, 1882 besetzte Großbritannien Ägypten. König Leopold II. von Belgien erhielt das Kongobecken als private Kolonie [2]. Nach der Entdeckung von Gold in Transvaal 1886 war Südafrika der wertvollste Teil des Kontinents [2].

Ein alter Globus auf einem Holzgestell in einem dämmrigen Arbeitszimmer, Afrika ist zu sehen, warmes Lampenlicht
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Die vielen politischen Einheiten des vorkolonialen Afrika wurden auf etwa 40 Kolonialgebiete zusammengefasst. Die Grenzen zogen Europäer, ohne die Menschen vor Ort zu beteiligen [2]. Mit dem französischen Protektorat über Marokko war die Aufteilung 1912 im Wesentlichen abgeschlossen [2]. Unabhängig blieben Liberia, seit 1847 eine Republik, gegründet als Zufluchtsort für Afroamerikaner, und Äthiopien, das 1896 eine italienische Armee besiegte [2].

Die Berliner Afrika-Konferenz 1884/85

Vom 15.11.1884 bis 26.02.1885 trafen sich in Berlin auf Einladung Bismarcks Diplomaten aus Europa, den USA und dem Osmanischen Reich. Afrikaner waren nicht beteiligt [3]. Verhandelt wurden die Handelsfreiheit im Kongobecken, die freie Schifffahrt auf Niger und Kongo und Regeln, wie neue Gebietsansprüche angemeldet werden sollten [3].

Wer eine Kolonie beanspruchte, musste dort künftig eine Verwaltung aufbauen. Das trieb die Kolonialmächte von der Küste ins Landesinnere [3]. Viele Absprachen fielen am Rand der Konferenz zwischen zwei Staaten. Die Konferenz bestätigte im Wesentlichen eine Aufteilung, die schon im Gang war [3].

Wie Kolonialherrschaft funktionierte

Erobert wurde mit Maschinengewehren, und Chinin schützte die Europäer gegen Malaria. Danach regierten die Kolonialmächte oft indirekt: Der Gouverneur kontrollierte Militär und Polizei, örtliche Verwaltung und Rechtsprechung überließ er afrikanischen Partnern [2].

Große Gebiete im Kongo-Freistaat, in Französisch-Äquatorialafrika, Kamerun und Deutsch-Ostafrika übergab man Gesellschaften mit Sonderrechten [2]. Im Kongo stieg die Ausfuhr von Kautschuk von 2,8 Millionen belgischen Franc 1895 auf 43,7 Millionen 1905 [2]. Leopold II. beutete das Land so rücksichtslos aus, dass der Historiker Jürgen Zimmerer von bis zu zehn Millionen Opfern spricht [3]. 1908 übernahm der belgische Staat das Gebiet [8].

Die deutschen Kolonien

Deutschland wurde spät Kolonialmacht. Bismarck hielt Kolonien lange für zu teuer und ihren Nutzen für eine Illusion. Noch nach 1871 lehnte er Kolonialpolitik ab [3]. 1884 änderte er seine Haltung, unter dem Druck Hamburger Kaufleute wie Adolph Woermann und aus innen- und außenpolitischen Gründen [3]. Mehr dazu steht auf der Seite über Otto von Bismarck.

Ein verwittertes Verwaltungsgebäude im Kolonialstil mit breiter Veranda und Fensterläden zwischen Palmen
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Der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz hatte Land in Südwestafrika erworben und Ende 1882 um den Schutz des Reiches gebeten. Am 12.07.1884 kauften die Firmen C. Woermann und Jantzen & Thormählen einen Küstenstreifen von den Duala in Kamerun, zwei Tage später hisste Gustav Nachtigal dort die deutsche Flagge [3]. 1884/85 erklärte das Reich Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Neuguinea zu "Schutzgebieten". 1897 kam Kiautschou in China dazu, 1899 Samoa [3].

Verwalten sollten die Gebiete zunächst private Gesellschaften auf eigene Kosten. Das scheiterte innerhalb weniger Jahre, und der Staat musste übernehmen [3]. Bis auf Togo kosteten alle Kolonien das Reich mehr Geld, als sie einbrachten [1]. In den Kolonien galt eine rassistische Ordnung, mit Eheverboten zwischen Weißen und Einheimischen und einer biologischen Bestimmung, wer als "Eingeborener" galt [1].

Völkermord in Deutsch-Südwestafrika

Im heutigen Namibia lebten 1884 gut 200.000 Menschen, davon etwa 80.000 bis 100.000 Herero und Nama [4]. Im Januar 1904 erhoben sich die Herero gegen die deutsche Herrschaft. Im Mai übernahm General Lothar von Trotha das Kommando. Nach der Schlacht am Waterberg am 11. und 12.08.1904 trieben die deutschen Truppen die Herero in die Omaheke-Wüste, im Oktober 1904 erließ von Trotha einen Vernichtungsbefehl [4]. Ende 1904 erhoben sich auch die Nama, gegen sie richtete sich am 22.04.1905 ein zweiter Vernichtungsbefehl [4].

Eine weite trockene Landschaft mit einem roten Tafelberg über der Dornbuschsavanne unter blassem Himmel
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Menschen starben durch Morde, verdursteten in der Wüste oder kamen in Konzentrationslagern um. Bis zu 80 Prozent der Herero und etwa die Hälfte der rund 20.000 Nama kamen ums Leben, die genauen Zahlen sind umstritten [4]. Der Krieg von 1904 bis 1908 gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts [4].

Gewalt in Deutsch-Ostafrika

In Ostafrika, dem heutigen Tansania, Ruanda und Burundi, beanspruchte ab 1885 die private Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft große Küstengebiete durch Verträge, die die Einheimischen benachteiligten. 1891 übernahm das Reich die Verwaltung [5]. Gegen den Abushiri-Aufstand von 1888 bis 1890 kämpften 88 Deutsche und 850 afrikanische Söldner. Der Krieg gegen die Hehe endete 1898 [5].

Kopf- und Hüttensteuern zwangen Afrikaner zur Arbeit auf Plantagen und beim Bahnbau [5]. Diese Lasten lösten 1905 den Maji-Maji-Krieg aus, der bis 1908 dauerte. Deutsche Quellen meldeten 75.000 Tote, heutige Schätzungen liegen zwischen 100.000 und 300.000, auch weil die Kolonialtruppen Felder und Vorräte vernichteten und Hungersnöte auslösten [5].

Das Ende der Kolonialreiche

Deutschland verlor seine Kolonien mit dem Ersten Weltkrieg. Der Völkerbund übergab sie anderen Staaten als Mandate [1]. Die Kolonialreiche Großbritanniens, Frankreichs, Belgiens, der Niederlande und Portugals bestanden bis nach dem Zweiten Weltkrieg weiter [7]. 1945 gab es in Afrika nur drei unabhängige Staaten: Liberia, Äthiopien und Ägypten [6].

Ein leerer Hafen im Morgengrauen, ein großes Passagierschiff legt ab, ruhiges Wasser und rosa Himmel
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Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfielen die Reiche schnell. Indien wurde am 15.08.1947 unabhängig und zugleich in Indien und Pakistan geteilt, etwa zehn Millionen Menschen mussten umsiedeln [7]. Indonesien erklärte sich am 17.08.1945 für unabhängig, die Niederlande zogen sich 1949 zurück. Nach der Niederlage bei Dien Bien Phu am 07.05.1954 verließ Frankreich Indochina, nach acht Jahren Krieg wurde Algerien im Juli 1962 unabhängig [7]. 1960 wurden 17 afrikanische Kolonien selbständig, man spricht deshalb vom "Jahr Afrikas" [6]. Die portugiesischen Kolonien folgten nach der Nelkenrevolution vom 25.04.1974, Angola und Mosambik 1975 [7]. Den ganzen Ablauf beschreibt die Seite zur Dekolonisierung.

Erinnerung und Anerkennung

Ende 2015 begannen offizielle Gespräche zwischen Deutschland und Namibia über die Verbrechen in Südwestafrika [4]. Am 28.05.2021 gab das Auswärtige Amt eine Einigung mit Namibia bekannt. Deutschland erkannte den Völkermord an den Herero und Nama an, bat um Vergebung und sagte 1,1 Milliarden Euro für Wiederaufbau und Entwicklung zu. Einen Entschädigungsanspruch leitete die Bundesregierung daraus nicht ab [4]. Teile der Herero und Nama kritisierten die Einigung und fordern Reparationen und die Rückgabe von Land [4].

In Tansania bitten Gemeinden bis heute um die Rückgabe der Gebeine ihrer Vorfahren. Im November 2023 bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Songea um Verzeihung für die Verbrechen der Kolonialzeit [5]. Mehr zur Geschichte des Kontinents liest du auf der Seite zur Geschichte Afrikas.

  1. Studie Jürgen Zimmerer: Expansion und Herrschaft. Geschichte des europäischen und deutschen Kolonialismus (Aus Politik und Zeitgeschichte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2012. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Jürgen Osterhammel: 1880 bis 1914 (Informationen zur politischen Bildung, Das 19. Jahrhundert). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 08.08.2012. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Jürgen Zimmerer: Bismarck und der Kolonialismus (Aus Politik und Zeitgeschichte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.03.2015. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Völkermord an Herero und Nama: Abkommen zwischen Deutschland und Namibia. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum, korrigiert 25.03.2024. abgerufen am 29.10.2026
  5. Studie Bettina Brockmeyer: Geschichte der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 30.01.2025. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Andreas Eckert: 1960, das "Jahr Afrikas". Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 15.10.2020. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Gabriele Metzler: Die Auflösung der europäischen Imperien und ihre Folgen (Informationen zur politischen Bildung 338). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Gabriele Metzler: Die Epoche des Hochimperialismus (Informationen zur politischen Bildung 338). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.